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TV-Serie will anderen Blick auf Bautzen

Rechte Hochburg, gespaltene Stadt? Eine zehnteilige Arte-Doku soll mehr bieten als die üblichen Schlagworte. Was die Macher bewegt und wie sie Bautzen erlebt haben.

Die Filmteams, die ein halbes Jahr lang in Bautzen gedreht haben, waren auch beim Bürgerforum im Februar 2019 in der Maria-und-Martha-Kirche dabei.
Die Filmteams, die ein halbes Jahr lang in Bautzen gedreht haben, waren auch beim Bürgerforum im Februar 2019 in der Maria-und-Martha-Kirche dabei. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ein halbes Jahr lang konnte man sie in Bautzen kaum übersehen: Filmteams waren 2019 in der Stadt unterwegs, um eine Fernsehserie über Bautzen zu drehen. Zehn Teile sind entstanden - nun sollen sie ausgestrahlt werden. Sächsische.de hat mit dem Produzenten Mathias von der Heide und Dokumentarfilmer Alexander Bartsch über ihre Erfahrungen in Bautzen gesprochen.

Zehn Teile Serie über Bautzen – das klingt enorm. Warum braucht es das?

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Mathias von der Heide: Bautzen hat ja ein bestimmtes Image. Und uns hat interessiert: Was bewegt die Bautzener wirklich, wie ticken die Bautzenerinnen? Deshalb wollten wir ohne Anlass in die Stadt gehen. Uns ging es gerade nicht darum, über Reichskriegsflaggen am Straßenrand oder Ähnliches zu berichten, wir wollten den Alltag einfangen. Die beiden Wahlen im vergangenen Jahr, also die Kommunal- und die Landtagswahl, bildeten dabei den zeitlichen Rahmen.

Spannend ist ja: Diese Problematik gibt es ja genauso in Frankreich, das ist kein rein Bautzener Phänomen. Wir beobachten das in ganz Europa, dass sich bestimmte Bevölkerungsteile nicht mehr gehört oder repräsentiert fühlen. Und dann Parteien wählen, die rechts der bürgerlichen Mitte stehen. Und auf Bautzen sind wir auch gekommen, weil die Stadt den Stereotypen widerspricht. Es ist eine Stadt, der es gut geht – eine Stadt, die wirtschaftlich prosperiert. Da wird es interessant. Wir wollten hingehen und zuhören.

Alexander Bartsch: Die Konfliktlagen, die sich in Bautzen zeigen, sind sehr komplex. Es gibt nicht nur einfach zwei Seiten, die da streiten – nicht nur rechts und links. Sondern es gibt sehr viele Menschen, die eine Vorstellung haben, wie dieses Bautzen ist und wie es zu sein hat. Wir wollten den Konflikt darstellen, ohne ihn aufzubauschen. Wir wollten mit denen reden, die den Konflikt führen.

Mathias von der Heide: Von westlicher Seite aus – ich lebe in Köln – bekommt man schnell den Eindruck, dass es bei dem Konflikt in Bautzen um einen Konflikt zwischen Ost- und Westdeutschland geht. Vor Ort stellt man aber fest: Der Konflikt spaltet sich in sehr viele kleine auf. Wir wollten schauen, wie die Bautzener mit den unterschiedlichen Konfliktlinien umgehen.

Was für eine Serie ist also entstanden?

Mathias von der Heide: Es ist eine horizontal erzählte Geschichte entstanden – ähnlich der einer modernen, fiktionalen Serie. Darin enthalten sind nicht nur abgeschlossene Geschichten. Die Zuschauer sollten alle zehn Teile sehen, um ein Gesamtbild zu bekommen. In den ersten beiden Folgen gibt es eine Art Exposition, wir führen die Charaktere ein. In einer Folge beschäftigen wir uns zum Beispiel mit der Frage, wer für Bautzen sprechen darf. Es gibt eine Folge, die sich eher mit den Medien beschäftigt. Eine andere mit der Kommunalwahl. Im Zentrum dieser Folge steht die Frage: Wie geht die Wahl aus?

Wir gibt auch einen Teil, der sich mit den Auswirkungen der Nachwendezeit befasst. Was hat diese Zeit für Spuren hinterlassen? Wir haben immer wieder gehört, dass das viele sehr geprägt hat. Wir machen unterschiedliche Handlungsstränge auf, betrachten die Entwicklung der Akteure, erzählen ihre Geschichte. Die Schwierigkeit dabei war, dass nichts gescripted war. Das bedeutet, dass wir uns ganz nach den Protagonisten gerichtet haben. Erst hinterher konnten wir schauen, wie bekommt man das zusammen – wie funktioniert das als Serie? Das war eine große Herausforderung. Denn wir hatten am Ende ungefähr 500 Stunden an Rohmaterial, das wir auf fünf Sendestunden herunterbrechen mussten.

