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Bauern in Proteststimmung

Landwirte aus der Oberlausitz gehen in Berlin auf die Straße. Nun sollen in Sachsen Aktionen folgen, denn der Milchpreis fällt weiter.

© privat

Von Steffen Gerhardt

Die Oberlausitzer Bauern sind in Proteststimmung. So wie am vergangenen Sonnabend, wo sie mit rund 1 500 Landwirten nicht nur für faire Preise am Berliner Hauptbahnhof demonstrierten, sondern auch für einen fairen Umgang ihres Berufsstandes, berichtet Andreas Jahnel vom Landesbauernverband Sachsen. Rund 100 Landwirte hatte der Verband mobilisiert. Die Delegation vom Bauernverband Oberlausitz war mit zehn Mann bei der Protestaktion „Wir machen euch satt“ dabei. Doch auch die Gegenseite schlief nicht und mobilisierte nach Polizeiangaben rund 13 500 Teilnehmer in Berlin. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ machten Umweltverbände und Tierschutzorganisationen sich für eine bäuerliche und ökologischere Landwirtschaft vor dem Hintergrund der Grünen Woche stark.

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Das ist nicht die einzige Front, an der die Landwirte um ihren Ruf kämpfen. Die zweite ist der Preisverfall für ihre Erzeugnisse. Der Milchpreis ist weiter im Sinkflug. Mit dieser niederschmetternden Nachricht kehrte Reinhard Ludwig am Mittwoch aus der Molkerei Niesky in seinen Agrarbetrieb „Am Bieleboh“ zurück. Als Mitglied der Erzeugergemeinschaft der Milchproduzenten nahm der Landwirt aus Beiersdorf an der Sitzung des Gremiums teil – der Milchpreis war das dominierende Thema. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand: als Erzeuger, aber auch als Verarbeiter“, sagt er. Denn nicht nur Milchbauer Ludwig hat mit dem Niedrigpreis zu kämpfen, sondern auch die Nieskyer Molkerei beim Absatz ihrer Produkte, die hauptsächlich Käse umfassen. Hinzu kommt, so Ludwig, dass keine Aussicht auf Besserung der Lage besteht.

Grund des Preisverfalls ist ein Überangebot an landwirtschaftlichen Produkten in Europa. „Wir produzieren 120 Prozent des Eigenbedarfs in Europa“, sagt Ludwig. Auf Sachsen bezogen haben die Milchbauern vergangenes Jahr rund 1,5 Millionen Tonnen Milch produziert. „Konnten wir die Milch 2014 noch kostendeckend auf den Markt bringen, so führte der Preisverfall im vergangenen Jahr dazu, dass sächsischen Milcherzeugern ein Verlust von 160 Millionen Euro entstand“, rechnet er vor.

160 Millionen Euro die fehlen, um Löhne zu zahlen, Investitionen vorzunehmen und dem Tierschutz zu entsprechen. Woher also das Geld nehmen, wenn es nicht durch den Verkauf der Agrarprodukte in die Kasse kommt? Eine Frage, mit der Manfred Uhlemann fast täglich konfrontiert wird. Der Vorsitzende des Sächsischen Landesbauernverbandes  sagt, dass gegenwärtig jeder Bauer auf den Liter Milch zehn Cent legt, um die eigenen Kosten zu decken, statt die zehn Cent als Gewinn für seinen Betrieb verbuchen zu können. „Ich sehe die Gefahr darin, dass die Decke an Eigenkapital immer dünner wird und unsere Betriebe aufgekauft werden“, erläutert der Vorsitzende. Auch Reinhard Ludwig will sich nicht zum Knecht seines Betriebes machen lassen. „Meine Familie hält seit 150 Jahren Kühe, das soll auch in Zukunft so bleiben“, sagt er und meint dabei seinen Sohn, der ebenfalls Landwirt ist. Dieser schloss sich am Sonnabend der Demonstration in Berlin an, auch um die Ehre seines Berufsstandes wiederherzustellen.

Wirtschaftlich nicht anders sieht es im Milchland Schönau aus. Hier stehen rund 1 000 Milchkühe in den Ställen und der Milchverkauf ist der Haupterwerb des Betriebes in Kiesdorf. „Wir spüren keine Aussicht auf Verbesserung und das sorgt für Hilflosigkeit bei den Bauern“, sagt Geschäftsführer Udo Kretschmer. Er würde weiter in die Tierproduktion investieren wollen, aber dazu fehlt ihm das Geld. Auch wenn es zinsgünstige Kredite sowie Fördermittel gibt, ganz ohne Eigenkapital funktioniert die Fremdfinanzierung nicht. Und hier haben nicht nur die Kiesdorfer das Ende der Fahnenstange bereits erreicht.

Weg von der Milch und Umschwenken auf andere landwirtschaftliche Produktionsformen ist nur bedingt möglich. Diesen Spagat hat Andreas Weickelt bereits 2008 gewagt, als der Milchpreis seinen Tiefpunkt erreicht hatte. „Die Milchproduktion war nur noch ein Verlustgeschäft, also entschloss ich mich, eine Mutterkuhhaltung aufzubauen“, sagt Landwirt aus Altbernsdorf. Schließlich wollte er damit sich und seinen einzigen Beschäftigten in Arbeit halten. So sind aus den einst 80 Milchkühen 80 Mutterkühe geworden, deren Aufgabe es ist, für Kälbchen zu sorgen. Die Preise für ihren Verkauf sind zwar stabil, sagt Andreas Weickelt, aber auf unterem Niveau. So bekommt der Landwirt für einen Jungbullen 700 Euro und für eine Jungkuh 450 Euro auf dem Markt. Das sei für seinen Familienbetrieb zwar nicht kostendeckend, aber immer noch erträglicher als der Verkauf von Milch, so Weickelt.

Was den Preisverfall betrifft, gibt Landesvorsitzender Manfred Uhlemann der Politik zur Hälfte die Schuld. „Politische Entscheidungen führten dazu, dass für unsere Bauern wichtige Märkte weggebrochen sind. Vor allem das Russland-Embargo macht den Landwirten zu schaffen.“ Das verdeutlicht Uhlemann an Zahlen: Deutschland lieferte vor dem Embargo Käse für 100 Millionen Euro jährlich nach Russland. Das waren Einnahmen, die inzwischen den Landwirten und Molkereien fehlen. Ebenso beim Schweinefleisch. „Europa hat 40 Prozent nach Russland exportiert, jetzt nichts mehr“, so der Vorsitzende. Er sieht die Politik gefordert: „Wir müssen Druck machen.“

Die sächsischen Bauern wollen es beim Berliner Protest nicht belassen, sagt Manfred Uhlemann. Am 3. Februar will der Verbandsrat des Landesbauernverbandes über weitere Maßnahmen entscheiden. Dabei steht die wirtschaftliche Lage der Bauern genauso im Mittelpunkt wie ihr Ruf. Sie wollen zum sachlichen Dialog zurückkehren – und diesen mit den Bürgern führen.