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Barfuß zum Superstar

Der Schlager boomt, auch in der Lausitz. Aber die Frauenpower führt nicht (immer) gleich auf den Schlagerthron.

© Uwe Schwarz

Von Uwe Schwarz

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Hier spielt die Musik! In Großpostwitz, Beiersdorf, Görlitz, Bautzen und Spremberg sind die Schlagerstars zu Hause. Fünf junge Lausitzerinnen, allesamt ohne Allüren, freuen sich über den neuerlichen Schlagerboom und warten darauf, die gern besungene heile Welt in der ersten Schlager-Liga zu erobern. Denn in einem Atemzug mit Helene Fischer, Roland Kaiser und Andrea Berg werden die meisten unserer Schlagerpower-Ladys (bis jetzt) nur selten genannt. Geht die ganz große Karriere also doch nur mit Kohle und Kontakten?

Patricia Larraß zeigt ihr aktuelles Album.
Patricia Larraß zeigt ihr aktuelles Album. © Uwe Schwarz
Katrin Lachmann landet bei RTL.
Katrin Lachmann landet bei RTL. © Uwe Schwarz
Schlagerstar Franziska Wiese singt barfuß. Unverwechselbar ist sie mit ihrer Geige. Die Sprembergerin hat es schon bis in die großen Shows geschafft.
Schlagerstar Franziska Wiese singt barfuß. Unverwechselbar ist sie mit ihrer Geige. Die Sprembergerin hat es schon bis in die großen Shows geschafft. © Uwe Schwarz
Nicci Schubert will von Görlitz aus die Schlagerwelt erobern.
Nicci Schubert will von Görlitz aus die Schlagerwelt erobern. © Uwe Schwarz

Betteltour statt „Bohlen-Schema“

Angelika Martin ist die Grande Dame, wenn es um den Schlager „made in Lausitz“ geht. Und sie wird – nicht nur wegen des gleichen Alters – schon gerne mal mit Andrea Berg verglichen. Die Berg und ihre anderen Kolleginnen zu doubeln, kommt ihr aber nicht in den Sinn. Parodieren schon eher: „Dann bekommen die Leute ja auch die Hits zu hören, die sie alle kennen.“ Am liebsten überzeugt die in Zodel aufgewachsene und in Beiersdorf lebende Angelika Martin aber mit ihren eigenen Songs, die sogar in Korea gespielt werden. Und überm großen Teich: „Gerade hat ein Fan aus Amerika bei mir ein Album bestellt.“ Am 10. März startet ihre „Club-Tour“ im Mono in Bautzen. Angelika Martins neuer Hit „Im Fieber“ hielt sich gerade acht Wochen auf den Spitzenpositionen der MDR-Schlager-Charts: „Als ich im Autoradio gehört habe, dass ich von Null auf Platz eins eingestiegen bin, habe ich erst mal dagesessen und geweint.“

Seit 2009 kämpft die gelernte Sport- und Fitnesskauffrau hartnäckig für ihren Traum, „ohne Bohlen-Schema“ erfolgreich zu sein, als ihre eigene Managerin, und mit Unterricht im Rahmen von Ganztagsprojekten an ein paar Schulen in der Oberlausitz als zweites Standbein. Wer den Namen Angelika Martin in die Internet-Suchmaschine eingibt, dem wird dennoch eine skandalträchtige Schlagzeile ganz oben angezeigt: „Betteltour für neue Platte! – Lausitz-Sängerin Angelika Martin hat volle Konzerte, aber leere Taschen.“ Sie war wirklich auf Betteltour, um 10 000 Euro fürs Album zu besorgen. Sie sprach Freunde an, lief von Haustür zu Haustür, von Firma zu Firma.

Ein Halleluja für Freude und Leid

Katrin Lachmann hat vor knapp vier Jahren in den Medien auf sich aufmerksam gemacht. Sie glaubte an den großen Durchbruch, nachdem die Großpostwitzerin in Programmen mit Olaf Berger, Cora und sogar Helene Fischer eine Menge Erfahrungen sammelte. Ein Veranstalter buchte Katrin Lachmann für 50 Sommerauftritte an der Ostsee. Der Kalender war auf einen Schlag voll, doch das Portemonnaie blieb leer. Kurz vor dem geplanten Tourneestart kündigte der vermeintliche Eventmanager alle Verträge: „Ich war an einen Betrüger geraten.“ Wenigstens fand diese unglaubliche Geschichte der Fernsehsender RTL spannend, sicherte sich die Rechte und spendierte dafür ihren „Urlaubsflirt“. Den Gute-Laune-Song singt Katrin Lachmann bis heute, neben ihren meistens selbst getexteten Singlehits und den Liedern von Berg, Fischer und Kelly. Mit dem Chef der Wehrsdorfer Blaskapelle als ihrem Manager und Bühnenpartner an Trompete und Piano will Katrin Lachmann in diesem Jahr das Showgeschäft aufmischen. Weil Bodenständigkeit für sie das Wichtigste ist, möchte Katrin Lachmann dennoch auch weiter Onlinehändlerin für Geschenkartikel bleiben, und ab und zu trifft man sie als Verkäuferin beim Bäcker oder im Textilladen von Großpostwitz. Ihre Leidenschaft aber ist und bleibt das Singen, vom Schlager über das klassische Halleluja bei Beerdigungen bis zum gleichen Song mit eigenem Text auf Hochzeitsfeiern.

