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So war die Tanzsaison in Sachsen

Krimis und Kraftpakete an der Semperoper, viele Produktionen für junges Publikum sachsenweit: Die SZ-Kritiker ziehen Bilanz der Spielzeit 2018/19.

Carmen kocht sich die Männer weich - Szene aus dem verblüffenden "Carmen"-Ballett von Johan Inger in der Semperoper.
Carmen kocht sich die Männer weich - Szene aus dem verblüffenden "Carmen"-Ballett von Johan Inger in der Semperoper. © Ian Whalen

Exportschlager Semper-Ballett - ob auf Spitze oder barfuß, die Dresdner gehören zu den Weltbesten.

Von Bernd Klempnow

Noch einmal große Emotionen – zum Kehraus der Semperoper-Saison vergangenen Sonntag brillierte das Ballett mit seinem „Sommernachtstraum“. Dieser vereint eigentlich Unvereinbares: das humorvolle neoklassische Handlungsballett zum gleichnamigen Shakespeare-Stück mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in moderner, aber sinnlich-androgyner Sprache. Es ist eine eindringliche Produktion zum hemmungslosen Jubilieren.

Kaum besser, als synonymisch mit diesem „Sommernachtstraum“, kann man derzeit die Leistungsfähigkeit und Qualität der Compagnie nicht beschreiben. Die 54 Ensemblemitglieder um Direktor Aaron S. Watkin tanzen technisch überzeugend auf Spitze, im Schläppchen und barfuß. Sie gestalten unterhaltend wie staunen machend ein Repertoire mit Werken aus gut 150 Jahren Tanzgeschichte. Mag vielleicht mal eine Produktion nicht 100-prozentig gelingen wie sonst, ein Besuch bei diesen Künstlern ist immer bereichernd.

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Weniger stark ist der Eindruck bei den meisten anderen Truppen und ihren Choreografen im Freistaat, die sich konzeptionell und personell schon mal überheben, in Sackgassen verrennen oder vor sich hin wursteln. Da verfliegt die Lust, umherzureisen. Selbst die große, jahrelang leistungsfähige Leipziger Truppe hatte dieses Jahr nur einen eher durchschnittlichen Lauf. Das ist die Bilanz nach gut 20 Premieren der sechs festen Ensembles von Görlitz bis Zwickau-Plauen und vieler Projekte freier Gruppen und Kämpfer.

Allerdings fällt auf: Fast jedes der festen Ensembles bietet mittlerweile extra Inszenierungen für Kinder und Jugendliche an. Das kostet Kraft, hilft aber mit, ein tanzoffenes Publikum zu erziehen. Diese neuen Fans vergöttern ihre Bühnenlieblinge und dürften die kritische Bilanz des SZ-Kritikers anders sehen. Und das ist gut so!

Zurück zum Ballett der Semperoper. Drei Premieren und sechs Wiederaufnahmen in gut 90 Vorstellungen war das Pensum dieser Truppe 2018/19. Hinzu kamen Gastspiele etwa in Australien und Singapur. Schon früher waren die Dresdner weltweit unterwegs. Mittlerweile hat sich ihre Güte so herumgesprochen, dass die Anfragen an das Ensemble dessen Gastspielmöglichkeiten bei Weitem übersteigen. Kein Wunder, wenn der neue Intendant Peter Theiler, der anfangs Watkin skeptisch gegenüberstand, ihn und seine Mannschaft lobt. 

Unlängst sprach er vom „Exportschlager“ seines Hauses und feierte den Fleiß und die Bescheidenheit der Tänzer. In anderen Compagnien wird auf einheitliche Typen geachtet, Watkin hingegen schätzt eine Truppe mit viel Farbe, Ideen und einem breiten Ausdrucksspektrum. Beide großen Abende der Saison zeigten das nachdrücklich. Das Handlungsballett „Carmen“ von Johan Inger war ein psychologischer Krimi, der Vierteiler „Labyrinth“ mit Arbeiten von Tanzlegenden wie George Balanchine und Martha Graham ein vor Kraft und Schönheit strotzendes Erlebnis für Auge und Ohr.

Die außergewöhnliche Leistung der Dresdner honorierte die Tanzwelt in dieser Spielzeit mit mehreren Erwähnungen in der Dance Europe Critic’s Choice für Tänzer, Ballettchef und Inszenierungen sowie diversen Nominierungen für den National Dance Award und den diesjährigen Helpmann Award. Da ist es folgerichtig und gut, dass Intendant Theiler den Ballettchef Watkin – seit 2006 am Haus – bis vorerst 2023 an die Semperoper bindet.

