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Wohnmobile sind so gefragt wie nie

Volle Auftragsbücher, ausgebuchte Leihfahrzeuge: Anbieter von Campervans im Landkreis Bautzen erleben einen Boom. Das hat vor allem einen Grund.

Thomas Hantsch (vorn) und Steffen Schirner von der Reisemobil-Manufaktur in Sohland haben alle Hände voll zu tun: Immer mehr Leute lassen sich ein Wohnmobil ausbauen oder wollen ein Fahrzeug leihen.
Thomas Hantsch (vorn) und Steffen Schirner von der Reisemobil-Manufaktur in Sohland haben alle Hände voll zu tun: Immer mehr Leute lassen sich ein Wohnmobil ausbauen oder wollen ein Fahrzeug leihen. © SZ/Uwe Soeder

Sohland/Bautzen. Dicht an dicht stehen die Wohnmobile in der Werkstatt von Steffen Schirner, bauen sich hoch vor den werkelnden Tischlern auf, glänzen im Scheinwerferlicht. Gearbeitet wird in jedem einzelnen. In einem Mobil fertigt ein Mann gerade die Innendämmung an, in einem anderen installiert einer von Schirners Angestellten die Elektrik. Im Nächsten hebt ein Tischler gerade eine Holzlatte in den Wagen – er baut die Möbel ein. Es herrscht Hochbetrieb in der Reisemobil-Manufaktur in Sohland.

„Aufträge für einen Wohnmobil-Ausbau“, sagt Steffen Schirner, „schreibe ich derzeit für den Herbst. Und zwar 2021.“ Normalerweise müssten diejenigen, die sich einen in Schirners Tischlerei ausgebauten Camper kaufen wollen, mit vier bis fünf Monaten Wartezeit rechnen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das Wohnmobil galt vielleicht mal als schrullig – jetzt ist es ein Trendfahrzeug, erlebt einen Hype. Auch in der Oberlausitz.

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Bis Ende des Herbst ist alles ausgebucht

Etwa 80 bis 90 Fahrzeuge, erzählt Steffen Schirner, werden jedes Jahr in seiner Werkstatt ausgebaut. „Jedes davon individuell“, das betont er immer wieder. Aber nicht nur der Wohnmobil-Ausbau läuft auf Hochtouren. Auch der Verleih boomt.

„Vor drei Jahren haben wir mit drei Leihmobilen begonnen“, berichtet Schirner, „aber das reicht schon lange nicht mehr.“ Mittlerweile hat er 13 Mobile im Verleih. Und wer eines davon ergattern möchte, der kann in diesem Jahr nur noch auf eine kleine Lücke im Reservierungskalender hoffen. Ansonsten ist alles restlos ausgebucht, bis in den Oktober hinein. „In den letzten Wochen haben immer wieder Leute angerufen und nach einem Wohnmobil gefragt“, erzählt Steffen Schirner, „aber ich musste sie ablehnen.“

Und nicht nur ihm geht es so. Auch Wohnmobil-Vermieter Silvio Martin aus Schirgiswalde-Kirschau spricht von einem Hype, hat für seine vier Wohnmobile Anfragen bis Ende Oktober. Und auch Martin Michalczyk von der Bautzener Werkstatt und Vermietung Caravan Metropol erlebt das so. Er vermietet sechs Fahrzeuge, in diesem Jahr sei nichts mehr frei.

Anschlag in Ägypten als Ursache für mehr Heimaturlauber

Ein Blick in die Zahlen: „Die Neuzulassungen von Freizeitfahrzeugen stiegen um 3,7 Prozent im Vergleich zur ersten Hälfte des Vorjahres“, heißt es in einer Mitteilung des Caravan Industrie Verbandes. „In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden 54.439 Fahrzeuge neu zugelassen. Das sind bereits zur Halbzeit so viele wie im gesamten Jahr 2016.“ Auch im Landkreis Bautzen gibt es einen Anstieg der Wohnmobil-Zulassungen, wenn auch nur einen geringen.

Aber woher kommt dieser Trend? „Die Campingbranche erlebt schon seit den letzten Jahren enorme Zuwächse“, sagt Steffen Schirner. „Wir haben mit einer Halle begonnen, jetzt haben wir schon zwei dazugebaut.“ Er hat eine Idee, warum so viele Leute nun mit dem Wohnmobil unterwegs sind. Er nennt aber nicht an erster Stelle das Gefühl von Freiheit und den Wunsch, seinen Urlaub nicht nur an einem Ort verbringen zu wollen, oder den Trend, individuell zu reisen. Sondern: „Wir erleben den Ansturm, seitdem immer mehr los ist in der Welt“, sagt er, „Anschläge zum Beispiel.“

Auch bei Jüngeren wird der Campervan wieder beliebt

Auch Silvio Martin und Martin Michalczyk erzählen davon. „Der Anschlag in Ägypten 2017 und das Theater in der Türkei haben die Leute verunsichert“, sagt Michalczyk. „Die Leute konzentrieren sich jetzt mehr auf Europa.“ Und die Corona-Pandemie? „Die hat nun den Rest gegeben“, ist Michalczyk überzeugt. Viele Leute machen jetzt Urlaub in der Heimat. „Die Anzahl der Neu-Interessenten dieses Jahr ist deutlich höher als sonst. Es kommt eine Menge taufrischer Camper, die sagen, sie wären sonst in den Urlaub geflogen.“

Überhaupt nimmt der Trend zum Campervan auch unter Jüngeren zu, das beobachtet auch Steffen Schirner. „Es gibt kaum noch bezahlbare VW-Busse“, erzählt er. Die jüngeren Camper fragten mehr nach Teil-Ausbauten, so seine Erfahrung. Da geht es dann um Dachluken, die Schirner einsetzen soll, eine Schlafbank oder eine Heizung.

Oberlausitz: zu wenige Wohnmobilstellplätze

Bemerkbar macht sich das auch auf den Campingplätzen in der Region. Wegen der „aktuell erhöhten Nachfrage der Wohnmobilfahrer“, so hatte die Stadt Bautzen im Juni erklärt, dürfen die Busparkplätze auf dem Schliebenparkplatz vorübergehend von Wohnmobilen genutzt werden.

Doch das geht nicht weit genug, wenn man die hiesigen Wohnmobil-Vermieter fragt. „In der Region gibt es zu wenig Stellplätze“, sagt Silvio Martin. Dabei könnte die Chance genutzt, die Wirtschaft auf diese Weise angekurbelt werden. „So aber zieht der Boom“, ist Silvio Martin überzeugt, „an der Oberlausitz vorbei.“

Nach einem Tipp gefragt, wo Camp-Freudige aus der Region jetzt noch Erfolg bei der Suche haben könnten, antworten die Verleiher ziemlich einheitlich: Auf der Online-Plattform "PaulCamper" können Leute ihr Wohnmobil zur Miete anbieten. Dort könnte es klappen. Einige Verleiher aus der Region haben auch noch kleinere Lücken im Kalender.

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