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Freitals letzter Milchbauer

Marc Bernhardt führt einen Familienbetrieb in Somsdorf. Er entwickelt immer wieder neue Ideen, damit sein Hof eine Zukunft hat.

Marc Bernhardt ist der letzte Milchbauer in Freital.
Marc Bernhardt ist der letzte Milchbauer in Freital. © Andreas Weihs

Die Kühe mampfen zufrieden die frisch verteilte Silage. "Holsteiner", sagt Marc Bernhardt kurz auf die Frage nach der Rasse. 110 Milchkühe stehen im größten und modernsten Stall des Landwirtschaftsbetriebs im Freitaler Ortsteil Somsdorf. Dazu kommen weitere 120 Rinder, die zur Familie der Milchlieferanten zählen: Kälber, Bullen und auch Kühe im Ruhestand. Sie verteilen sich auf die umliegenden Gebäude. Eigentlich nichts besonderes, könnte man meinen. Was kaum jemand weiß: Die Bernhardts sind die letzten Milchbauern in ganz Freital. Wie halten sie ihr Geschäft wirtschaftlich aufrecht? 

Nach der Wende wagten etliche Landwirte den Neustart, traten aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) aus und richteten Privatbetriebe ein. So auch die Familie Bernhardt. "Wir begannen mit sechs Kühen", berichtet Marc Bernhardt, der damals noch ein Schuljunge war. Er schätzt, dass es in Freital Mitte der Neunziger um die zehn Milchbauern gab. Allein in Somsdorf waren fünf Höfe angesiedelt. Aus und vorbei. Zuerst machten Mitte der 2000er-Jahre die kleinsten Betriebe dicht. Dann erwischte es unter dem Druck der sinkenden Milchpreise auch größere Produzenten. Vor Kurzem gab ein Landwirt aus Freital-Saalhausen die Milchwirtschaft auf. Nun ist nur noch der Somsdorfer Hof übrig, der von Marc Bernhardt und seinen Eltern bewirtschaftet wird.

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Die Sorgen und Nöte der Milchbauern sind groß und lassen sich gut mit drei Begriffen zusammenfassen: Kostendruck, zunehmende Bürokratie, viel Arbeit. Viehhaltung - das heißt 365 Tage im Jahr auf Achse sein, von früh bis spät. Dass möchten sich viele nicht mehr antun. "Mit meinem Studienabschluss könnte ich auch irgendwo als Angestellter arbeiten, hätte eine 40-Stunden-Woche und mehr Geld in der Tasche", sagt Marc Bernhardt. Warum er sich dennoch für die bäuerliche Familientradition entschieden hat? Der 33-Jährige muss nicht lange überlegen. "Ich bin hier großgeworden und liebe meine Arbeit. Ich möchte nichts anderes machen."

Trotzdem hat er lange darüber nachgedacht, wie er die Dinge anpacken möchte, als er mit den Eltern über die Nachfolgeregelung und die Zukunftsperspektiven sprach. "Dass es uns noch gibt, hat auch damit zu tun, dass hier zwei Generationen am Start sind und jeder seine Stärken einbringen kann." Marc Bernhardts Fokus liegt im Bereich der Digitalisierung. In seinem Büro gleich neben dem Stall steht ein Rechner. Hier laufen zum Beispiel alle Daten ein, die die beiden Melkroboter liefern. Für jede einzelne Kuh kann er die Milchleistung und Milchqualität abrufen. Nur die Verknüpfung von alt und neu, von Handarbeit und moderner Technik, von Tradition und Moderne biete heute kleinen Familienbetrieben noch eine Chance, zu überleben. "Man muss sich immer auf dem Laufenden halten. Nur die Technik gibt uns die Möglichkeit, überhaupt noch rentabel zu sein." Wer nicht investiere, verliere schnell den Anschluss. 

Es gibt sie noch: Bauernhofromantik

Zum Hof gehören 100 Hektar Land, gut die Hälfte davon ist Eigentum. Darauf werden Futter und Getreide angebaut. Mais, Gras, Heu und Stroh werden zu Silage verarbeitet. Getreide und Raps, die aufgrund der Fruchtfolge anfallen, sind für den Weiterverkauf bestimmt. "Wir haben einen relativ eng geschlossenen Wirtschaftskreislauf", sagt Bernhardt-Junior. Das klingt alles wie aus einem Lehrbuch für Controlling. Wo bleibt da die Bauernhofromantik?

Es gibt sie tatsächlich noch. So steht im Stall eine 15 Jahre alte Kuh, die längst keine Milch mehr liefert. Zum Schlachthof gekarrt wird sie trotzdem nicht. "Sie hat sich einfach ihre Rente verdient und bleibt bis zum Ende ihrer Tage bei uns." Überhaupt legt Marc Bernhardt Wert auf einen rücksichtsvollen Umgang mit den Ressourcen, auch wenn er kein Biobauer ist. "Wir Landwirte leben vom Boden und den Tieren. Wir wären doch blöd, wenn wir alles nur ausquetschen." Die Zeiten, als die Milchbauern sich gegenseitig mit Kühen überboten, die im Jahr zehntausend und mehr Liter Milch abgaben, sind vorbei. Zumindest für ihn. Wenn eine Kuh nur sechstausend Liter im Jahr gibt, so sagt er, sei das völlig okay. Wichtiger ist ihm ein hoher Standard beim Tierwohl und der Tiergesundheit sowie der Bewirtschaftung der Ackerböden.

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Davon möchte er auch die potentiellen Kunden überzeugen und hat den Somsdorfer Hof nach und nach für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es gibt eine Milchtankstelle, wo auch der hauseigene Joghurt und selbst produzierte Rindfleischerzeugnisse vertrieben werden. Wer will, kann einen Blick in den Stall werfen und zum Streichelgehege gehen, wo Esel und Ziegen zu sehen sind. Über den Hof streunen Katzen, irgendwo gackern Hühner. Mittlerweile kommen viele Kindergartengruppen und Schulklassen, am Wochenende machen Ausflügler halt. Einmal im Jahr gibt es ein Hoffest. "Transparenz ist mir wichtig", sagt Marc Bernhardt. Viele Missverständnisse würden nur darauf beruhen, dass die Verbraucher nicht genau wissen, wie Lebensmittelproduktion funktioniere. "Wir Landwirte sind oft die Buhmänner. Dabei sorgen wir für einen vollen Tisch."  

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