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Meißen

Warum Bauarbeiter trotz Corona weitermachen

Die Straßen sind deutlich leerer als sonst, doch auf den Baustellen im Kreis Meißen herrscht Hochbetrieb. Dennoch gerät die Branche langsam in Sorge.

In Nickritz wird schon seit längerem die Hauptstraße gebaut. Auch in Corona-Zeiten laufen die Bauarbeiten weiter.
In Nickritz wird schon seit längerem die Hauptstraße gebaut. Auch in Corona-Zeiten laufen die Bauarbeiten weiter. © Lutz Weidler

Landkreis. Fast menschenleere Elbwiesen, verlassene Einkaufsstraßen, vielerorts Stille - der Alltag hat sich auch im Kreis Meißen zuletzt deutlich verändert. Wo sonst im Frühjahr reges Treiben herrscht, ist nun Ruhe eingekehrt. Grund dafür ist die Ausgangssperre des Freistaates Sachsen, die den Menschen das Verlassen des Hauses nur noch bei triftigen Gründen gestattet.

Doch nicht überall geht es dieser Tage ruhig zu. Auf der Hauptstraße im Riesaer Ortsteil Nickritz beispielsweise bahnen sich Bagger ihren Weg durch die Erde. Schon seit längerem wird dort die Straße erneuert. Und auch in Radebeul sind gleich an mehreren Stellen Bagger und Bauarbeiter anzutreffen. Doch genau das löst bei manchen Beobachtern Fragen aus.

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Während die halbe Republik wegen der Corona-Krise ins Homeoffice wechselt, um den Kontakt zu Mitmenschen und die damit verbundene Ansteckungsgefahr zu minimieren, laufen die Arbeiten auf den Baustellen weiter. Obwohl auch dort teils mehrere Dutzend Menschen beisammen sind. Allein im Kreis Meißen sind fast 4.000 Bau-Beschäftigte im Einsatz. Kritiker fragen deshalb: Warum wird der Betrieb in Corona-Zeiten nicht eingestellt? Und ist die Arbeit auf den Baustellen überhaupt erlaubt?

Erhöhtes Ansteckungsrisiko

"Auf Baustellen darf nach wie vor gearbeitet werden", versichert das zuständige Wirtschaftsministerium auf Anfrage der SZ. "Die Tätigkeit auf einer Baustelle ist durch die Ausgangsbeschränkung nicht untersagt. Es handelt sich hierbei um die Ausübung beruflicher Tätigkeit", heißt es aus der von Martin Dulig (SPD) geführten Behörde.

Im Wirtschaftsministerium ist man sich aber auch der Gefahr bewusst. "In Betrieben und auf Baustellen arbeiten häufig viele Beschäftigte eng zusammen. Das birgt ein erhöhtes Risiko für die Ansteckung mit dem Coronavirus", so eine Sprecherin. Bauunternehmen sollten deshalb zwingend die vom Ministerium aufgestellten Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter beachten.

Die Meißner Straße ist nur eine von mehreren Baustellen, die es aktuell im Radebeuler Stadtgebiet gibt.
Die Meißner Straße ist nur eine von mehreren Baustellen, die es aktuell im Radebeuler Stadtgebiet gibt. © Arvid Müller

Die Maßnahmen des Ministeriums sehen unter anderem vor, dass Bauarbeiter während der Arbeit untereinander so wenig wie möglich in Kontakt kommen und den Sicherheitsabstand von 1,5 Meter weitestgehend wahren. Zudem sollen auf Baustellen zahlreiche Handwaschgelegenheiten zur Verfügung gestellt werden. Von mobilen Toilettenkabinen rät das Ministerium indes ab. Angebracht seien dagegen Sanitäranlagen mit Waschbecken, eine regelmäßige Reinigung der Pausenräume und Zugangskontrollen.

Keine Frühstücksrunden

Bei der Gewerkschaft IG Bau Dresden ist man derweil froh, dass der Betrieb auf den Baustellen bisher weiterläuft. Die Bau-Beschäftigten hielten derzeit einen zentralen Wirtschaftszweig im Landkreis Meißen am Laufen, meint Jörg Borowski von der IG Bau Dresden. "Denn wer auch in der Krise für mehr Wohnraum und funktionierende Straßen sorgt, der baut mit seinem Job ein Stück an der Zukunft. Damit leisten Bauleute einen enorm wichtigen Beitrag für die Gesellschaft", so Borowski.

Doch die Gewerkschaft appelliert zugleich an die Arbeitgeber, die strikte Einhaltung der Hygieneregeln sicherzustellen. Große Frühstücksrunden im Baucontainer seien aktuell ebenso tabu wie die Fahrt im vollbesetzten Bulli zur Baustelle. Jede Firma müsse hier ihren eigenen Pandemie-Plan erstellen. Sollte der Sicherheitsabstand bei speziellen Arbeiten nicht eingehalten werden können, müsse die Firma Masken und Schutzhandschuhe bereitstellen. Gegebenenfalls müssten Arbeitsabläufe angepasst werden. "Der Schutz der Beschäftigten hat oberste Priorität. Missachtet der Chef das, müssen sich die Mitarbeiter zur Wehr setzen“, macht Borowski deutlich.

Ab Anfang April soll die Fahrbahn der S88 in Diesbar-Seußlitz saniert werden. Dann wird das Weindorf zur Baustelle.
Ab Anfang April soll die Fahrbahn der S88 in Diesbar-Seußlitz saniert werden. Dann wird das Weindorf zur Baustelle. © Sebastian Schultz

Die Strabag ist derzeit in mehreren Orten im Kreis Meißen tätig. Dabei beachte man "alle behördlichen Anordnungen", so Sprecherin Birgit Kümmel. Zudem treffe man Vorkehrungen, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Auch andere Bau-Unternehmen verweisen darauf, dass sie auf die Einhaltung der vom Ministerium empfohlenen Standards achten.

Darauf vertraut auch das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv), das derzeit an sechs Stellen im Kreis Bauunternehmen einsetzt. Zudem soll ab Anfang April die S88 in Diesbar-Seußlitz erneuert werden. "Die Bauunternehmen handeln eigenverantwortlich. Wir gehen davon aus, dass die Unternehmer verantwortungsvoll sind und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich auf ihren Baustellen schützen", teilt Sprecherin Isabel Pfeiffer auf Anfrage mit.

Corona als "höhere Gewalt"?

Doch noch ist unklar, ob auf den Baustellen in Sachsen auch künftig weitergearbeitet werden darf. "Sollte es nicht erreicht werden, die Ausbreitung der Krankheit mit den derzeit bestehenden Maßnahmen zu verlangsamen oder zu stoppen, dann werden gegebenenfalls weitreichendere Entscheidungen getroffen werden müssen", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Die Zuständigkeit für die Allgemeinverfügung liegt jedoch beim Sozialministerium. Das hat auch die Federführung über den Krisenstab, der hinsichtlich des Coronavirus "höhere Gewalt" ausrufen könnte.

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Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog!

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