Testosteron-Alarm herrscht in der Semperoper, wenn das Ballett des Hauses das energetische "Black Milk" vom israelischen Choreografen-Star Ohad Naharin tanzt. 
Testosteron-Alarm herrscht in der Semperoper, wenn das Ballett des Hauses das energetische "Black Milk" vom israelischen Choreografen-Star Ohad Naharin tanzt.  © Ian Whalen

Amateure schlagen Profis - jugendlich ist der gute Nährboden für die hehre Hochkultur.

Von Gabriele Gorgas

Das Wort Kultur, dem lateinischen colere entlehnt, bezeichnet die bäuerliche Tätigkeit, ein Feld zu bestellen, im Kern aber auch, sich zu drehen, zu bewegen. „Wenn die Bewegung sich rhythmisch verselbstständigt, wird sie Tanz.“ Ein Gedanke des so sprachgewandten Philosophen Hannes Böhringer, unlängst geäußert zum Auftakt des Festivals Erbstücke im Festspielhaus Hellerau.

Darüber lässt sich wahrhaft gut nachdenken, zumal an diesem von Rhythmik geprägten Ort. Und wer im Juni in Hellerau die Aufführungen von „Masse“ mit dem Dresdner Jugendsinfonieorchester sowie insgesamt 80 jungen Tänzern des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden erlebt hat, weiß einmal mehr, welche Kräfte sich dabei entfalten können. Sie alle gemeinsam haben in Zusammenarbeit mit pädagogisch-künstlerisch erfahrenen Choreografen und Musikern gezeigt, wozu sie fähig und willens sind. Ein großartiges Projekt, das jede Aufmerksamkeit verdient.

Keine Frage, im rein tanztechnischen Können mag sich das „geschützte Tanzvolk“ nicht zwingend am Leistungsstand von Studierenden der Palucca Hochschule für Tanz messen lassen. Aber die „Masse“-Choreografie als künstlerische Herausforderung war sowohl musikalisch wie auch in der Bewegungssprache einfach mal spannender als die Mehrzahl jener Arbeiten, die Anfang Juli in der Semperoper bei der Abschluss-Soiree 2019 der Tanzhochschule zu erleben waren.

Was Hellerau betrifft, so hat sich das Europäische Zentrum der Künste in der ersten Spielzeit mit Carena Schlewitt als Intendantin und allen Partnern auch in den künstlerischen Gewichtungen ebenso wie in der verjüngten Publikumsstruktur spürbar verändert, ist zudem offensichtlich deutlich stärker vernetzt mit Kulturstätten in Dresden.

Dabei verzichtet es nicht auf ein eigenes Profil, führt Bewährtes weiter und gewinnt „nachwachsend“ stets Besucher und Mitgestaltende hinzu. Wie beispielsweise in der großartigen Zusammenarbeit mit 70 Jugendlichen der 121. Oberschule Dresden-Prohlis, die sich über viele Wochen musikalisch-bewegt mit ihrem „Da-Sein“ befasst haben, um schließlich im Festspielhaus Hellerau beherzt vor Publikum aufzutreten. Das wird keiner von ihnen vergessen – wir auch nicht.

Dass einem zum Spielzeitende immer die taufrischen Geschehnisse im Kopf herumschwirren, ist sicher normal. Das jüngste Ereignis, die über einen langen Zeitraum vorbereiteten „Planetenfeste“ als musiktheatralische Performance der Studiengänge Theaterausstattung und Bühnenbild der HfBK Dresden im Kleinen Schlosshof und im Labortheater, hat in jeder Weise das Publikum verzaubert. Ein herrliches Spektakel im Kontrast zu den historischen Planetenfesten 1719 – mit August und Gefolge, Göttern wie auch mächtig-gewaltigen Putten. Das ganze Prozedere gestaltet und in Bewegung gesetzt vor allem von Studierenden, in einer geradezu ansteckenden Fabulierlust und Engagiertheit.

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Ein Jahr der Monster, Killer und Überraschungen. Und das  jede Woche  1,7-mal -  vor zunehmend Outdoor-Publikum: Die SZ-Kritiker ziehen Bilanz für 2018/19.

Das sind überwiegend Begebenheiten jenseits der hehren Hochkultur, die ja überhaupt erst den eigentlichen Nährboden bilden, aus dem sich alles entwickeln kann. Da ist es doch gut zu wissen, dass Kultur (wir sprechen ja auch von Pflanzenkulturen) sich von dem Wort ableitet, das besagt, „ein Feld zu bestellen“, und damit auch, „sich zu drehen und zu bewegen“.

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