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Mehr Platz für junge Künstler

Tolle Kunst gibt es in Dresden und in Leipzig gleichermaßen. Aber wie schätzen Experten die Situation der Künstler ein?

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Von Johanna Lemke

Kunst kommt von Können. Und von Kohle. Junge Künstler strotzen vor Kreativität. Aber ohne Käufer, Stipendien und Ausstellungsorte kann man sich keine Farben kaufen und kein Atelier mieten. Welches ist das beste Pflaster für Künstler: Leipzig, Dresden? Oder doch Berlin?

Wer an Kunst in Leipzig denkt, kommt an der Baumwollspinnerei nicht vorbei. Sie ist das Symbol der Neuen Leipziger Schule, die mit Hauptakteur Neo Rauch in den letzten Jahren weltweit Aufsehen erregte. Auf einem großen Areal im Leipziger Westen reiht sich Galerie an Galerie, sind die Quadratmeterpreise für Ateliers dauerhaft niedrig, locken Atelier-Rundgänge Besucher an. Die Legende sagt, dass regelmäßig Limousinen mit kaufkräftigen Kunstliebhabern zum Shoppen vorfahren. Leipzig scheint das ostdeutsche Eldorado für zeitgenössische Kunst zu sein. Noch. „Der Hype um die Neue Leipziger Schule flacht langsam ab“, sagt Sophia Littkopf, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Kunstzentrums Halle 14 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei. Sie sieht das aber nicht als Problem, sondern als Chance. „Dadurch geraten andere Kunstrichtungen mehr in den Fokus“, sagt sie. Littkopf hat auch in Dresden gearbeitet und findet: „Die zeitgenössische Kunst in Dresden hat es schwer, gegen dieses Übergewicht an Barock und alten Meistern anzukommen und sich Gehör und Präsenz zu verschaffen.“

Junge Dresdner Kunst steht im Schatten der Alten Meister. Touristen, die wegen des Klassischen kommen, stolpern eher zufällig über Modernes. Dazu kommt, dass der Immobilien-Boom die Infrastruktur für Kunst bedroht. „Die Atelierlage ist heikel, sehr heikel“, sagt Andrea Hilger. Sie ist die Leiterin der Ostrale, der jährlich in Dresden stattfindenden internationalen Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie kennt die Sorgen und Nöte junger Künstler und weiß, dass günstige Ateliers das A und O sind. „Durch Sanierungen steigen Mieten, Gebäude werden verkauft. Oft müssen Künstler zwangsläufig ihre Räume verlassen“, sagt Hilger. Johannes Schmidt von der öffentlich subventionierten Städtischen Galerie Dresden formuliert es noch drastischer: „Die Szene steuert auf den Exodus zu. Jede Hundehütte wird verkauft.“ So verschwänden die Freiräume für Künstler. „Und die Stadt tut zu wenig gegen diesen Trend“, meint Schmidt.

Leipziger Künstler sind sexy

Ralf Lunau, Kulturbürgermeister der Stadt Dresden, sieht das naturgemäß anders. Er gibt zu, dass der wirtschaftliche Erfolg der Stadt Folgewirkungen habe. Aber sie versuche, die Künstler in dieser Situation zu unterstützen. So habe sich das Kulturamt dafür eingesetzt, die von der Schließung bedrohte Galerie Geh 8 zu unterstützen, sodass diese jetzt eine gute Perspektive habe. Auch setze er große Hoffnungen in das „Zentralwerk“ auf der Riesaer Straße. Hier sind Dresdner Künstler dabei, in Eigeninitiative ein Kunstzentrum zu schaffen. Mit niedrigen Mieten, Vernetzungsmöglichkeiten und viel Platz für Kunst. Ansonsten sind die Nachrichten eher trist. Die Blaue Fabrik: wegen Brandschutzmängeln geschlossen. Die Ateliers auf dem Drewag-Gelände in der Lößnitzstraße: Zukunft ungewiss. Die Künstlergemeinschaft Freiraum Elbtal: muss vermutlich der Hafencity weichen.

