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Bange Blicke nach Potsdam

Vor 75 Jahren hofften die Vertriebenen des Zittauer Zipfels kurze Zeit auf eine Grenze östlich der Lausitzer Neiße.

Symbolbild
Symbolbild © André Schulze

Noch vor Beginn der Potsdamer Konferenz am 17. Juli 1945 hatten am 22. Juni die polnischen Besatzungstruppen die Räumung der Gebiete östlich der Neiße erzwungen. Die etwa 25.000 Einwohner der Dörfer des Landkreises Zittau, die auf der rechten Neißeseite lagen, wurden am frühen Morgen versammelt und über den Fluss getrieben. Ihre durch die Kriegslast ohnehin schon schlimme Situation verschlechterte sich an einem Tag um Dimensionen.

Aber eine kleine Hoffnung gab es noch. Alle wussten: Beschlossen war diese Grenze zu Polen noch nicht. Obwohl es weder Zeitung noch Radio gab, war erstaunlicherweise allgemein bekannt, dass erst in Potsdam endgültig über die Grenzen entschieden werden würde. Und nicht nur über die im Zittauer Land. Es ging auch um Stettin im Norden. Am 20. Juni 1945 hatte der Zittauer Bürgermeister seine Kollegen im Landkreis informiert, dass Stettin als ursprünglich 240.000 Einwohner zählende Stadt nur noch 30.000 Bewohner hätte. „Stettin liegt in Bezug auf die Ernährung auch sehr günstig“, schrieb er. Tatsächlich wurde Stettin sogar länger als die Zittauer Dörfer deutsch verwaltet. Nur, wie die erschöpften Leute dort hinkommen sollten, schrieb der Bürgermeister nicht…

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Die nach dem 22. Juni schlecht und recht Untergekommenen hofften folglich mit bangen Herzen auf die am 17. Juli beginnende Potsdamer Konferenz. Bekanntlich umsonst. Dass aber diese Hoffnung möglicherweise gar nicht so aussichtslos war, wurde erst in den letzten Jahren bekannt. 2007 berichtete der polnische Historiker Bogdan Musial über den Fund einer Landkarte im russischen Staatsarchiv. Ende Juli 1944 hatte Stalin in diese Karte eigenhändig eine Grenzlinie entlang der Glatzer Neiße eingetragen, sie danach aber korrigiert und die Grenze bei der Stadt Ohlau (heute Olawa) westlich der Glatzer Neiße gezogen. Dennoch wären in beiden Fällen Reichenau und die Nachbardörfer deutsch geblieben.

Aber Stalin hatte seine Meinung geändert. Er wollte unbedingt die 1939 besetzten polnischen Ostgebiete behalten und war deshalb bereit, dafür Polen Land im Westen anzubieten - ohne Einwohner. Ein geteiltes Breslau hätte dieses Angebot ebenso geschmälert wie ein deutsches Stettin. Also sollte es keine durchgehende Odergrenze bis zur Ostsee im Norden und im Süden ein Polen bis zur Lausitzer Neiße geben. Das waren Stalins klare Ziele, als er nach Potsdam kam. Schon auf der Krim-Konferenz im Februar 1945 hatte er diese deutlich gemacht.

Aber die West-Alliierten sahen das anders, vor allem der britische Premierminister Winston Churchill. Und wenn Churchill die ganze Zeit in Potsdam dabei gewesen wäre, wäre wohl Stalin entscheiden Paroli geboten worden. Aber, Ironie des Schicksals: Die Demokratie spielte dem sowjetischen Diktator in die Karten. Während der Konferenz wurde in Großbritannien gewählt.

Dadurch verließ am 24. Juli Churchill die Potsdamer Konferenz, um in London das Ergebnis der Unterhauswahlen anzunehmen. Seine Partei verlor, und somit saß ab 28. Juli Labour-Politiker Attlee am Konferenztisch. Ihm fehlten Hintergrundwissen und politische Erfahrung. Und ohne erfahrenen Gegenspieler hatte Stalin leichtes Spiel. Die vier Tage ohne britische Teilnahme hatten die Amerikaner und Russen ohnehin für eine Reihe Absprachen genutzt.

Am Ende einigte man sich auf die Formel, die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu einer „Friedenskonferenz“ zu verschieben. Diese Konferenz fand bekanntlich nie statt. Und spätestens mit dem Vertrag von Görlitz 1951 waren die Verhältnisse klar. Stalins offenbar hinterhältige Absicht, mit der willkürlichen Grenzlinie dauerhaft Unfrieden zwischen Polen und Deutschland zu säen, schien aufgegangen zu sein.

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  • 7. Mai 1945 Der „Reichssender Görlitz“ verstummt 12 Uhr
  • 9. Mai 1945 Einmarsch der Roten Armee in Zittau22. Juni 1945 Vertreibung der Bevölkerung östlich der Neiße
  • 5. Juli 1945 Stettin wird an die polnische Regierung übergeben
  • 17. Juli bis 2. August 1945 Potsdamer Konferenz
  • 10. Dezember 1945 Der letzte Zug der Reichenauer Kleinbahn überquert die Neiße. Kurz nach der Kontrollfahrt nach Kleinschönau werden in Zittau die Gleise zur Neiße abgerissen.
  • 6. Juli 1950 In Görlitz beschließen die Ministerpräsidenten von Polen und der DDR die „Oder-Neiße-Friedensgrenze“.
  • 16. Dezember 1990 Das Görlitzer Abkommen wird Bestandteil eines Vertrages zwischen Deutschland und Polen.

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