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„Der Stalker hat mein Leben kaputtgemacht“

Zwei Jahre lang wurde eine Frau aus Neukirch von ihrem Ex-Freund bedroht und immer wieder angegriffen. Hat die Justiz zu spät reagiert?

Alice Hartmann aus Neukirch ist mehr als zwei Jahre lang gestalked worden. Ihr Ex-Freund rief sie jeden Tag an und kam vorbei, mehrfach griff er sie auch an und verletzte sie, erzählt die 30-Jährige.
Alice Hartmann aus Neukirch ist mehr als zwei Jahre lang gestalked worden. Ihr Ex-Freund rief sie jeden Tag an und kam vorbei, mehrfach griff er sie auch an und verletzte sie, erzählt die 30-Jährige. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es raschelt, als Alice Hartmann die Seiten ihres Notizbuches umblättert. Seite um Seite hat sie vollgeschrieben, zwei Bücher hat sie gefüllt. Zeile um Zeile drehen sich um den Horror, den die 30-Jährige aus Neukirch durchgemacht hat. Denn Alice Hartmann hat einen Stalker – seit etwa zweieinhalb Jahren. Und an diesem Mittwoch ist nun endlich der Tag, den sie sich auf der einen Seite so sehr wünscht – und vor dem es ihr zugleich so unglaublich graut: Der Mann muss sich vor Gericht verantworten.

Der Angeklagte, ein Bautzener Autohändler, ist ihr Ex-Freund. Mehrfach habe sie nach etwa zwei Jahren Beziehung versucht, sich von dem libanesischen Staatsbürger zu trennen, erzählt Alice Hartmann. Ihre Stimme ist ruhig, wirkt kraftlos. „Los ging es 2018“, sagt sie. Mit dem Zeitpunkt der endgültigen Trennung. Die Anrufe, die folgten – teilweise im Minutentakt auf dem Handy und auf dem Festnetz gleichzeitig – die sind für sie im Vergleich schon solch eine Kleinigkeit, die erwähnt sie erst auf Nachfrage. Auch die Besuche – jeden Tag stand der Mann draußen vor dem Haus, sagt sie – die erwähnt sie nur am Rande. 

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Stattdessen beginnt Alice Hartmann ihre Erzählung mit dem Tag, als sie Besuch von einem Freund hatte. Ihr Ex-Freund hatte sie an diesem Tag, wie so häufig, mehrfach angerufen und auch an der Haustür geklingelt. „Das habe ich ignoriert“, erzählt die Mutter eines heute acht Jahre alten Sohnes. „Daraufhin hat er die Haustür eingetreten.“

Über zwei Jahre bedrohte der Mann aus Bautzen die Frau

Was dann folgt, tut beim Zuhören weh: „Er hat eine Holzritterlanze meines Sohnes gegriffen und sie mir über den Rücken gezogen.“ Keine Träne, kein schmerzhaftes Gesicht verziehen – Alice Hartmann berichtet das, als sei es nichts Besonderes mehr. Dabei schlug der 40-Jährige so hart zu, erzählt sie, dass die Ritterlanze auf ihrem Rücken zerbrochen ist. „Ich bin ins Badezimmer gekrochen, habe die Polizei gerufen“, erinnert sie sich. In dieser Zeit schlug der Stalker auf ihren Besucher ein, erzählt sie, renkte ihm den Kiefer aus. „Als ich das Bad verlassen habe, hat er direkt weiter geschlagen. Dann ist er rausgerannt, hat den Haustürschlüssel mitgenommen.“ Und danach? Dann, so erinnert sie sich, sei der Mann zu den Nachbarn gegangen – und habe dort seelenruhig auf die Polizei gewartet. Die Beamten riefen für sie und den Besucher einen Krankenwagen. Der Mann aber durfte gehen, erinnert sich Alice Hartmann. „An diesem Tag“, sagt die Neukircherin, „ist es gekippt. An diesem Tag habe ich wirklich Angst bekommen.“

Das war im April 2018. Und Alice Hartmann hat viele dieser Geschichten in petto, eine schmerzhafter als die andere. Da ist zum Beispiel der Abend im Juli, als sie zu einer Hochzeit eingeladen war. „Er hat gedroht, die Hochzeit kaputtzumachen, wenn er mich nicht abholen darf“, sagt sie – nach einer Weile habe sie eingewilligt, um ihren Freunden nicht den Tag zu zerstören. „Er ist dann gefahren, wie ein Irrer“, sagt sie, „und hat mich nicht aussteigen lassen.“ Oder da ist der Tag, als sie Besuch von ihrer Schwester hatte. „Wir saßen im Garten, da kam er vorbei. Ich habe ihm gesagt, er solle gehen – da hat er mir mit der Hand so ins Gesicht geschlagen, dass ich das Bewusstsein verloren habe.“ Und da seien auch die Vorfälle, als er sie gegen Rohre geschmissen habe – sosehr, dass diese zerbarsten. Es sind bei weitem nicht die einzigen Male, berichtet Alice Hartmann, bei denen der Mann sie körperlich angriff und verletzte. Mehrfach musste sie zu Ärzten oder ins Krankenhaus, sagt sie. 

