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„Ein Mensch kann geräuschlos ertrinken“

Noch immer läuft die Suche nach einem Mann, der wahrscheinlich in der Olba ertrunken ist. Warum das auch guten Schwimmern passieren kann.

Robert Hänsel von der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft DLRG Bautzen kennt die Olba gut, weil er dort viele Urlaube verbracht hat. Ein gefährliches Gewässer, weiß der Rettungsschwimmer.
Robert Hänsel von der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft DLRG Bautzen kennt die Olba gut, weil er dort viele Urlaube verbracht hat. Ein gefährliches Gewässer, weiß der Rettungsschwimmer. © SZ/Uwe Soeder

Malschwitz/Bautzen. Seit reichlich zwei Wochen wird ein Mann vermisst, der mit seiner Freundin in der Olba geschwommen ist – und nicht ans Ufer zurückkehrte. Dass es zu einem Badeunfall wie diesem gekommen ist, überrascht Robert Hänsel von der Deutschen Lebens-Rettungsgesellschaft DLRG Bautzen nicht. Im Interview mit Sächsische.de erklärt der 43-Jährige, wieso auch ein gesunder erwachsener Mensch geräuschlos ertrinken kann und welche Gefahren in der Olba lauern.

Herr Hänsel, auf der Olba ist ein Mann verschwunden. Er war mit seiner Frau unterwegs, am Ufer kam nur sie an. Was kann dazu führen, dass ein Mensch beim Schwimmen einfach so geräuschlos verschwindet?

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Was tatsächlich an der Olba passiert ist, wissen wir natürlich nicht. Aber grundsätzlich ist das schon möglich, geräuschlos unterzugehen und zu ertrinken. Ein Mensch kann auf zwei Arten ertrinken. Da ist zum einen das nasse Ertrinken, zum anderen das trockene. Letzteres passiert über einen Stimmritzenkrampf – also wenn man ganz kurz einatmet und der Kehlkopf dichtmacht. Das passiert im Grunde genommen schon kurz bevor eine Person Wasser schluckt; ein Schutzreflex, um keine Flüssigkeit einzuatmen. Es ist im Endeffekt der Schluckreflex, der umgedreht wird. Die Luftzufuhr wird dabei abgeschnitten. Das ist eine ganz, ganz üble Art, zu ertrinken. Man bekommt absolute Panik, innerhalb von etwa 30 Sekunden wird man bewusstlos und geht unter.

Und andere hören das nicht?

Nein, denn der Ertrinkende kann nicht schreien und auch nicht wackeln – derjenige hat viel zu große Schmerzen und Panik.

Und was meint „nasses Ertrinken“?

Das ist zum Beispiel die Art des Ertrinkens, die durch einen Herzinfarkt, einen epileptischen Anfall oder einen Schlaganfall ausgelöst werden kann. Wenn eine Person Wasser schluckt und so zu viel Flüssigkeit in die Lunge kommt, der Sauerstoffaustausch nicht mehr durchgeführt werden kann. Und auch das kann geräuschlos ablaufen. Denn bei einem Schlaganfall wird man schnell bewusstlos; in Bruchteilen von Sekunden. Oft kommt auch eine Lähmung dazu.

Wieso besteht da insbesondere im Wasser die Gefahr?

Der Temperaturunterschied ist das Problem. Wenn es draußen 36 Grad warm ist und im Wasser nur 20 Grad, kühlt dein Körper plötzlich auf ein Maß runter, auf dem er Höchstleistungen vollbringen muss, um die Bluttransportation weiterzuführen. Der Körper erleidet einen Schock. Und der kann auch einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall auslösen. Es kann sich auch eine Thrombose bilden, bei der man ebenfalls innerhalb von Sekunden sterben kann.

Ein Klassiker, von dem man immer wieder hört, ist ja, dass jemand im Wasser einen Krampf bekommt.

Bei einem Krampf hat man immerhin eine Chance. Denn einen Krampf kann man lösen, wenn man sich auf den Rücken dreht und mit den Armen über Wasser hält. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten.

Das trockene Ertrinken, kann das auch völlig gesunden Menschen widerfahren?

Ja, gerade bei Kindern ist das eine häufige Todesursache. Sie bekommen eine Welle ab, atmen erschrocken ein – dann ist die Luftröhre zu und sie haben keine Chance mehr. Und bei Kindern kommt natürlich noch die fehlende Orientierung hinzu. Bei Wellen gibt es einen stetigen Wasserschlag – Kinder wissen schnell nicht mehr, wo oben und unten ist. Aber die Gefahr droht auch Erwachsenen.

Was kann man als Begleiter tun, wenn man etwas mitbekommt?

Wenn jemand einen Stimmritzenkrampf hat, dann kann man versuchen, die Person in die Rückenlage zu bringen und das Gesicht aus dem Wasser zu halten. Wichtig ist, die Person zum Husten zu bringen – zum Beispiel durch Schütteln oder Klopfen. Auch, den Kopf zu überstrecken, kann helfen. Ist die Person schon an Land, hat man bei einem Stimmritzenkrampf eine schnelle Chance über eine Mund-zu-Nase-Beatmung. Wenn jemand schon Wasser in der Lunge hat, ist es schwieriger. Das Wasser muss abgesaugt werden – im Zweifel muss ein Arzt einen Luftröhrenschnitt durchführen.

Wie kann man den Gefahren vorbeugen?

