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"Die Krise ist zum Teil politisch hochgejazzt"

Bauernverbands-Chef Henryk Schultz wünscht sich eine schnelle Rückkehr zur Normalität. Auch für seine Kühe.

Henryk Schultz leitet die Agrargenossenschaft Reinhardtsdorf und den Regionalbauernverband.
Henryk Schultz leitet die Agrargenossenschaft Reinhardtsdorf und den Regionalbauernverband. © Archiv: Dirk Zschiedrich

Obwohl Homeoffice bei den Bauern nicht geht, sieht der Alltag von Henryk Schultz etwas ruhig aus. Warum das so ist, was ihn aufregt, wie es den Bauern in der Region geht und wie lange sie uns noch versorgen können, sagt der Chef des Regionalbauernverbandes und der Agrargenossenschaft Reinhardtsdorf im Gespräch mit Sächsische.de.

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Sie klingen am Telefon so entspannt...

Naja, die Behörden und die Gesellschaft lassen uns ja im Wesentlichen unsere Arbeit machen. Und es fehlen die vielen sonst mitunter nervigen Termine und Beratungen...

Das heißt, der Virus tut den Bauern nichts an?

Ich denke, er ist mehr in unseren Köpfen. Ich bin froh, dass bei uns in den Agrargenossenschaften der Region alle gesund sind, bis auf die normalen Krankheitsausfälle. Ich hatte Lieferengpässe zum Beispiel bei Desinfektionsmittel befürchtet. Aber auch das ist nicht in dem Maße eingetreten. Ich hänge keinem Verschwörertum nach, finde die Krise aber doch zum Teil politisch hochgejazzt.

Warum?

Weil man sich vorkommt wie in einer verkehrten Welt. Die sogenannte Risikogruppe kauft ein, als ob es kein morgen gäbe und betreut die Enkel, die nicht in den Kindergarten und zur Schule gehen dürfen. Und die Gutmenschen formen mit den Händen ein Dach über dem Kopf und bleiben für uns zu Hause... Ich hoffe, diese Woche werden Entscheidungen getroffen, die schnell wieder zur Normalität führen.

Was machen Sie, was machen die Bauern gerade?

Die Tiere versorgen wie jeden Tag, Grünlandpflege, düngen, Gülle fahren, Mist streuen. Der Raps fängt zu blühen an, da muss auf den Schutz vor Käfern geachtet werden. Ende April sind der Mais und die Kartoffeln dran. Manche haben bereits Sommergerste und Hafer gesät, auch die Zuckerrüben kommen in den Boden.

Wie lange können die hiesigen Bauern die Region unter den gegenwärtigen Bedingungen noch versorgen?

Immer. Die Frage sind nur die Preise. Im Ackerbau sieht es nicht so schlecht aus. Der Weizenpreis zum Beispiel ist relativ gut. Wie das bei der Milch wird, keine Ahnung. Da merken wir dann doch schon die  Auswirkungen von Corona.

Inwiefern?

Eigentlich hätte das Hamstern auch gut sein können. Für uns als Bauern. Denn wenn etwas knapp wird, steigen die Preise. So ist eigentlich die Marktwirtschaft. Aber die Verträge der Molkereien mit dem Einzelhandel sind leider so, dass das nicht passiert ist. Jetzt brauchen auch wir Bauern und die Molkereien ein Regularium, um den Ausfall auszugleichen. Wir haben vom Hoch nichts abbekommen, erwischen aber wahrscheinlich das Tief.

Der Milchpreis ist ein ewiges Thema. Die Bauern jammern immer darüber und trotzdem gibt es noch Milch...

Jammern geht anders. Wir weisen nur regelmäßig darauf hin, dass das so nicht geht und immer mehr Betriebe die Milchproduktion aufgeben müssen. Mit allen Nachteilen, auch für die Kulturlandschaft. Grünland kann nur durch Viehhaltung genutzt werden. Wenn nicht, wächst die Gegend zu. Wir bekommen jetzt etwa 32 Cent für einen Liter Milch, und das reicht nicht. Ein Cent mehr oder weniger pro Liter macht bei 500 Kühen im Jahr 50.000 Euro mehr oder weniger aus. Zum Vergleich: Als ich 1996 angefangen habe, gab es 62 Pfennig. Die haben wir also heute noch. Und die Stundenlöhne lagen damals bei 10 Mark - 25 Jahre derselbe Preis bei teilweise verdreifachten Kosten. Wo ist das sonst so?

Sie haben gesagt, eigentlich sind die Bauern von der Corona-Krise nicht direkt betroffen, andererseits leben sie auf keiner Insel.

Natürlich. Vor allem die fehlenden Exporte bekommen auch wir zu spüren. Wir exportieren zwar nicht direkt, aber über die Molkereien. Wenn die keine Produkte - kein Magermilchpulver, keine Butter und keinen Käse - zum Beispiel nach China exportieren, drücken diese Milchmengen auf den europäischen Markt und versauen die Preise. Das hat vor etwa drei Wochen begonnen und kommt nun auch bei uns an. 

Wie reagieren die Bauern darauf?

Entweder weniger Kühe halten oder sie so füttern, dass sie weniger Milch geben. Aber das eine stört die Betriebswirtschaft, das andere die Kuh.

Sie sind jetzt gar nicht mehr so entspannt...

Ich bin skeptisch.​

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