Er schickte ihr Bilder von Säureopfern

Da sind auch Fälle, die schwer zu beweisen sind – die abgetretenen Autospiegel, zum Beispiel. Die Gartenverwüstungen, die der Mann ihr stets ankündigte. Mit Nachrichten, wie: „Freu dich morgen auf deinen schönen Garten“, berichtet Alice Hartmann. „Eine Zeit lang hatte ich keinen Baum, kein Gewächshaus mehr“, erzählt sie. Da ist auch der Überfall, als Alice Hartmann mit ihrem Hund spazieren ging. Und da sind die Drohungen, die der Mann ihr zum Beispiel über diverse Facebook-Accounts zukommen lassen haben soll. Bilder von Säure-Opfern, zum Beispiel. „Ständig hat er mir gedroht, mich zu töten“, sagt Alice Hartmann, „mich aufzuschneiden oder zu entstellen“. Sorge bereitete ihr auch, dass der Mann immer an ihre Telefonnummern kam, wenn sie sich eine neue besorgt hatte – und oft innerhalb von Sekunden wusste, wenn sie die Polizei informiert hatte, wie sie erzählt.

Es sind Erlebnisse, die Alice Hartmann dazu bringen, zu sagen: „Er hat mein Leben kaputt gemacht.“ Die ständige Angst, die sie auch vor ihrem Sohn nicht verbergen konnte, verbergen wollte. Die psychischen Probleme, die sich deshalb entwickelten. Die und auch die Besuche des Stalkers auf der Arbeit kosteten sie den Job, erzählt sie.

Mehrfach verstieß er gegen Gewaltschutzanordnungen

Es sind Vorwürfe, von denen auch die Staatsanwaltschaft viele als erwiesen ansieht; den Mann deshalb nun anklagt. Mehr als 25 Tatvorwürfe liegen auf dem Tisch, mindestens sechsmal geht es um Körperverletzung. Zweimal hatte das Bautzener Amtsgericht zuvor schon Gewaltschutzanordnungen gegen den Mann erlassen – er hätte sich Alice Hartmann nicht nähern oder sie kontaktieren dürfen. „Er hat sich nie daran gehalten“, sagt sie aber. Auch deshalb muss er sich nun vor Gericht verantworten – nicht zum ersten Mal. Schon im Jahr 2017, als Alice Hartmann schon einmal versucht hatte, sich zu trennen, ist der Mann vom Amtsgericht wegen Verstößen gegen das Gewaltschutzgesetz in drei Fällen verurteilt worden.

Es sind viele Vorwürfe, wegen derer der Mann seit März nun in Untersuchungshaft sitzt. In den Augen von Alice Hartmann und ihrer Anwältin Gesa Israel ist das viel zu spät. Immerhin erlebte Alice Hartmann zwei Jahre lang die Tortur, bis zum März dieses Jahres war er auf freiem Fuß. „Warum“, fragt sie, „ist so lange nichts passiert?“ Mehrfach sei der Mann von der Polizei für eine Nacht in Gewahrsam genommen worden, hat auch dort laut Anklageschrift randaliert. Doch er kam stets wieder frei.

Rechtsanwältin übt Kritik an Staatsanwaltschaft

Von über 200 Anzeigen berichtet auch ihre Anwältin Gesa Israel. „Die Staatsanwaltschaft hat da einiges versäumt“, sagt sie. Sie spricht von einer Fehleinschätzung der Situation. Immer wieder seien Verfahren bündelweise eingestellt worden. Und als die Staatsanwaltschaft dann endlich einen Antrag auf einen Haftbefehl gestellt hatte, da habe das Amtsgericht erst einmal geblockt.

Was aber sagen die Staatsanwaltschaft und das Amtsgericht dazu? „Für die Anordnung und den Vollzug von Untersuchungshaft, also für die Inhaftierung einer Person vor deren rechtskräftiger Verurteilung, gibt es sehr hohe gesetzliche Hürden“, erklärt Christopher Gerhardi, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Stichwort: Unschuldsvermutung. Es müsse zum einen ein Haftgrund vorliegen, wie zum Beispiel eine Fluchtgefahr. Es müsse einen dringenden Tatverdacht geben. Und: „Die zugrundeliegenden Straftaten müssen von einigem Gewicht sein und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit muss insgesamt gewahrt bleiben.“ Nur, wenn alle drei Voraussetzungen gegeben sind, sei ein Haftbefehl möglich. „Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war das im vorliegenden Fall erst im März 2020 der Fall.“

Warum ausgerechnet dann? „Aus Sicht der Staatsanwaltschaft war zu diesem Zeitpunkt schlicht das Maß voll“, so Gerhardi. Aber: Das Amtsgericht lehnte die Haft noch immer ab. „Das Tatgeschehen reichte für den damaligen Haftrichter nicht aus“, erklärt Bautzens Amtsgerichtsdirektor Markus Kadenbach. Voran ging es dann schließlich trotzdem: Weil die Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen die Entscheidung des Amtsgerichts einlegte, ging der Fall an das Landgericht. Erst dort gab es einen Erfolg: Diese Instanz ließ den Mann am 18. März verhaften.

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