Produzent Mathias von der Heide (l.) und Dokumentarfilmer Alexander Bartsch waren an der Produktion der zehnteiligen Bautzen-Dokumentation für Arte beteiligt.
Produzent Mathias von der Heide (l.) und Dokumentarfilmer Alexander Bartsch waren an der Produktion der zehnteiligen Bautzen-Dokumentation für Arte beteiligt. © privat

Wie haben Sie die Gesprächspartner ausgewählt?

Mathias von der Heide: Wir haben versucht, einen Durchschnitt der Bevölkerung zu zeigen. Wir haben mit dem Oberbürgermeister Alexander Ahrens geredet. Mit Lutz Hillmann vom Theater, mit Ulli Schönbach von der Sächsischen Zeitung. Wir haben mit der Frauenbeauftragten der Stadt gesprochen, Andrea Spee-Keller. Zusammengefasst könnte man sagen: Wir haben mit den öffentlichen Gesichtern der Stadt gesprochen. Auch der Bürgerpolizist Steffen Schönfelder gehört dazu.

Wir haben auch mit politisch engagierten Bürgerinnen und Bürgern gesprochen: mit Andreas Thronicker, dem Lauentürmer, mit David Vandeven von Ostsachsen TV und mit Bewohnerinnen aus dem Stadtteil Gesundbrunnen. Zum Beispiel mit Ruba Osman, einer Geflüchteten aus Syrien, die mit ihrer Familie dort lebt. Und mit Nancy Grohmann, einer alleinerziehenden Mutter. Und wir haben Stadträtin Annalena Schmidt im Wahlkampf begleitet. Was ich schade fand, ist, dass es uns nicht gelungen ist, jemanden aus der Handwerkerschaft für unser Projekt zu gewinnen. Und auch, dass sich Bauunternehmer Jörg Drews – trotz wiederholter Anfragen – dem Projekt gegenüber nicht aufgeschlossen zeigte.

Alexander Bartsch: Ich war für die Protagonisten zuständig, die auf der Gegenseite von Annalena Schmidt stehen. Die im konservativeren, rechteren Raum unterwegs sind. Spannend finde ich: Ich hatte Ablehnung erwartet. Aber das war überhaupt nicht der Fall – im Gegenteil. Die Leute hatten das Bedürfnis, ihren Standpunkt zu äußern. Dennoch war da die Angst, die Skepsis, falsch dargestellt zu werden.

Herr Bartsch, Sie sind für die Dreharbeiten sogar eine Weile lang nach Bautzen gezogen. Wie sind Sie aufgenommen worden?

Alexander Bartsch: Ich glaube, das war wie in jeder normalen Stadt. Ich habe nicht direkt viele Freunde gefunden – Kontakte gab es eher bei den Dreharbeiten. Da wiederum fand ich spannend, dass die Leute prinzipiell positiv reagiert haben. Sie haben gefragt, wer wir sind, was wir machen – und waren dabei so gut wie immer freundlich. Nur ganz selten haben wir das anders erlebt. Als die AfD aufgetreten ist am Kornmarkt, zum Beispiel.

Was ist da passiert?

Alexander Bartsch: Da sind wir schon angegangen worden. Uns ist gesagt worden, dass man uns hier nicht will. Einer unser Tonleute ist Syrer – und er wurde wiederholt rassistisch beleidigt. Das ist zum Beispiel passiert, als wir durchs Kornmarktcenter gelaufen sind. Da haben freundlich aussehende Rentnerpärchen im Vorbeigehen Sprüche abgelassen.

Hatten Sie das so erwartet?

Alexander Bartsch: Ich hätte eigentlich mehr Skepsis erwartet. Im Großen und Ganzen sind wir aber generell ohne Erwartungen hergekommen. Das ist unsere Aufgabe als Dokumentarfilmer.

Mathias von der Heide: Mich hat sehr überrascht, wie ernst in der Stadtgesellschaft die politische Auseinandersetzung genommen wird. Davon könnte sich manche Gemeinde in Westdeutschland eine Scheibe abschneiden. Wir haben in Bautzen sehr viel Engagement gesehen.

Was haben Sie da als besonders empfunden?

Mathias von der Heide: Man redet miteinander! Was es da alles an Diskussionsrunden, an Diskussionsforen gab – das fand ich beeindruckend. Das zeugt doch von einer sehr demokratischen Grundhaltung.

Welches Gefühl nehmen Sie also mit?

