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Keine Rettungsschwimmer am Stausee Bautzen

Die DLRG Bautzen trainiert jede Woche auf dem Gewässer. Doch zum Einsatz kommt sie hier nicht.

Robert Hänsel und Luisa Thiel von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft Bautzen trainieren auf dem Stausee für den Ernstfall. Sie ziehen eine Frau aus dem Wasser.
Robert Hänsel und Luisa Thiel von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft Bautzen trainieren auf dem Stausee für den Ernstfall. Sie ziehen eine Frau aus dem Wasser. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Leichte Wellen malen ein Muster auf die Wasseroberfläche des Bautzener Stausees. Das Wasser ist warm an diesem Tag. Eine Frau wiegt in den Wellen, der Neoprenanzug hält ihren Körper an der Wasseroberfläche. Soweit, so ruhig. Doch plötzlich wird es laut. Ein leuchtend rotes Boot steuert geradewegs auf die im Wasser treibende Frau zu. Am Steuer des knatternden Gefährts sitzt Luisa Thiel, neben ihr Robert Hänsel. Beide sind Mitglieder der Deutschen Lebens-Rettungs-gesellschaft DLRG in Bautzen. Geschwind springt Robert Hänsel aus dem Boot, wirft der Frau im Wasser gekonnt einen gelben Schaumstoffring um den Bauch, zieht die Schlaufe zu. Mit einem Ruck hievt er sie über seinen Rücken ins Boot. Opfer gerettet.

„Normalerweise kommen wir hier mit vollem Tempo an“, sagt Robert Hänsel und grinst. „Da bekäme man es vom Wasser aus als Laie aber wahrscheinlich mit der Angst zu tun.“ Der Bautzener Rettungsschwimmer ergänzt: „Vor allem dann, wenn der Wellengang hoch ist, kann das beeindruckend sein.“

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Doch normalerweise geht es eben auch um jede Sekunde. Und an diesem Tag ist das, was Robert Hänsel und Luisa Thiel machen, nur eine Trainingseinheit. Sie üben, wie sie im Ernstfall Badende vor dem Ertrinken retten können.

In dieser Saison ist viel los

Trainingseinheiten wie diese finden regelmäßig auf dem Bautzener Stausee statt. Wöchentlich trainiert die DLRG hier. Rund 70 Mitglieder hat sie in Bautzen, 40 davon sind aktiv. Und noch mehr: Die Bautzener DLRG bildet auch Rettungsschwimmer aus, in zwei Kursen pro Jahr mit jeweils etwa 20 Teilnehmern. Die DLRG-Vereinsmitglieder schwärmen jedes Jahr aus, beobachten ehrenamtlich die Küsten, retten dort Menschen vor dem Ertrinken.

Beste Voraussetzungen für den Stausee, möchte man meinen. Und doch: Wer in Bautzens Talsperrengewässer schwimmen geht, der tut das auf eigene Gefahr. Eine Badeaufsicht gibt es nicht. Dabei wäre das gerade in diesem Jahr wichtig, findet Robert Hänsel von der Bautzener DLRG. Immer mehr Besucher gibt es am Stausee, immer mehr Leute gehen schwimmen. „Gerade in Anbetracht der Situation, also angesichts Corona“, sagt Hänsel, „wäre es in diesem Jahr sinnvoll. Denn viele Leute verreisen nicht. Am Stausee ist diese Saison viel los.“

Sicher, viele Seen haben keine Rettungsschwimmer, sagt Hänsel. Aber er nennt ein Gegenbeispiel: Am Bärwalder See beaufsichtigt jetzt die Wasserwacht Sachsen die Badenden. „Die haben das geschafft“, sagt er.

Wegen Corona baden mehr Leute im See

Auch der Olbasee in der Gemeinde Malschwitz ist überwacht. „Letztes Jahr war ein Rekordsommer“, sagt Dirk Rätze von der DRK-Wasserwacht in Bautzen, „über 1.000 Wachstunden haben wir da am Olbasee geleistet.“ Auch eine Lebensrettung sei nötig gewesen. Und die Zahlen der Badegäste, das beobachtet er, das beobachten aber auch andere, nehmen in den letzten Jahren zu.

