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Riesa

„Bauland-Filetstücke dürfen nicht vor sich hingammeln“

Was sollte in Riesa Vorrang haben: Denkmalschutz oder Wohnungsbau? Eine persönliche Betrachtung.

„Schade, dass hier der Denkmalschutz versagte“ – dieses Protestschild war Anfang April an der einstigen Riesaer Brauerei aufgetaucht. Jetzt wurde das frühere Kontorgebäude abgerissen.
„Schade, dass hier der Denkmalschutz versagte“ – dieses Protestschild war Anfang April an der einstigen Riesaer Brauerei aufgetaucht. Jetzt wurde das frühere Kontorgebäude abgerissen. © Archivfoto: Sebastian Schultz

Von Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Ach ja, die guten alten Zeiten ... Das hatte ja schon etwas, dass jede Stadt eine eigene Bergbrauerei in ihren Mauern beherbergte. So wie in Riesa die 1872 gegründete Bergbrauerei AG, in Großenhain ebenso eine Bergbrauerei, wohl ursprünglich auch eine Aktiengesellschaft. Auch wenn zu DDR-Zeiten am Ende nicht Braukunst zelebriert wurde, sondern nur noch scheußlich schmeckende Flüssigkeiten hier wie da abgefüllt wurden.

365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Nun also hier wie da der Abriss – und das allfällige Lamento der professionellen, aber auch Hobby-Denkmalpfleger und -freunde. Ist ja auch schade: Hier wie da die ruinöse in sich zusammengefallene Fabrikantenvilla und wirklich interessante Industriearchitektur, rostende Kessel, die zerfallenen (oder mutwillig zerstörten) Abfüllanlagen, bröckelnde Schornsteine. Da runzeln die früheren Brauer die Brauen, und als denkmalinteressierter Mensch könnte man da nur ins Klagelied einstimmen.

Muss man aber nicht, denn: Erstens gibt es in Sachsen – und da spreche ich wirklich aus Erfahrung – noch genügend Herrenhäuser, Bahnhöfe, Schlösser, Pavillons, Viadukte, Fabriken, Kasernen, Kirchen, Kinos, Lokschuppen etc., die alle, alle unter Denkmalschutz stehen und einer dringenden Sanierung harren. Und deren wirkliche (oder vermeintliche) Bewahrer ihrerseits in verbissenem Wettstreit ihrer jeweiligen Bedeutsamkeit mit der Konkurrenz sich befinden. Siehe auch die Zeitschrift „Monumente“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die ich dazu nur empfehlen kann. Also schnell die Sammelbüchse aufgetan und her mit den Moneten!

Und da taucht Problem Nr. zwei auf. Proteste und Schildermalen gehen ja in Ordnung, auch hier und da mal ein Subbotnik mit viel ehrenamtlichen (und überhaupt nicht gering zu achtenden!) Eigenleistungen aus der Nachbarschaft und mit vielen Enthusiasten – gut und schön. Aber: Wenn’s richtig teuer wird, und das kann selbst beim kleinsten Lokschuppen, der vielleicht in eine Tourist-Info oder ein Dorfgemeinschaftshaus umgewidmet wird, in die Millionen gehen, ist Ebbe in der Kasse. Das ist kein böser Wille, sondern fast ein Naturgesetz.

Und drittens werden Wohnungen gebraucht, Bauland muss her. Kein Oberbürgermeister kann erfreut sein, wenn – wiederum in Großenhain wie in Riesa – schöne Areale, ja geradezu Filetstücke innerstädtischen Baulands, als Schandflecken und Motive der Lost-Place-Fotografen verkommen oder als Spielplätze der Geocacher vor sich hin gammeln. Das geht einfach nicht! Wie das Ergebnis am Ende aussieht, ist eine ganz andere Frage.

Was ich da schon – zum Beispiel bei der Gesellschaft für Baukultur im Dresdner Kulturpalast – gesehen habe, ist oft nicht schön. Aber was soll man denn der jungen Familie mit Kind sagen, die auf Kredit ihr eigenes Häuschen bauen will. Die kann sich weder den teuren Bauhaus-Würfel noch die exquisite postmoderne Schnörkelvilla leisten, sondern eben nur ein einfaches, schlichtes Häuschen. Vielleicht kann die Stadt ja mit gelindem Druck auf den Bebauungsplan einwirken, damit es nicht so ein Stilmix wird, wie es selbst im näheren Umfeld zu besichtigen ist.

Schlussendlich aber gilt immer noch der Satz: Nichts ist für die Ewigkeit.

Klaus-Dieter Brühl ist langjähriger Fotograf, der auch für die SZ arbeitet. Er lebt in Riesa.