Ohne Laser und Raketen zum Erfolg

Bodenständigkeit hat Nicci Schubert von ihrem Opa Siegfried Ziegert regelrecht in die Wiege gelegt bekommen. Er war Musiker in der Tanzkapelle Astoria und die kleine Nicci schmetterte mit ihm bei den Rentnerveranstaltungen auf der Görlitzer Stadthallenbühne fröhlich Kinderlieder, da war sie gerade mal vier Jahre alt. Opas Kontakte zu Volksmusikstar Eberhard Hertel hätten sie womöglich zu einer Karriere als Kinderstar geführt. „Aber Opa war der Überzeugung, ich sollte keine Stefanie Hertel der Lausitz sein und dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar.“

Vor zwei Jahren entdeckte Nicci Schubert die Schlagermusik für sich: „Die Bühne und der Livegesang sind mein Leben. Ich will die Leute erreichen ohne Laser und Raketen und wenn ich mich einmal versinge, dann ist das doch menschlich.“ Die Ehrlichkeit zu ihren Fans und zu sich selbst trägt erste Früchte.

Am 10. März tritt Nicci Schubert neben 15 weiteren jungen Talenten beim Casting für den österreichischen „Schlager und Volksmusik Grand Prix“ im Casino Innsbruck an. Wer Jury und Publikum da überzeugt, dem winkt beim Finale im Mai ein Plattenvertrag mit Musikvideodreh. Weil Nicci Schubert ein starkes Rückgrat wichtig ist, um ihre Schlagerträume zu verwirklichen und bis Ende des Jahres ihr erstes Album fertigzustellen, wird man sie auch in Zukunft als Verkäuferin in einem Lebensmittelsupermarkt in der Görlitzer Innenstadt antreffen. Und mit ziemlicher Sicherheit erst auf den zweiten Blick als „die Schlagerprinzessin aus Görlitz“ erkennen.

Große Pläne mit Andy Borg

Um Patricia Larraß zu begegnen, muss man im Moment noch bis nach Dresden reisen, denn dorthin hat die Niederkainaerin die Liebe verschlagen. Und ihr Job als Marketingmanagerin in einem Software-Entwicklungsunternehmen. Denn ein Leben von der Publikumsgunst und dem Wohlwollen der Veranstalter ist Patricia Larraß trotz 17-jähriger Bühnenerfahrung und einem medienwirksamen Auftritt bei Stefan Raab zu unsicher. Sie hat schließlich auch privat eine Menge vor: „Wir bauen uns gerade unser Häuschen bei Pulsnitz, im Sommer soll Einzug sein.“ Wir, das sind Patricia und ihr Freund Martin, mit dem sie obendrein erfolgreich als Showtanzpaar auftritt, von Dirty Dancing bis Piratenshow. Wenn sie nicht gerade in Sachen Schlager unterwegs ist, alleine oder mit dem einstigen Fernsehstadl-Chef Andy Borg. 20 Vorstellungen haben die zwei im letzten Jahr zusammen absolviert, bis 2019 sollen 20 weitere folgen. Der Schlager-Klassiker „Fang das Licht“ von Karel Gott und Darinka ist der Hit an jedem Abend von Borg und Larraß. Der Kontakt mit ihm ist für Patricia Larraß Gold wert, seine Tipps und ab und zu eine Telefonnummer unbezahlbar. Darum schaut Patricia auch optimistisch in ihre Schlagerzukunft: „Ich schreibe gerade neue Lieder für mein drittes Album, das 2019 erscheinen soll.“

Schlaflos ins Glück

Franziska Wiese hat sich gerade bewusst etwas „zurückgezogen“ von der großen Showbühne, im Sommer will sie mit ihrem zweiten Album wieder für ein paar handfeste Überraschungen sorgen. Die Sprembergerin hat es in die erste Reihe der Schlagerstars geschafft. Große Fernsehshows und rote Teppiche sind für sie mittlerweile Alltag. Ihren Beruf als Verwaltungsfachangestellte hat Franziska Wiese vor fünf Jahren an den berühmten Nagel gehängt und vor zwei Jahren Spremberg in Richtung Berlin verlassen. Nicht (nur) wegen der Karriere: „Ich will Großstadt fühlen, die Welt schnuppern.“ Flughafen und ICE-Anbindung kommen ihr natürlich auch zugute.

Warum Franziska Wiese im Schlagergeschäft nun kein Geheimtipp mehr ist? Sie nennt das Glück. „Am Anfang war es für mich auch sehr schwer, von der Musik leben zu können. Ich habe als Coversängerin angefangen, erst Pop- und Rockmusik gemacht, mich dann aber beim Schlager am wohlsten gefühlt.“ Eine Menge Fleiß, die Familie im Rücken und schlaflose Nächte machten sie schließlich zum Star. Und eben das Glück: „Ich war wohl zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe Menschen kennengelernt, die in mir mehr gesehen haben als eine gute Chorsängerin.“ Vorbilder hat „das Mädchen mit der Geige“ keine: „Ich will mir treu bleiben, weiter meine Songs schreiben und kein Produkt sein.“

Die täglich mehr werdenden Fans honorieren das mit gut gemeinten Ratschlägen: „Bleiben Sie so, wie Sie sind!“ Mehr Kompliment geht nicht. Franziska Wiese strahlt: „Bleib ich bestimmt, nur hoffentlich ein bisschen weniger aufgeregt als am Anfang.“