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Bartgeier Bernd geht’s gut

Ein Spaziergänger fand vor einem Jahr das Tier in den Bergen. Seitdem ist viel passiert.

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Von Katja Zimmermann

Alles wird gut. Der liebevoll auf den Namen Bernd getaufte Bartgeier ist wohlauf – auch wenn es lange Zeit nicht so ausgesehen hat. Denn als im Juni 2013 eine Bartgeier-Dame in den Königshainer Bergen völlig entkräftet, abgemagert und kurz vorm Tod entdeckt und quasi per Ornithologen-Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht worden ist – hat daran kaum ein Experte glauben können. Doch Bernd geht's gut, den tschechischen Nachbarn sei Dank.

Das Verrückte an dem Vorfall: Bartgeier sind nicht nur schlicht die Herren der Lüfte – sondern vor allem des Gebirges. Deshalb hat die Entdeckung eines Spaziergängers in einem Steinbruch bei den Königshainer Bergen auch eine Mischung von Euphorie und Verwirrung bei Vogelkundlern, Tierfreunden und Anwohnern ausgelöst. Schnell ist der Name Bernd gefunden, aber kurz darauf steht fest: Es ist ein Weibchen. Wie die SZ damals berichtet hat, ist das völlig entkräftete Tier Ende Juni 2013 von einem Spaziergänger entdeckt und von eigens angereisten Liberecer Zoo-Mitarbeitern eingefangen worden. Denn die Vögel kommen hier nicht vor, es gibt hier keine Möglichkeit der Betreuung – und die Nachbarn jenseits der Neiße haben nun mal mehr Erfahrung.

Die Sprachbarriere aber ist lange Zeit geblieben – und deshalb hat sich die SZ auf die Suche nach Frau Bernd begeben. Jetzt also die Info: Bernds Riesenhunger war unübersehbar: Zwei Wachteln und fünf Hühnerküken verschlang sie gleich nach der Ankunft im Zoo der Jeschkenmetropole. Immerhin hatte der seltene Greifvogel einen wochenlangen Rundflug von den Alpen bis zur polnischen Ostsee, über Rostock und fast bis zur niederländischen Grenze hinter sich. In Liberec wurden Bernd erst einmal regelmäßige Nahrungsaufnahme und Ruhe verordnet, erzählt Zoosprecher Ivan Langr auf SZ-Nachfrage. Das half. Der Verdacht einer Schwermetall-Vergiftung konnte durch eine Blutuntersuchung ausgeräumt werden. Nach ein paar Tagen wurde das Bartgeier-Weibchen dann weiter in den Zoo nach Prag gebracht.

Laut Internetportal www.praha.eu verleibte es sich dort vor allem Kaninchen und Ratten ein. Zum Schluss brachte die mit 4 500 Gramm in Pflege genommene Bartgeier-Dame 5 650 Gramm auf die Waage. Das war am 20. August, als sie zurück in die Schweiz nach Zürich transportiert wurde. Schon einen Tag später hat sie dann die Stiftung „Pro Bartgeier“ erneut im Hochgebirge des Jagdbanngebiets „Graue Hörner“ ausgewildert.

So eine Auswilderung ist kein Zuckerschlecken: Das wird zu Fuß gemacht, das Tier bis hinauf in einer Holzkiste auf dem Rücken transportiert. Und danach? „Bernd geht es ausgezeichnet“, weiß Richard Zink vom Internationalen Bartgeier-Monitoring (International Bearded Vulture Monitoring) der Veterinärmedizinischen Universität Wien auf SZ-Nachfrage zu berichten. Denn Bernd hat einen Chip mit auf den Weg bekommen – falls er sich mal wieder verfliegt. „Die letzte mir vorliegende Ortung des Senders liegt in Österreich im schönen Zillertal.“ Die Experten erwarten, dass Bernd nun in den Alpen bleibt und sich dort in einigen Jahren fortpflanzen wird.

Wer mal gucken will, wo Bernd gerettet worden ist, muss zu den Profis. Gleich zwei Bernds in Mini-Ausführung sind Mitte Februar im Liberecer Zoo geschlüpft. Die Leibspeise der Vogelkinder: mit Pinzette gereichte Rattenbabystücke. Das ist eine kleine Sensation, denn Aufzuchten der Riesenvögel in Gefangenschaft sind sehr selten. Auch in Liberec waren sie in den letzten drei Jahren nicht gelungen. Doch diesmal ist alles anders. „Den beiden geht es gut“, erzählt Ivan Langr. Der eine werde inzwischen von seinen Eltern im Nest versorgt, der andere sei bei Ersatzeltern bei der Wildtierhilfe Wien untergekommen.

Kämen später mindestens acht Tiere aus Aufzuchten zusammen, würden sie in die freie Natur ausgewildert. Das scheint auch nötig. Unlängst hat die tschechische Tageszeitung Deník erläutert, warum die Bartgeier in freier Wildbahn so selten geworden waren: Sie wurden abgeschossen. Man behauptete nämlich fälschlicherweise, dass die riesengroßen Vögel kleine Kinder fressen.