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Wirtschaft

Hat Bargeld noch eine Zukunft?

In Deutschland wird immer häufiger digital bezahlt, doch ein Ende des Baren ist nicht abzusehen. Und das hat einen ganz konkreten Grund.

© Foto: dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Allen Unkenrufen zum Trotz: Bargeld ist in Deutschland nach wie vor sehr lebendig. Die ausgegebene Geldmenge und der Banknotenumlauf steigen seit Jahren kräftig an, zuletzt um 8,8 Prozent, sagt Bundesbank-Direktor Stefan Hardt. „Dafür, dass Bargeld angeblich tot sein soll, ist das doch sehr erstaunlich.“ Allerdings räumt der Leiter des Zentralbereichs Bargeld bei der Bundesbank in Frankfurt ein: Der Großteil der Barschaften wird inzwischen bei Privatleuten, in Unternehmen, Banken oder im Ausland als stabiles Wertaufbewahrungsmittel gehortet. Angesichts von Minuszinsen oder unsicheren Geldinstituten im Ausland sind die Euro-Scheine im Tresor oft eine günstige, sichere und beliebte Variante. Nicht mal 15 Prozent des Bargeldes, so Hardt, seien überhaupt als aktives Zahlungsmittel für Einkäufe tatsächlich in Benutzung.

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Der Bundesbank-Direktor trat am Dienstag in Leipzig bei der Jahresversammlung der Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste (BDGW) als Gastredner auf. Sein Credo: „Bargeld ist in Deutschland das entscheidende Zahlungsmittel, wenn man an die Kassen schaut.“ Zwar lasse sich über die Jahre ein langsamer, kontinuierlicher Rückgang der Nutzung feststellen. Allerdings sei noch lange nicht abzusehen, dass das Bargeld vollständig von anderen Zahlungsmitteln abgelöst werde. Noch immer würden drei Viertel aller Einkäufe im Einzelhandel bar bezahlt. Der Bar-Anteil am Einzelhandel-Gesamtumsatz von 535 Milliarden Euro betrage noch immer 48 Prozent – wenn auch mit sinkender Tendenz. Im europäischen Vergleich liege Deutschland im Mittelfeld: Während zwar in Nordeuropa immer mehr Einkäufe bargeldlos bezahlt werden, ist der Anteil in Südeuropa noch deutlich geringer. Die Liebe der Deutschen zum Bargeld sei nicht zuletzt mit dessen Verfügbarkeit erklärbar: In Deutschland gebe es noch immer fast 60 000 Geldautomaten. Zudem könne an etwa 50 000 Kassen im Einzelhandel Geld abgehoben werden. Hardt: „Wir haben in Deutschland eine hervorragende Infrastruktur.“

Zur Branche für die sichere Versorgung mit Bargeld gehören aktuell noch knapp 60 Unternehmen mit rund 12 000 Beschäftigten und etwa 650 Millionen Euro Umsatz. Doch die Zahl sinkt angesichts deutlicher Konzentrationsprozesse: Mittlerweile beherrschen drei große Platzhirsche – die Firmen Prosegur, Ziemann und Loomis – etwa zwei Drittel des Marktes für Geld- und Werttransporte. Angesichts der Verdrängung etwa durch Onlinehandel, Bargeld-Abhebungen im Supermarkt, Kreditkarten und Chipkartenzahlung ist die Branche zunehmend unter Druck. „Wir stehen in einem wachsenden Wettbewerb“, sagt der BDGW-Vorsitzende Michael Mewes. „Es gilt, unseren Posten zu verteidigen.“ Dabei sei die Nutzung von Bargeld deutlich günstiger als Kartenzahlungen, für die hohe Kosten für IT-Technologie, Cybersicherheit und damit für Gebühren entstehen. „Die Bequemlichkeit, mit der Karte zu zahlen, wird teuer erkauft“, sagt Mewes. Um ihre Marktposition zu verteidigen, will sich die Branche weiter modernisieren und nicht zuletzt Personalkosten sparen. Handarbeit beim Geldzählen könne durch Automatisierung effizienter, Routenplanung von Geldtransporten durch digitale Technik optimiert werden. Auch neue Kooperationen und neue Aufgaben sollen der Branche helfen – etwa wenn Bankfilialen schließen und der Handel weitere Geldtransportwege hat. „Der Abgesang auf das Bargeld“, sagt Mewes, „geht an der Realität vorbei.“

Tatsächlich hängen selbst junge Leute in Deutschland noch immer am Bargeld und haben große Vorbehalte gegenüber digitalen Zahlverfahren. Fast zwei Drittel der 16- bis 25-Jährigen zahlen lieber bar als mit EC- und Kreditkarte, ergab jetzt eine Studie der Kreditauskunftei Schufa. Auch mobilem Banking auf dem Smartphone stehen die jungen Erwachsenen skeptisch gegenüber: Nicht einmal die Hälfte – 45 Prozent – nutzen demnach Apps für ihre Bankgeschäfte. Die meisten jungen Leute nutzen sie zudem lediglich, um ihre Kontoumsätze zu überprüfen. Bei den 40- bis 55-Jährigen ist es sogar nur ein Drittel. „Zwar gingen die sogenannten Digital Natives ganz selbstverständlich per Smartphone mit digitalen Technologien um“, sagt Serena Holm von der Schufa. „Andererseits bestehen auch bei ihnen viele Unsicherheiten bei der Nutzung moderner Bezahlmöglichkeiten.“

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