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Bautzen: Mann vermisst - wurde er getötet?

Ein junger Asylbewerber wurde 2017 zum letzten Mal gesehen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Verbrechen aus Eifersucht aus.

Ein junger Asylbewerber aus Bautzen wurde 2017 zum letzten Mal gesehen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Verbrechen aus aus.
Ein junger Asylbewerber aus Bautzen wurde 2017 zum letzten Mal gesehen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Verbrechen aus aus. © Patrick Seeger/dpa

Bautzen. So eine Nachricht schickt die Polizei selten heraus: Ein 25-Jähriger wird vermisst – und zwar seit drei Jahren. Spurlos verschwunden ist der Pakistaner Hussnain Asghar damals, zuletzt gesehen wurde er in Bautzen. Jetzt, das teilte die Polizei mit, ermittelt die Mordkommission. Warum die Polizei nach so langer Zeit nach Zeugen sucht und weshalb die Ermittler von einem Verbrechen ausgehen, darüber spricht Christopher Gerhardi von der Staatsanwaltschaft Görlitz, die auch für den Kreis Bautzen zuständig ist, im Interview mit Sächsische.de.

Herr Gerhardi, was spricht dafür, dass Hussnain Ashgar Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte?

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Der Verdacht, dass ein Verbrechen stattgefunden haben könnte, besteht schon länger. Der Gesuchte ist vor drei Jahren, am 22. August 2017, zuletzt gesehen worden – und seitdem spurlos verschwunden. Auch seinen Eltern gegenüber gibt es kein Lebenszeichen mehr, obwohl er mit seiner Familie eigentlich regelmäßigen Telefonkontakt hatte. Hussnain Ashgar ist 2015 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen, hat damals im Greenpark in der Bautzener Flinzstraße gewohnt. Alle seine Sachen befanden sich nach seinem Verschwinden noch in dem Zimmer. Sicher könnte man bei einem Asylbewerber auch überlegen, ob der- oder diejenige einfach abgehauen ist – aber dass Ashgar sein persönliches Hab und Gut nicht mitgenommen hat, spricht dagegen.

Nun ermittelt die Mordkommission. Das klingt, als gäbe es da mehr Hinweise als bloß ein spurloses Verschwinden eines Mannes?

Richtig. Es gibt, um genau zu sein, auch schon einen Tatverdächtigen, der bei uns in der Kartei als „beschuldigt“ geführt wird. Dabei handelt es sich um den Betreiber einer Döner-Bude in Bautzen, bei dem der Mann angestellt war. Das Problem ist: Der Beschuldigte behauptet, nichts zu wissen. Aber der Mann hätte ein Motiv. Denn der Vermisste hatte ein Verhältnis mit der Lebensgefährtin des Dönerbudenbetreibers. Und mit dem Mann ist der Vermisste zuletzt zusammen gesehen worden. Wir wissen, dass der Vermisste dem Mann ein Dorn im Auge war – und dass sich dieser in seiner Ehre verletzt gefühlt hat. Die Ermittlungen haben sich schnell auf ihn fokussiert.

Christopher Gerhardi von der Staatsanwaltschaft hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung zum Verbleib des Vermissten.
Christopher Gerhardi von der Staatsanwaltschaft hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung zum Verbleib des Vermissten. © Steffen Unger

Der Beschuldigte ist also schon konfrontiert worden. Warum sitzt der Mann dann nicht in Untersuchungshaft?

Ja, er ist verhört worden. Er gibt auch zu, dass die beiden sich an besagtem letzten Tag gesehen haben. Aber er sagt eben, dass er den Vermissten nach dem Treffen wieder am Wohnheim abgesetzt habe. Es gibt auch noch weitere Indizien – aber es ist fraglich, ob die derzeit vorhandenen Beweise für eine Anklage ausreichend sein werden. Es lässt sich im Moment einfach noch nicht genau sagen, was sich tatsächlich zugetragen hat. Möglicherweise handelte es sich um Mord, es sind aber auch andere Geschehensabläufe denkbar. Da bislang keine Leiche gefunden worden ist, ist auch nicht zweifelsfrei erwiesen, dass der Vermisste nicht mehr lebt. Und, wie gesagt, der Beschuldigte mauert. Da sind wir jetzt auf neue Hinweise angewiesen. Derzeit gibt es keinen sogenannten dringenden Tatverdacht – und der ist die Voraussetzung für einen Haftbefehl.