Weil in Leipzig die Mieten noch günstiger sind als in Dresden, ist es für Künstler dort generell leichter, Ateliers und Ausstellungsorte zu finden. Nachdem im Stadtteil Plagwitz rund um die Spinnerei die Mieten drastisch angestiegen waren, zog die Szene weiter Richtung Westen, nach Lindenau oder Leutzsch. Während Dresdner Künstler darum kämpfen, in den zentralen Vierteln Neustadt oder Pieschen ihre Reviere zu verteidigen, nomadisieren Leipziger Künstler dahin, wo es gerade noch billig ist. Es entstehen sogenannte Off-Spaces, also nicht-kommerzielle, nicht städtisch geförderte Orte, an denen mutig experimentiert wird. Leipziger Künstler sind mobil. Und sie sind ziemlich sexy für das Image der Stadt. Sophia Littkopf von der Leipziger Halle 14 sieht das so: „Die Off-Spaces tauchen mehr und mehr aus dem Schatten der Neuen Leipziger Schule auf. Sie haben ihre goldene Stunde erkannt und wissen sich in Szene zu setzen“, so Littkopf.

Also alles super in Leipzig? Heidi Stecker bremst die Begeisterung etwas. Sie ist Sprecherin der Leipziger Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK) und sagt: „Viele Künstler können nicht gut von ihrer Arbeit leben.“ Es gebe nach wie vor wenige Kunstsammler im Osten. „Alle beklagen den Rückgang von Kultur“, sagt Stecker. „Aber wo sind denn die Menschen, die in die Museen gehen, geschweige denn ein Kunstwerk kaufen?“ Selbst Prestige-Aussteller wie Neo Rauchs Heimat-Galerie Eigen&Art machten ihr Hauptgeschäft über die Dependance in Berlin. Dazu komme, so Stecker, dass in Leipzig vor allem Fotografie und Medienkunst herausrage, beides sei nun mal generell weniger verkaufsträchtig. Die Künstler leben von Stipendien, Förderprogrammen und Kleinstverkäufen. Und: „Viele wandern ab“, sagt Stecker. Auch in Leipzig, dessen Image in den letzten Jahren international mehr und mehr wuchs, klettern die Mieten nach oben. Die Luft wird auch dort für Künstler dünner.

Künstler als Vagabunden

Was kann die Stadt selbst tun, um junge Künstler zu halten? Leipzig hat vor Jahren das Potenzial der Kreativwirtschaft erkannt und wirbt mit der zeitgenössischen Kunst. Eine Strategie, die sich Dresdner Künstler vom Stadtmarketing wünschen würden. Andrea Hilger von der Ostrale Dresden sagt: „Wir haben ein Riesenpotenzial des Zeitgenössischen, das dürfen wir nicht vergessen.“ Und in der Tat wirbt die Stadt nicht sonderlich offensiv mit dem Kunst-Nachwuchs, sondern vorrangig mit dem Alten, Bewährten, Barocken. Doch Kulturbürgermeister Ralf Lunau ist zuversichtlich, dass sich das langsam ändert: „Das Bewusstsein wächst, dass wir das Historische fortschreiben müssen“, sagt er.

Künstler sind Vagabunden, sie sind selten sesshaft. Das war schon immer so. Gerade davon müssen die Städte profitieren. Warum nicht einmal Künstler von Berlin nach Leipzig abwerben oder aus Hamburg nach Dresden locken? Fest steht, die Bedingungen müssen attraktiv sein. Förderprogramme, Stipendien, subventionierte Ausstellungen und Ateliers locken Kreative an. Da muss man sich gar nicht so sehr an jene klammern, die eh auf dem Sprung sind. Leipzig und Dresden sollten so spannend sein und so angenehme Bedingungen schaffen, dass immer wieder auch jene angelockt werden, die gerade auf der Suche nach Neuem sind. Und die gern bleiben möchten.