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Wie man in der Barkas-Garage schläft

Im Görlitzer Kühlhaus-Gelände wird jede Ecke, jedes alte Gebäude für etwas Neues genutzt. So entstand aus einem DDR-Garagenkomplex ein Hostel.

Klemens Kuscher vom Kühlhaus-Verein in einer der neuen Schlafgaragen.
Klemens Kuscher vom Kühlhaus-Verein in einer der neuen Schlafgaragen. © André Schulze

Schon mal in einem Wolga geschlafen? Oder im Barkas? Klar, werden frühere DDR-Bürger sagen. Aber in so einem bestimmt nicht. Barkas und Wolga sind nämlich alte Garagen - umgebaut zu urigen Mini-Ferienzimmern. Sie stehen auf dem Kühlhaus-Gelände in Görlitz und gehörten einst zu einem DDR-Garagenkomplex. An den kann sich ein Passant, der gerade mit seiner Frau hier spazieren geht, noch gut erinnern. Dass die Leute vom Kühlhaus jetzt Übernachtungsmöglichkeiten darin anbieten, davon haben er und seine Frau gehört und wollten sich das gleich ansehen. "Finden wir super", sagen sie. 

Obwohl der Platz begrenzt ist, scheint das einmalige Schlaferlebnis unglaublich neugierig zu machen. Im vergangenen Jahr, als es losging mit dem Garagenhostel, waren die Buchungen sehr überschaubar. Jetzt, wo alles fertig ist, inklusive Dusch- und WC-Komplex klingeln die Telefone heiß, bestätigt Klemens Kuscher vom Kühlhaus Verein. Demnach seien die bevorstehenden Ferien so gut ausgebucht, schon jetzt eine Verdopplung der Vorjahreszahlen zu sehen.  Familien locken die umgebauten Garagen genauso an wie Kreative, die vom Gesamtkonzept des Görlitzer Kühlhauses gehört haben, begeistert sind und sich das vor Ort anschauen möchten. 

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Zentraler Treffpunkt ist der große Pavillon

So wohnt in Garage 1 gerade eine junge Frau, deren Berliner Freunde ihr die besonderen Garagen empfohlen haben. Sie ist Illustratorin und sucht die Mischung aus Entspannung, Natur und den Kontakt zur kreativen Szene im Kühlhaus. Die gibt es hier und sie wächst weiter. Mehrere Startups haben sich in der früheren Industriebrache niedergelassen, die seit etlichen Jahren von jungen Görlitzern entwickelt wurde und auch der Görlitzer Öffentlichkeit etwa durch Konzerte, Weihnachtsmarkt oder Hexenfeuer zugänglich gemacht wurde.

Aktuell entsteht gerade das sogenannte Atelier, ein Bürohaus mit viel Glas, in dem man sich einmieten kann. Anfragen gibt es zuhauf, sie kommen aus ganz Deutschland von den unterschiedlichsten Leuten, sagt Klemens Kuscher. Dahinter haben die Kühlhaus-Leute einen Pavillon errichtet - in Eigenarbeit wie alles auf dem Gelände. Pavillon trifft es nicht ganz - es ist eher eine Freilichtwohnung. Mit Kronleuchtern, vielen gemütlichen Sitzgelegenheiten, Klavier. Hier finden Veranstaltungen statt, hier sollen aber auch die Gäste des Kühlhauses mit den Leuten, die hier arbeiten, zusammen treffen und sich austauschen können.

Wieder mal was neues beim Kühlhaus: diesmal sind es alte DDR-Garagen, die zu Ferienzimmern ausgebaut wurden. Die Inneneinrichtung aus Holz wurde von Vereinsmitgliedern gebaut.
Wieder mal was neues beim Kühlhaus: diesmal sind es alte DDR-Garagen, die zu Ferienzimmern ausgebaut wurden. Die Inneneinrichtung aus Holz wurde von Vereinsmitgliedern gebaut. © André Schulze

Während der eine vielleicht erzählt, dass er hier gerade an einem Buch arbeitet, berichtet der andere vielleicht von seiner ersten Übernachtung in der Barkas-Garage. Vom selbstgebauten Bett, von der charmanten alten Stehlampe und der hölzernen Sitzgarnitur vor der Tür. Auch das natürlich alles selbst gebaut. Eine gewisse Grundfinanzierung brauchte aber auch der Garagenkomplex. Dafür kommt der Eigentümer des Kühlhauses auf: die Frigolanda Dresdner Kühlhaus GmbH mit ihrem Chef Hans van Leeuwen. "Sie unterstützen uns, wo es nur geht", sagt Klemens Kuscher, dessen Bruder Danilo wiederum sich mit seiner Kühlhaus UG um den geschäftlichen Teil des Geländes kümmert, während der Kühlhaus Verein für die Kultur zuständig ist. 

"Ohne den Verein würde das alles gar nicht gehen", sagt der 30-jährige Klemens Kuscher. Schon gar nicht die Übernachtungsangebote. Die sollen noch weiter ausgebaut werden. Denn es gibt insgesamt 17 Garagen. Aber alle auf einmal, das war ein zu großes Wagnis, man wollte es zunächst mit vier versuchen. Eigentlich besteht der Komplex sogar aus 34 Einheiten, doch sollte unter anderem wegen besserem Lärmschutz und für mehr Abstellmöglichkeiten immer eine Garage zwischen den Miniwohnungen frei bleiben. Perspektivisch aber sollen weitere Garagen ausgebaut werden. Toilette oder Dusche haben die ausgebauten Garagen übrigens nicht, dafür gibt es seit vergangenem Jahr ein Sanitärgebäude, an dem während der Corona-Zeit noch Verbesserungen vorgenommen wurden.  

Wikipedia-Treffen musste ausfallen

Auch für die Verpflegung sind die Gäste selbst zuständig. Geplant ist aber, demnächst vorn an der Rezeption - dafür wurde die frühere Betriebspforte ausgebaut - Kaffee anzubieten. Man suche auch einen Catering-Anbieter, der vielleicht Gäste und Berufstätige im Kühlhaus Mahlzeiten anbietet. Darüber hinaus gibt es am Sanitärgebäude aber auch einen Herd. Ihre eigenen Küchen haben die beiden anderen Übernachtungsmodelle im Kühlhaus: die Camper mit ihren zumeist stattlichen Wohnmobilen sowieso, und auch die Gäste des großen Safarizeltes, das seit 2019 steht und in dem vier Personen schlafen und Urlaub machen können. 

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Weitere Informationen zum Übernachten beim Kühlhaus

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