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Balsam und Freude in einem

Für Peter Schmidt war es vertrautes Terrain, als er letzte Woche im Dresdner Wissenschaftsministerium mit dem Verdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstkreuzes geehrt wurde. Der Professor kennt das Gebäude...

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Von Sebastian Beutler

Für Peter Schmidt war es vertrautes Terrain, als er letzte Woche im Dresdner Wissenschaftsministerium mit dem Verdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstkreuzes geehrt wurde. Der Professor kennt das Gebäude des heutigen Ministeriums seit 1967. Damals war hier die Pädagogische Hochschule, und Schmidt als junger Hochschulabgänger hatte hier seine erste Stelle.

Natürlich erinnerte sich der heute 59-Jährige an jene Jahre rückblickend, als er nun zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn die Ehrung entgegennahm, von der er nie und nimmer geträumt habe. „Ich habe mich nicht auf dieser Stufe gesehen“, sagt er. Seine Studenten wollten – kaum, dass er aus Dresden zurückgekehrt war, sich erst mal alles erzählen lassen, die Teilnehmer eines Tschechisch-Kurses gratulierten mit Blumensträußen und die Kollegen verhielten sich wie sonst: Die, die Schmidt mögen, gratulierten ihm aufs herzlichste und sahen darin eine Würdigung der gesamten Hochschule. Die, die mit Schmidt nicht auf bestem Fuße stehen, gaben sich freundlich, aber unbestimmt. Schmidt kann damit leben, nicht zuletzt weil er die erste Gruppe weitaus größer einschätzt als die kleinere zweite.

Für „Verdienste um Volk und Vaterland“ beschreibt Schmidt den Grund, warum er die Auszeichnung erhalten hat. Der offizielle Sprachgebrauch lautet: Das Bundesverdienstkreuz wird für besondere Verdienste auf politischem, wirtschaftlichem und geistigem Gebiet seit 1951 verliehen. Für Schmidt heißt das: Dass er vielleicht etwas früher die Chancen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gesehen habe und sich immer bemüht habe, die Kollegen in den Nachbarländern als Partner zu sehen. So hält er es beispielsweise bei der Neisse-University, deren Präsident er ist. „Wir müssen zwar ein wenig Hilfe geben“, sagt Schmidt, „doch die Tschechen und Polen haben ebenso Fähigkeiten einzubringen, die Weisheit jedenfalls haben wir nicht gepachtet.“

Mit dieser Einstellung hat er das Studiennetzwerk der Neisse University mit den Technischen Universitäten Liberec und Wroclaw zu einem Erfolg geführt, der andere, größere Wissenschaftseinrichtungen etwas neidisch ins Dreiländereck schauen lässt. Hier studieren gemeinsam Deutsche, Tschechen und Polen, weitere Studiengänge sind in Vorbereitung, international vergleichbare Abschlüsse in Vorbereitung. Fast hätte Schmidt dieses Projekt schon einmal angestoßen, doch am Internationalen Hochschul-Institut in Zittau schmiss Schmidt nach einem Jahr die Brocken hin. Seinen Nachfolger Markert nennt er als Grund.

Sprachlich hat sich der gebürtige Zittauer, der heute in Oybin lebt, sehr früh für slawische Völker interessiert. Der Antrieb lag in der Familie begründet. Sein Vater kehrte erst nach fünfjähriger russischer Gefangenschaft nach Zittau zurück. Zur damaligen Zeit war es nur den Besatzungstruppen erlaubt, auf die Jagd zu gehen. Doch die geschossenen Hasen am Eckartsberg nutzten den Russen wenig, sie mussten sie umsetzen in die anderen Dinge des täglichen Lebens. Bei der Vermittlung kamen Schmidts Vater seine Russisch-Kenntnisse zugute, und imponierte damit dem sechs- bis siebenjährigen Sohnemann sehr. Der schwor sich, einmal genauso gut diese Sprache beherrschen zu können wie sein Vater. Und so war für ihn der Russisch-Unterricht keine lästige und unattraktive Angelegenheit wie für viele seiner Altersgenossen, weil einfach „meine Motivation eine andere war“.

Heute kann Schmidt Tschechisch und Englisch fließend, Polnisch versteht er. Dazu beigetragen hat ein vierjähriger Aufenthalt in Prag, als er von 1978 bis 1982 als Lektor am DDR-Kulturinstitut tschechoslowakische Deutsch-Lehrer fortbildete. Es schlossen sich zwei Jahre in Budapest mit gleichen Aufgaben an. Dort musste der Sprachgewandte auch seine „größte“ Niederlage einstecken: Mit dem Ungarischen wurde er nicht warm.

Von Hause aus hat Schmidt Slawistik und Germanistik in der Erwachsenenausbildung studiert, und nach zwei Dresdner Jahren gehört er seit 1969 der Ingenieurhochschule in Zittau an. Er gehöre zum „Inventar“ sagt er, und erzählt von hochkarätigen Fachtagungen in Zittau, wo er dem russischen Energieminister dolmetschte, von einem versprochenen Lehrstuhl an der Chemnitzer Universität, der ihm schließlich doch aus politischen Gründen versagt blieb, von der schweren Zeit nach der Wende, als es gelang, die Sprachausbildung in Zittau zu erhalten. Schmidt berichtet von seinem Leben ohne Wehmut und erweckt nicht den Eindruck, der einen oder anderen Chance nachzutrauern. „Man weiß erst sehr spät im Nachhinein, ob es nicht doch gut so gewesen ist, wie es nun mal war“, sagt er mit Bestimmtheit.

Und natürlich hat er jetzt als Präsident der Neisse-University auch noch einmal die Chance erhalten, ein großes Projekt mitzugestalten. Die Mühen der Ebenen sind dabei nicht immer angenehm, erst einen Tag nach der Ordensverleihung mussten sich die Partner über einer Detailfrage zusammenraufen. Doch sie haben es der gemeinsamen Sache willen geschafft. Für Schmidt ist deshalb das Verdienstkreuz auch „Balsam für viele Probleme der Vergangenheit“. Und es erfüllt ihn mit Freude. Und Stolz. Und Dankbarkeit für jene, die ihn mit dieser Aufgabe betraut haben.