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Meine dreieinhalb Quarantäne-Wochen

Sachsens bester Basketball-Schiedsrichter leitet das Bundesliga-Finale. Steve Bittner spricht nun über die ungewöhnliche Atmosphäre.

Steve Bittner träumt nach den Grenzerfahrungen von München nun sogar von einem Einsatz bei den Olympischen Spielen.
Steve Bittner träumt nach den Grenzerfahrungen von München nun sogar von einem Einsatz bei den Olympischen Spielen. © Ronald Bonß

Dresden. Zum Termin erscheint Steve Bittner sehr relaxt. Dabei hat der 29-Jährige gerade eine dreieinhalbwöchige Ausnahmesituation hinter sich. Als einer von drei Schiedsrichtern leitete er am Sonntag das Finale um die deutsche Basketball-Meisterschaft zwischen Berlin und Ludwigsburg.

Die Basketball-Bundesliga hatte in Absprache mit den Klubs entschieden, unter strengen Auflagen eine Endrunde um den Titel im Münchner Audi-Dome auszuspielen, um die Saison sportlich zu beenden. Das bedeutete auch für Steve Bittner und seine Kollegen eine entbehrungsreiche Zeit. „Am 1. Mai fragte die BBL bei uns Schiedsrichtern per E-Mail an, ob wir für ein solches Finalturnier zur Verfügung stehen würden, darauf haben sich 15 Schiedsrichter gemeldet“, sagte Bittner. Insgesamt gibt es für die Basketball-Bundesliga nur 28 feste Unparteiische. Acht davon haben auch die „internationale Lizenz“ – darunter Bittner, der damit zugleich der renommierteste Basketball-Referee im Freistaat ist.

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„Zwölf Schiedsrichter wurden für die Endrunde ausgewählt, einer hat sich verletzt, wir waren also zu elft“, sagt Bittner, der beim BC Dresden beheimatet ist. Auch die Spielleiter mussten sich allen Quarantänevorschriften unterwerfen, also wie die Teams im abgeschotteten Leonardo Royal Hotel Munich einziehen. Bittner sprach sich kurz mit seiner Verlobten ab, auch die gab ihr Okay. „Nach drei Monaten coronabedingter Pause wollte ich mich daran beteiligen, dass wieder Basketball gespielt werden kann. Ich mache das ja auch supergern“, sagt der gebürtige Zwickauer und betont: „Es war eine Riesenchance, bei so einer Weltpremiere dabei zu sein.“

Bittner musste vor der Endrunde am Dienstag nach Pfingsten einen Corona-Test in seinem Wohnort absolvieren. „Den habe ich im Rahmen der Teamtestung von Dynamo gemacht, das hat die Liga organisiert“, erzählt er. Am Mittwoch erhielt er den negativen Befund, konnte nach München fahren. Dort wurde er am Donnerstag im Hotel nochmals getestet – dann wöchentlich einmal. Dafür sowie für Kost und Logis kam die BBL auf. Die Liga überwies den Schiedsrichtern zudem ein Pauschalhonorar – nach SZ-Informationen pro Person eine mittlere vierstellige Summe. Der Einsatz dürfte sich für Bittner, der immerhin elf Spiele leitete, auch finanziell gelohnt haben. Bestätigen mag er die Summe nicht.

Rege Diskussionen am Buffet

Der schnöde Mammon ist es aber nicht, der Bittner von diesem Turnier am meisten in Erinnerung bleiben wird. Sondern die einzigartigen Begleiterscheinungen, die gewöhnungsbedürftige Atmosphäre auf dem Feld, die freundschaftliche in der gemeinsamen Auszeit. „Das war schon speziell, weil man auf dem Feld alles hört, auch mal ein Schimpfwort. Gerade am TV hört man allerdings Vieles nicht“, sagt Bittner und berichtet über eine gelockerte Auslegung. „Es ist ein bisschen affig, jemanden für etwas zu bestrafen, was nur wir hören.“

Im Hotel blieb aber genügend Zeit, verzwickte Situationen im persönlichen Zwiegespräch aufzuarbeiten – ein gravierender Unterschied zum Alltag in der Bundesliga. „Da fahren wir zum Spiel und danach auch wieder weg“, sagt Bittner. Im Münchner Quarantänehotel saßen alle Beteiligten aufeinander, Bittner spricht von regen Diskussionen am Buffet. „Ich empfand es als großen Vorteil, nach dem Spiel noch einmal mit Spielern oder Trainern zu sprechen. Das war fast schon ein freundlicher Austausch. Etwaige Proteste haben im Laufe des Turnier auch abgenommen“, betont Bittner, der seit 2010 in Dresden lebt.

Die Hände am Basketball: Steve Bittner (Fünfter von links) posiert am Anfang des Turniers mit Profis aus Berlin (links), Schiedsrichterkollegen und Profis aus Frankfurt am Main.
Die Hände am Basketball: Steve Bittner (Fünfter von links) posiert am Anfang des Turniers mit Profis aus Berlin (links), Schiedsrichterkollegen und Profis aus Frankfurt am Main. © dpa/Andreas Gebert

Diese ungewöhnliche Nähe zwischen Profis und Referees könnte ein Problem werden. „Das wird man in der kommenden Saison sehen, ob die Spieler das ausnutzen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, weil alle Beteiligten sehr professionell arbeiten. Aber ich glaube, die gemeinsame Zeit hat uns menschlich alle näher gebracht“, sagt er. Aber die ausgesperrten Zuschauer haben auch dem Unparteiischen gefehlt. „Natürlich ist die Spielleitung einfacher, weil der Druck von außen nicht da ist. Die Spiele mit Fans finde ich aber reizvoller, wegen der Emotionen und dem Spaß macht man das ja“, unterstreicht Steve Bittner.

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Er hatte sich bereits als Jugendlicher für ein Dasein als Schiedsrichter entschieden – zuvor verpasste Bittner als Spieler den Sprung in die Jugend-Nationalmannschaft. „Ich habe mich dann umgeschaut, was mich am Basketball noch so interessiert. Mit 16 bin ich dann zu meinem ersten Lehrgang gefahren“, sagt er, „freiwillig.“ Meist entwickeln die Heimatvereine da einen gewissen Druck. Seither führt die Schiedsrichter-Karriere von Steve Bittner eigentlich nur bergauf. Mehr als 200 Erstligaspiele leitete er, 2019 war er bei der U-19-WM der Damen in Thailand im Einsatz, in der Champions League ebenfalls. Derzeit macht sich der junge Kerl, der hauptberuflich als Projekt- und Consulting-Manager arbeitet, sogar Hoffungen auf einen Einsatz bei Olympia. „Als Sportler hätte ich das nie geschafft“, sagt er. Die Erfahrungen von dem Turnier in München können für die Umsetzung nur von Vorteil sein.

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