Sie haben einen konkreten Verdacht, können aber nichts tun? Gibt es das öfter?

Mir fällt dazu der Fall von Sonnhild Israel aus Jonsdorf ein, die vor fast 30 Jahren verschwunden ist. Damals fiel der Verdacht ziemlich schnell auf ihren Ehemann. Die Kinder hatte die Frau nicht mitgenommen – unter anderem deshalb war man nicht davon ausgegangen, dass sie sich abgesetzt hatte, sondern dass etwas passiert ist. Das Problem: Eine Leiche ist nie gefunden worden. Dabei wurde auch der Garten des Mannes umgegraben. Es gab sogar einen Gerichtsprozess, vor etwa 20 Jahren. Aber der Mord ließ sich nicht zweifelsfrei nachweisen, der Mann ist freigesprochen worden. Das zeigt noch einmal: Für einen Prozess müssen die Indizien lückenlos sein, und das ist im Fall von Hussnain Ashgar noch nicht gegeben.

Warum bittet die Polizei denn erst jetzt, drei Jahre nach seinem Verschwinden, die Öffentlichkeit um Hinweise zu dem Vermissten?

Die Ermittlungen laufen natürlich schon länger. Es ist oft so, dass die Polizei nicht gleich die Öffentlichkeit dazuholt, sondern erst einmal im Umfeld sucht. Damals hat die Polizei probiert, über das Umfeld des Vermissten und des Verdächtigen – zum Beispiel über die pakistanische Community – etwas herauszufinden. Kollegen sind befragt worden, Freunde, die Frau, Verwandte. Von einem solchen Schritt, die Öffentlichkeit hinzuzuziehen, macht man in der Regel keinen Gebrauch, wenn man auch anders zum Ziel kommen kann. Dass wir nun doch an die Öffentlichkeit gehen, hat den Grund, dass wir hoffen, dass sich doch vielleicht Mitwisser melden, dass sich der Beschuldigte vielleicht doch einmal verplappert hat oder Ähnliches. Deshalb werden wir den Zeugenaufruf und die Aussetzung einer Belohnung im Übrigen auch übersetzen lassen und in den Wohnheimen und in der Ausländerbehörde aufhängen. Wir hoffen, so doch noch neue Zeugen oder ganz neue Ansätze zu finden. Es gibt immer wieder Fälle, wie beispielsweise bei den Fernsehsendungen"Aktenzeichen XY ... ungelöst"  oder "Kripo live", wo es so spät doch noch entscheidende Hinweise gibt. Bei "Kripo live" soll das Ganze bald auch Thema sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wer hat etwas mitbekommen?

- Der 25-jährige Pakistaner Hussnain Ashgar ist zuletzt am 22. August 2017 gesehen worden.

- Hussnain Ashgar ist 1,71 Meter groß, hat schwarze kurze Haare und braune Augen. Er trägt Schuhgröße 42, hat eine schlanke, sportliche Gestalt. Die Polizei beschreibt sein Erscheinungsbild als südasiatisch und gepflegt. Ein Merkmal seien Akne-Narben im Gesicht und ein Muttermal am Kinn. Hier gibt es ein Foto des Vermissten.

- Der damals 25-Jährige soll ein Handy Samsung S7 Edge besessen haben, das er ständig bei sich hatte. Außerdem trug der junge Mann vermutlich eine Armbanduhr mit weißem Ziffernblatt, schwarzem Gehäuse und schwarzem Armband.

- Für Hinweise, die zur Aufklärung des Falls beitragen, sind 5.000 Euro ausgelobt. Informationen nimmt die Polizei unter Telefon 03581 468100 entgegen.


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