Aber warum gibt es in Bautzen eigentlich keine Badeaufsicht? Am Strand steht ein Schild: „Baden auf eigene Gefahr. Keine Badeaufsicht.“ In der Verantwortung wäre die Stadt. Doch die sieht keine rechtliche Notwendigkeit dafür. „Die Beaufsichtigung des Badebetriebs an einer Badestelle“, so erklärt es die Pressestelle der Stadtverwaltung, „ist nur dann erforderlich, wenn diese über Sprunganlagen oder andere Einrichtungen mit Gefahrenpotential verfügt.“ Dazu zählen nach Auffassung der Stadt: Badeinseln und Wasserrutschen. Nicht dazu zählt der Bootssteg am Stausee.

Das Problem betrifft nicht nur Bautzen. 32 Badeseen gibt es laut der DLRG in Sachsen, neun davon werden von der Lebens-Rettungs-Gesellschaft abgesichert. Auch die DRK-Wasserwacht sichert einige offene Badestellen. „Das Problem ist“, sagt Kai Kranich vom DRK, „dass es sich bei der Absicherung um eine freiwillige Aufgabe der Kommunen handelt.“ Er ist überzeugt, dass einiges geht, wenn die Kommune denn will: „Je stärker sich eine Kommune für ihren Badeort engagiert, desto mehr muss die Sicherheit mitgedacht werden. Allerdings denken viele eben erst an die touristische Sensation – und vergessen die Absicherung.“

Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist Corona. Die Leute bleiben mehr in der Heimat. Die Freibäder dürfen weniger Gäste gleichzeitig aufnehmen. Das Ergebnis: Immer mehr Menschen fahren an die Seen, vor allem in diesem Jahr.

Auch in stehenden Gewässern lauern Gefahren

Und Gefahren gibt es eben auch dort viele, auch ohne Rutsche oder Sprungbrett. Eben nicht nur in Flüssen und im Meer, sondern auch in Seen und Teichen, berichtet Sebastian Knabe, Geschäftsführer des DLRG Landesverbands Sachsen. 2019 sind in Sachsen 17 Leute durch Badeunfälle gestorben, sagt er. Allein 13 davon in stehenden Gewässern wie Seen oder Teichen.

Einige Seen sind besonders gefährlich, weil es dort Wasserwalzen und Strudel gibt. Aber auch unterschiedliche Temperaturschichten im Wasser können zum Beispiel zum Kollaps eines Badegastes führen. Oft, weiß Knabe, überschätzen sich Badende  – und erleiden im Wasser einen Krampf, sind erschöpft. „Wenn die Leute dann nicht wissen, wie sie den Krampf beim Schwimmen lösen können, kann es gefährlich werden“, sagt er. Knabe geht davon aus, dass die Zahl der Ertrunkenen in diesem Jahr deutlich steigen wird.

An einen größeren Badeunfall in den letzten Jahren in Bautzen erinnern sich zum Glück weder Robert Hänsel noch die Stadtverwaltung. Dennoch drängt Hänsel auf eine Lösung, hat sich nach eigenen Angaben in den letzten Jahren deshalb immer wieder an die Stadt gewendet. Schließlich gibt es gute Bedingungen vor Ort. Jahrelang sei er aber auf Granit gestoßen. Mittlerweile habe er aufgegeben. 

Stadt: Stausee für Erholung von großer Bedeutung

Vor allem ein Erlebnis der letzten Wochen steckt ihm noch in den Knochen. Da ging es bei einem seiner ehrenamtlichen Einsätze tatsächlich um Leben und Tod. Auf der Insel Föhr habe er da einer Frau das Leben gerettet. „Gerade in den letzten Wochen ist viel passiert“, sagt Hänsel, „nach der langen Zeit zuhause sind die Leute ausgehungert nach Freiheit, wollen raus.“

Die Stadt sagt, ihr seien keine Anfragen von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft bekannt. Doch der Stausee sei als Ort der Erholung für Bautzen von großer Bedeutung. Die nächsten Ziele sei der Bau von öffentlichen Toiletten und die Sanierung des Parkplatzes. Ob dazu nicht auch Rettungsschwimmer gehören? Diese Frage lässt die Stadt unbeantwortet.

Für Robert Hänsel steht fest: Wenn die Stadt Interesse bekundet, sind die Rettungsschwimmer da. Wenn die Vereinsmitglieder in Oehna trainieren und es gibt einen Unfall, „dann helfen wir natürlich auch“, sagt er. „Aber so wie es jetzt ist“, sagt Hänsel, „sind wir eben nicht permanent da.“

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