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"Wo sollen wir uns denn sonst treffen?"

Anwohner, Stadt und Polizei berichten von Lärm und Ärger am Bautzener Theaterplatz. Die jungen Leute, die dort zusammenkommen, widersprechen.

Am Bautzener Theaterplatz treffen sich Jugendliche zum Unterhalten, Frisbee spielen, Sonne genießen.
Am Bautzener Theaterplatz treffen sich Jugendliche zum Unterhalten, Frisbee spielen, Sonne genießen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ein Getränk mit Freunden, Ballspielen im Freien oder auch einfach nur quatschen: Im Sommer treffen sich Jugendliche auf dem Bautzener Theaterplatz, verbringen dort ihren Abend. Doch Anwohner stören sich an der Lautstärke und am Müll auf dem Platz. Ein Vorwurf, den die Jugendlichen so nicht im Raum stehen lassen wollen.

Etwa 15 Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren haben sich deshalb auf dem Platz versammelt. Ein paar sitzen auf der Bank, andere auf dem Boden im Schneidersitz. Sie unterhalten sich. Einige rauchen. Viele von ihnen, das erzählen sie, haben gerade ihr Abitur gemacht. Und der Theaterplatz, der ist für sie ein besonderer Treffpunkt.

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„Einige von uns waren auf dem Philipp-Melanchthon- oder dem Schiller-Gymnasium“, erklärt einer, der sich mit dem Namen Alban vorstellt. „Da war der Theaterplatz in der Schulpause nicht weit.“ Seit drei Jahren kommt er her. In der Großstadt, sagt er, gibt es immer Bereiche, wo sich unter freiem Himmel Leute treffen – in der Dresdener Neustadt zum Beispiel. Dort sitzen abends junge Menschen auf oder an der Straße, holen sich ein Getränk beim Spätverkauf und genießen das Ambiente.

Der Theaterplatz in Bautzen – er ist für die Jugendlichen etwas Ähnliches, sagt Alban. „Hier können wir Jugendkultur leben." Marie klinkt sich ein: „Hier sind die Leute offen und tolerant.“ Der Theaterplatz bedeute für sie, Freunde zu treffen. Irgendwie auch: „nach Hause“ zu kommen. Mit Leuten zu quatschen, die ein ähnliches Weltbild haben.

Beim Frisbee-Spielen neue Leute kennenlernen

Besonders freut die Jugendlichen, wie sie hier ins Gespräch mit anderen kommen. Wenn einer die Frisbee-Scheibe aus der Tasche holt – und auf einem 20 bis 30 Leute in das Spiel involviert sind. „Auch Leute, die man vorher gar nicht kannte“, sagt Alban. Die Frisbee-Scheibe, die sei ein Eisbrecher – wo doch erstmal jeder Respekt habe, in eine fremde Gruppe zu stoßen. Und Max sagt: „Auch Geflüchtete spielen dann oft mit. Man sieht sich immer wieder – und irgendwann grüßt man sich, wenn man sich in der Stadt über den Weg läuft.“ Einfach schön sei das, ist sich die Gruppe einig.

Und: Etwas anderes, Vergleichbares, gebe es in der Stadt nicht. „Wo sollen wir uns sonst treffen?“, fragt ein Jugendlicher, der sich als Moritz vorstellt.

Dennoch: Auch Konfliktpunkte gibt es. Immer wieder kommen Gruppen vorbei, wollen provozieren, suchen Streit – das erzählen die Jugendlichen, das ist ihnen wichtig zu betonen. Dass es Krawallmacher gibt, die aber nicht sie sind. Oder, wie es Alban formuliert: „Den Stress machen andere.“

Andere Gruppen drohen den Jugendlichen

Oftmals seien das Rechtsextreme, manchmal anderweitig Streitsuchende. Die Jugendlichen erzählen von Flaschen, die die Provozierenden dann in die Gruppe werfen. „Wir gehen aber nicht auf die Provokation ein“, sagt eine junge Frau. Stattdessen, so erzählt die Gruppe, stehen mehrere von ihnen auf, sammeln die Scherben ein. Erst vor Kurzem sei es wieder passiert; da flog ein Tetra-Pak mit Saft, platzte mitten in der Gruppe auf.

Die Jugendlichen erzählen von Bengalos, die in ihre Richtung geworfen werden, von Drohungen mit Schreckschusspistolen. Vor Kurzem sei ein Auto, voll besetzt mit schwarz gekleideten Leuten, mit einem Abstand von nur wenigen Zentimetern an ihren Füßen vorbeigefahren. Von vielen solcher Erlebnisse sprechen die Jugendlichen, die Liste ließe sich lange fortsetzen. Sie berichten auch, wie sie vor Kurzem von Fremden angesprochen worden sind, ob sie Linke gesehen hätten. Die Männer warteten die Antwort kaum ab. „Wir haben uns dann alle direkt eine Schelle gefangen“, sagt Max. „Wir haben wirklich nichts getan.“

Streetworker spricht von psychische Gewalt

Woher die Jugendlichen wissen, dass es oftmals Rechtsextreme sind? „Man kennt sich mittlerweile“, erklären sie. Und: Kleidung von Thor Steinar oder anderen Szene-Marken, teilweise auch rechtsextreme Parolen – das sei ziemlich eindeutig.

Auch Benno Auras, Streetworker von Pro Chance, bestätigt solche Vorfälle. „Es geht da vor allem um psychische Gewalt“, sagt er. „Da kommen Gruppen in Einheitsmontur, um Stärke zu demonstrieren und zu drohen.“

„Uns ist wichtig, zu betonen: Wir machen nichts“, sagt eine der Jugendlichen, die anderen stimmen zu. „Es macht uns sauer, wenn über uns geredet wird“, sagt Alban, „aber wir gar nicht gefragt werden. Von der Stadt zum Beispiel.“ Anwohner, denen es zu laut ist, bittet er, die Gruppe doch einfach anzusprechen.

Als die Jugendlichen aufbrechen wollen, stehen zwei auf und holen ein Taschentuch aus ihrem Beutel. Wofür? Sie sammeln Zigarettenstummel in das Papier – und werfen sie in den Müll.

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