Es gibt Baderegeln – nicht ohne Grund. Also: Nicht alkoholisiert oder direkt nach dem Essen ins Wasser gehen. Wenn es geht, zu zweit ins Wasser gehen. Oder wenigstens anderen Bescheid geben, wo man ist. Und: Baden im Dunkeln vermeiden. In letzter Zeit habe ich mehrfach gesehen, wie Gruppen Jugendlicher abends im Dunkeln schwimmen waren, da ist die Koordination anders. Das Wasser ist schwarz, man sieht das Ufer nicht mehr richtig. Man kann die Orientierung verlieren, das ist gefährlich. Davon abgesehen ist Revierkunde wichtig: Wer im Meer badet, sollte wissen, wo die Strömung nach draußen zieht. Das habe ich in diesem Jahr miterleben müssen.

Sie meinen, Sie mussten jemanden retten?

Richtig, nach 20 Jahren mal wieder. Das war auf Föhr. Da ist eine Frau Mitte 60 bei ablaufendem Wasser, also Ebbe, schwimmen gegangen. Sie ist in die Strömung aufs offene Meer geraten und dabei auch unter Wasser gezogen worden. Ich hatte die Frau schon länger beobachtet und bin dann zu ihr geschwommen. Die Frau hatte schon viel Wasser gezogen, war aber noch ansprechbar. Sie war völlig kraftlos.

Wie ging es Ihnen dabei?

Natürlich hatte ich Angst. Jeder, der sagt, er hätte da keine Angst, würde lügen. Ich wusste: Die Natur ist sowieso stärker als ich und jeder Fehler könnte der Letzte sein. Da gab es erst neulich in Holland einen Fall, wo fünf Surfer strandnah ertrunken sind. Darunter auch ausgebildete Rettungsschwimmer.

Bei meinem Rettungseinsatz sind wir auch hinausgetrieben worden – und zwar sehr schnell 400 oder 500 Meter weit. Dort wächst sehr schnell die innere Unruhe und man muss sich auf die erlernten Routinen besinnen. Die Wache, auf der ich war, ist klein und war nur mit einer Person besetzt. Ich wusste nicht, ob die Situation jemand mitbekommen hat und die Rettungskette auslösen konnte. Ich selber hatte keine Zeit, einen Notruf abzusetzen. So ein Fall verfolgt einen schon. Da ist der Gedanke, dass ich hätte mit der Schuld leben müssen, wenn ich die Frau nicht gesehen hätte. In der gleichen Woche ist auf Amrum eine Person ertrunken. Immerhin verhielt sich die Frau, die ich gerettet habe, ruhig – das ist nicht selbstverständlich.

Wie meinen Sie das?

In ihrer Panik verletzten Ertrinkende manchmal auch die Retter. Sie schlagen um sich, wissen nicht mehr, was sie tun. Als Rettungsschwimmer wartet man da oft erst einmal ab. Wenn jemand noch rumschreit und gestikuliert, hat derjenige noch so viel Luft, dass noch keine Gefahr im Verzug ist. Da bleibt man lieber ein paar Meter weg. Wenn derjenige ruhig wird – dann muss man als Rettungsschwimmer reagieren. Ein anderes Problem ist, dass die Leute klammern, einen in die Tiefe ziehen können. Da werden wir aber in der Rettungsschwimmerausbildung drauf vorbereitet. Es gibt 16 Befreiungsgriffe, die müssen wir alle im Schlaf beherrschen.

Welche Gefahren lauern in der Olba?

Die Olba ist eine alte Braunkohlegrube und deshalb sehr tief. Darum ist das Wasser nie so aufgeheizt wie in Teichen – die Sache mit dem Temperaturschock ist also ein Thema. Gefährlich ist die Olba auch für Leute, die von außen kommen und keine Revierkunde haben. Die nicht wissen, wo Pflanzen wachsen. Wenn es warm ist, wachsen die nämlich sehr schnell. Die werden zwar immer mal verschnitten, aber da kann man sich verheddern. Die Pflanzen ziehen sich zu – und im Zweifel den Schwimmenden nach unten. Eine weitere Gefahr: In der Olba wird es schnell sehr tief. Da ist nichts, wo man sich ausruhen kann. Noch eine Gefahr ist, dass die Olba eine Wetterscheide ist. Da bauen sich sehr schnell Gewitter auf, und dann wird es im Wasser gefährlich. Das war auch bei der Suche nach dem Vermissten jetzt ein Problem, deshalb musste ja zwischenzeitlich abgebrochen werden.

Apropos: Warum dauert die Suche so lange?

Weil das ein altes Braunkohlerevier ist, wissen die Taucher nicht, wie es auf dem Boden aussieht; wo Ecken und Kanten sind. Da kann schon jemand verschwinden. Unten im See ist es sehr kalt, da verwest ein Mensch nicht so schnell. Der Körper kann im Schlamm einsinken, dann entwickeln sich die Faulgase nicht so schnell. Dann treibt er nicht so schnell nach oben. Es gibt ja zum Beispiel auch die berühmte Olbaleiche, die fast 20 Jahre in dem Wasser gelegen hatte. Die Frau stammte aus den 60er-Jahren, und als die geborgen worden ist, waren wir als Dauercamper gerade vor Ort. Da gab es abends viele Geschichten am Lagerfeuer. Es wird auch noch eine andere Person vermisst, ein Mann ist Anfang der 2000er ebenfalls beim Baden auf der Olba verschwunden. Er ist nie gefunden worden. 

Bei der Suche nach einem vermissten Schwimmer in der Olba sind auch Leichenspürhunde eingesetzt worden.
Bei der Suche nach einem vermissten Schwimmer in der Olba sind auch Leichenspürhunde eingesetzt worden. © SZ/Uwe Soeder

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