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Bautzen: Musikschule unterrichtet online

Wegen Corona fallen seit drei Wochen die Übungsstunden aus. Viele Lehrer halten trotzdem mit den Schülern Kontakt - auch wenn es manchmal knifflig ist.

Trompeten-Unterricht per Video-Chat: Der 15-jährige Kalle aus Bautzen mit seinem Lehrer Clemens Kowollik.
Trompeten-Unterricht per Video-Chat: Der 15-jährige Kalle aus Bautzen mit seinem Lehrer Clemens Kowollik. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Schwierig ist es vor allem mit den Schülerinnen und Schülern, die in Großdubrau leben, sagt Clemens Kowollik – und lacht. „Da wird der Musikunterricht zur Geduldsfrage.“ Das Video hakt, Töne kommen verspätet – die Internetverbindung ist einfach zu schlecht. Den Takt mitklatschen? Undenkbar.

Es sind die Momente, in denen Kowollik besonders kreativ werden muss. Denn auch die Kreismusikschule Bautzen ist von den Corona-Regelungen betroffen. In der Schule findet kein Unterricht mehr statt. Statt jedoch den Kopf in den Sand zu stecken, griff Trompetenlehrer Clemens Kowollik kurzerhand zum Tablet – und bietet jetzt Musikunterricht über die Video-Kommunikationsplattform Zoom an.

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Mit einem letzten Ton des Blechbläserensembles, erzählt er, hat er an jenem Freitag vor etwa drei Wochen die Musikschule geschlossen. Für etwa 135 Musikschullehrer brach an jenem Tag die Unterrichtsbasis weg. Schnell war klar: So bald geht es hier nicht weiter. Also begann er nachzudenken. „Die Schulen haben sich ja auch überlegt, wie sie aus der Ferne unterrichten können“, sagt der 51-Jährige, „wieso also nicht wir auch?“

Per E-Mail schrieb er seine Schüler an und fragte, ob sie bereit wären, es via Videotelefonie auszuprobieren. Kurzerhand wurden Datenschutzerklärungen und Einverständniserklärungen der Eltern ausgetauscht, dann ging es los.

Probelauf ohne Gebühren

Doch nicht nur Kowollik unterrichtet jetzt aus der Ferne. Ob Klavier, Gitarre oder Streichinstrument – auch viele andere Musikschullehrer suchen nach Wegen, ihre Schüler jetzt trotzdem begleiten zu können, berichtet Charlotte Garnys, Leiterin der Kreismusikschule. Einige machen es wie Kowollik via Videotelefonie – andere schicken  aufgenommene Videos hin und her, wieder andere nutzen das Telefon.

Während des Probelaufs zahlen die Schüler dafür nicht; erst wenn sich das Ganze eingespielt hat, sollen die Gebühren wieder eingezogen werden. Der Unterricht von Wohnzimmer zu Wohnzimmer – er stellt die Schüler und auch die Lehrer vor ganz neue Herausforderungen.

Ein Schüler, der das bereits getestet hat, ist Kalle. „Ich habe gedacht, es wird mühsamer“, erzählt der 15-Jährige. „Aber es hat besser geklappt, als erwartet.“ Klar, etwas anders war es schon – in den ersten Minuten seiner Unterrichtsstunde mussten erst einmal die richtigen Einstellungen gefunden werden. Nicht an seinem Instrument, sondern an der Technik: Wie sollte das Mikro am besten gedreht sein, wie die Kamera?

Der erste Satz des Stückes „With a smile“ stand auf dem Programm. „Es ging um den Ton, das Volumen“, erzählt der Schüler des Bautzener Melanchthon-Gymnasiums. „Und um Fragen wie: Wo kommt die Kraft her? Welche Muskeln müssen angespannt sein, um die Luft korrekt herauszupressen?“ – Hinweise, die Clemens Kowollik ihm auch gibt, wenn sie sich im selben Raum gegenüberstehen.

Begleitmusik zugeschickt

Schon etwa sieben Jahre lang lernt Kalle bei Clemens Kowollik. Das ist ein Vorteil beim Unterrichten via Video, erklärt Kowollik. „Ich kenne meine Schüler gut; weiß ja, wo ihre Baustellen sind.“ Manchmal wird es dennoch knifflig. „Ich kann nicht mal eben schnell intervenieren“, sagt er. „Das hört derjenige Gegenüber dann oft gar nicht“. Auch das Vorsingen, um zu zeigen, wieviel Energie in einer Passage steckt, ist schwierig. Aber in der Regel fällt ihm dann etwas ein, um die Situation zu lösen.

„Wo ich im Unterricht vor Ort vielleicht den Takt mitgeklopft hätte, lasse ich den Rhythmus nun stattdessen vor dem Spielen vom Schüler vorsprechen“, erklärt der Lehrer für Trompeten und andere Blechblasinstrumente. Normalerweise schaut er bei seinen Schülern mit in die Noten – für die Video-Lektion muss er sich eben etwas intensiver vorbereiten, sich die Noten auf anderem Wege besorgen.

Selbst auf die musikalische Begleitung zu ihren Stücken müssen die Schüler nicht verzichten. Nachts gegen ein Uhr hat sich Kowollik in den letzten Tagen zuhause dafür ans Klavier gesetzt und die Begleitmusik aufgenommen. „Ich habe den Schülern die Aufnahme dann im mp3-Format zugeschickt“, sagt er.

Perspektive wie im Konzert

Ja, sogar Vorteile habe das Unterrichten via Video. „Ich sehe die Schüler jetzt aus einer ganz anderen Position“, erzählt Kowollik. In der Musikschule steht er zumeist neben dem Schüler, über das Video blickt er auf die Lernenden. „Das ist ein bisschen wie im Konzertsaal“, sagt Kowollik, „ich sehe, wie die Musizierenden wirken, wie ihre Körpersprache ist.“ So kann er sogar neue Tipps geben.

Musikunterricht aus der Ferne – eine dauerhafte Lösung? „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Kowollik, aber vieles bleibe eben doch auf der Strecke. Sein Blechbläserensemble zum Beispiel, mit der er an jenem Freitag die Musikschule dichtgemacht hat, konnte er seitdem noch nicht wieder zusammenbringen.

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