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Barockes in Neo-Renaissance

Den Tag der Einheit in Kamenz in feierlicher Form ausklingen zu lassen – noch dazu im Ratssaal. Diese Idee hatte der unvergessene, viel zu früh verstorbene Kirchenmusikdirektor Christfried Baumann vor Jahren zur Blüte gebracht.

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Von Frank Oehl

Den Tag der Einheit in Kamenz in feierlicher Form ausklingen zu lassen – noch dazu im Ratssaal. Diese Idee hatte der unvergessene, viel zu früh verstorbene Kirchenmusikdirektor Christfried Baumann vor Jahren zur Blüte gebracht. Und sie lebt weiter. Am Freitagabend hatte sich – herzlich begrüßt von zahlreichen Zuhörern um Bürgermeister Arnold Bock – erneut die Tochter des ehemaligen Kantors für ein Programm mit vor allem Dresdner Musikern eingesetzt, das es in sich hatte. Fünf Werke des Hochbarocks erklangen unter der Neo-Renaissance-Decke des Ratssaales. Manch Bekanntes, manch Überraschendes.

Keine Überraschung freilich war die hohe künstlerische Meisterschaft der Staatskapellisten um Violonistin Anett Baumann, die als Konzertmeisterin fungierte. Schon Jan Zelenkas (1679-1745) B-Dur-Sonate für Violine, Oboe, Fagott und Generalbass machte die herbstliche Kühle auf dem Markt vergessen. Der bekannteste tschechische Barock-Komponist hatte von Mittelböhmen kommend um 1710 eine Anstellung an der Dresdner Hofkapelle als Kontrabassist erhalten und jahrzehntelang brav ausgefüllt. Erst sehr spät entdeckte man an der Elbe auch sein kompositorisches Talent, das an diesem Abend für manchen eine Entdeckung war. Wie noch vor der Pause die eher selten gespielte G-Sonate Georg Friedrich Händels (1685-1759) für zwei Violinen, Viola und Basso continuo. Das gelegentlich an Bachs berühmtes Doppelkonzert erinnernde Werk wurde bei aller satzgebundener Abwechslung vor allem höfisch-tänzerisch dargebracht.

Ein Höhepunkt nach der Pause war zweifellos das berühmte Oboen-Konzert in d-Moll von Alessandro Marcello (1684–1750) aus Venedig, das gelegentlich auch mit Bachtrompete interpretiert wird. Sibylle Schreiber, die ihre Brötchen im Orchester der Landesbühne Sachsen verdient, zeigte, wie viel virtuosen Schmelz man dem kleinen Holzblasinstrument entlocken kann. Langanhaltender Beifall – auch für die einfühlsame Begleitung von Anett Baumann (1. Violine), Roland Knauth (2. Violine), Claudia Briesenick (Viola), Tom Höhnerbach (Cello) und Christoph Bechstein (Kontrabass) sowie Michael Schütze am Cembalo. Das gleiche Ensemble kam anschließend auch beim schwierigen e-Moll-Fagott-Konzert von Antonio Vivaldi (1678-1741), interpretiert von Joachim Hans, und beim nicht ganz so dramatischen f-Moll-Cembalokonzert von Johann Sebastian Bach (1685-1750) zu allen Ehren. Bei letzterem überraschte der freiberuflich tätige Michael Schütze nicht nur das Publikum mit einer durch ein Zusatzgerät veränderten Klangvibration im Tiefen, sondern offensichtlich auch die Mitmusikanten. Das Experiment gelang dennoch. So wie der ganze Abend ein Gewinn war. Und Bürgermeister Bock hatte zuvor klargestellt, dass die Idee Christfried Baumanns auch im nächsten Jahr leben wird: den Tag der Einheit im Kamenzer Ratssaal feierlich ausklingen zu lassen.