Alexander Bartsch: Ich nehme mit, dass ich vieles eben nicht nachvollziehen kann in Bautzen. Ich habe mit allen offen geredet, aber natürlich ist man nicht immer derselben Meinung. Ich kann zum Beispiel nicht ganz nachvollziehen, wie es passieren kann, dass die Bautzener die Diskussion um das Außenbild ihrer Stadt mit dem Problem mit Rechts verwechseln. Und als jemand, der eine Weile dort war, kann ich sagen: Man sieht einfach viele Menschen dort im Straßenbild, die ganz klar Neonazis sind. Dass das geleugnet wird, fällt mir schwer nachzuvollziehen.

Mathias von der Heide: Ich war beim Bürgerforum in der Maria-und-Martha-Kirche dabei, und da ist mir wegen des Umgangstons zunächst wirklich der Schreck in die Knochen gefahren – gelinde gesagt. Aber ich habe auch gesehen, wie danach Menschen aufgestanden sind und gesagt haben: So geht das nicht. Das fand ich stark. Ich nehme mit, dass es in Bautzen Menschen gibt, die miteinander sprechen wollen. Die einen Weg suchen.

Vor Kurzem erschien ein Artikel im Tagesspiegel über Bautzen. Die Kritiker stören sich daran, dass Reporter von außerhalb kommen und aus ihrer Sicht negativ über Bautzen berichten. Stichwort: Sachsen-Bashing. Kann diese Kritik auch Ihrer Serie widerfahren?

Mathias von der Heide: Das muss jeder Zuschauer selbst entscheiden. Wir verstehen uns als Journalisten – in dem Sinne, dass wir uns erst einmal die unterschiedlichen Positionen anhören wollten. Wir sind da nicht mit vorgefertigten Meinungen herangegangen – sondern offen. Wir haben dann das, was wir gesehen haben, gegeneinandergestellt. Die Positionen in einen Dialog zueinander treten lassen. Deshalb haben wir im Übrigen in der Serie auch auf einen Off-Kommentar verzichtet, also eine allwissende Stimme von außen. Für den Schnitt war das nicht einfach – aber der Dialog sollte von den Bautzenerinnen und Bautzenern selbst geführt werden. Und ich denke, durch diese Herangehensweise sind wir gegen den Vorwurf gefeit, Sachsen-Bashing zu betreiben.

Die Serie ist vor anderthalb Jahren gedreht worden. Ist sie überhaupt noch relevant?

Alexander Bartsch: Die Serie ist ein Ausschnitt von etwas, das immer noch läuft. Der Konflikt ist immer noch da. Die Serie sagt ja außerdem über Bautzen hinaus etwas aus. Über den ländlichen Raum, über den Rechtsruck in Europa.

Mathias von der Heide: Genau, die Probleme sind die gleichen geblieben. Die Wahl und ihre Ergebnisse, die sind heute tagespolitisch vielleicht nicht mehr unmittelbar wichtig. Aber sie bilden einen zeitlichen Rahmen und sie werfen bestimmte Fragen auf. Und, wir sehen ja anhand der Corona-Demonstrationen: Diese Fragen sind noch genauso relevant wie eh und je.

Infos zu Vorpremiere und Sendeterminen

Am Sonnabend, dem 5. September, findet eine Vorpremiere der Serie im Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen statt. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 19 Uhr. Die Folgen eins und zwei der Serie sollen dabei gezeigt werden, danach können die Zuschauer einigen Filmleuten Fragen stellen.

Schon vorab können die Folgen im Netz auf der Internetseite von Arte angeschaut werden. Die erste Folge wird an diesem Sonnabend online gestellt. Im Fernsehen wird sie am 28. September um 19.40 Uhr ausgestrahlt. Die ersten fünf Folgen erscheinen an den darauffolgenden Tagen jeweils um dieselbe Uhrzeit. Alle anderen Folgen werden am Sonnabend, dem 3. Oktober ausgestrahlt. Folge fünf wird um 14.35 Uhr ausgestrahlt, um 15.10 Uhr gibt es Folge sieben und im Anschluss, um 15.40 Uhr, Folge acht. Um 16.10 Uhr gibt es Folge neun und die letzte und zehnte Folge wird um 16.40 Uhr ausgestrahlt.

Karten für die Veranstaltung am 5. September gibt es ausschließlich im DDV Lokal der Sächsischen Zeitung in Bautzen, Lauengraben 18. Die Tickets sind ab 31. August kostenlos erhältlich. Wegen der Corona-Pandemie sind die Plätze im Theater begrenzt, es können daher nur 100 Tickets ausgegeben werden. Pro Person werden maximal vier Karten abgegeben.

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