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Bautzener Klinik hilft verletzten Ukrainern

Die Männer wurden in Kiew angeschossen. Sie sind froh, dass sie leben – und nun in Deutschland behandelt werden.

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Von Jana Ulbrich

Mychajlo lächelt vorsichtig aus dem Krankenbett. Sein rechter Arm hängt am Tropf. Gegen die Schmerzen, erklärt ihm die Schwester, und weil sein Körper Flüssigkeit braucht. Mychajlo hat das ganz gut verstanden. Aber so richtig realisiert hat er sein Glück noch nicht. Dass ausgerechnet er mitfahren konnte im Verletztentransport nach Deutschland, wo es doch Hunderte Verletzte gibt nach den Schüssen auf dem Maidan in Kiew. Mychajlo haben sie den rechten Oberschenkel durchschossen. „Hier unten ist die Kugel rein“, zeigt er, „und hier oben erst wieder raus.“ Sie hat eine riesige Fleischwunde gerissen in seinem Bein. Wenn Mychajlo sich bewegt, verzieht er vor Schmerzen das Gesicht. Aber er jammert nicht. Der junge Ukrainer ist sehr stolz darauf, dass er dabei gewesen ist auf dem Maidan. Mychajlo ist erst 21, BWL-Student. In seiner Heimat ist der junge Mann schon ein Held.

Aber jetzt muss er erst mal wieder auf die Beine kommen. Seine Verletzung ist kompliziert. Deswegen wurde er in die Oberlausitz-Kliniken nach Bautzen gebracht. Mychajlo teilt sein Krankenzimmer auf der Chirurgie mit Andrij. Andrij ist 25, Inneneinrichter und Designer. Ihn hat eine Kugel in den Unterschenkel getroffen. „Es war das Chaos“, erzählt Andrij. Sein bester Freund ist gestorben direkt neben ihm. „Ich bin froh“, dass ich lebe“, sagt er. „Und ich bin froh, dass ich jetzt hier bin, und die Ärzte sich um mich kümmern.“

Dass die beiden jungen Männer aus der Ukraine jetzt in Bautzen gesund gepflegt werden, ist eine Geschichte spontaner, mutiger und uneigennütziger Hilfe. Der Dresdener CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz vor allem hat es möglich gemacht. Vaatz ist gekommen, um nach seinen Patienten zu sehen. Die Anspannung der fast 2 000 Kilometer langen Reise, die jetzt hinter ihm liegt, ist Sachsens Ex-Umweltminister noch immer anzumerken. Dresden – Lemberg und zurück. „Es war eine ziemliche Odyssee“, wird Vaatz später erzählen. Noch ist nicht klar, wie die Geschichte am Ende ausgeht.

Begonnen hat sie mit einer E-Mail, die Arnold Vaatz von einem Deutschen aus der Ukraine bekommen hat. Kurt Simmchen ist ein ehemaliger Radeberger, der heute in der Nähe der ukrainischen Stadt Ivano Frankivsk lebt. Simmchen schreibt von mehr als 2 000 Verletzten, von überfüllten Krankenhäusern, von Menschen, die in Privatwohnungen operiert werden, von fehlenden Medikamenten und Verbandsmaterialien, von Sterbenden, denen vor Ort nicht geholfen werden kann. Da müsse Deutschland doch helfen, schreibt Simmchen. Arnold Vaatz sei doch Bundestagsabgeordneter. Doch Deutschland hält sich zurück. Da fasst Vaatz einen spontanen Entschluss: „Dann helfe eben ich“, verspricht er dem Deutschen in der Ukraine. Es gehe da nicht um Politik, sagt der 58-Jährige. Es gehe um Humanität. Die sei jetzt ein Gebot der Stunde. Vaatz sucht Verbündete. Er findet sie bei der Johanniter Unfallhilfe in Dresden. Fünf Mitarbeiter nehmen Urlaub. Mit drei Krankenwagen fahren sie von Dresden aus nach Lemberg. Arnold Vaatz fährt mit, bezahlt die Unkosten und das Benzin. Kurt Simmchen in der Ukraine findet derweil heraus, welche der Verletzten am dringendsten medizinische Hilfe in Deutschland brauchen. Das Auswärtige Amt hilft schließlich unkompliziert bei der Visa-Beschaffung. Sechs Verletzte kann der kleine Konvoi transportieren. Die Deutschen werden mit großer Dankbarkeit verabschiedet.

Verbündete findet Arnold Vaatz auch in den Krankenhäusern Dresden-Friedrichstadt und Dresden-Neustadt, in der Dresdener Uniklinik und in den Oberlausitz-Kliniken (OLK), die die Verletzten aufnehmen. Bautzens OLK-Geschäftsführer Reiner E. Rogowski muss nicht lange überlegen, als der Anruf aus Vaatz’ Abgeordnetenbüro kommt. „Wir haben naturgemäß zwar kaum mit Schussverletzungen zu tun“, sagt er, „aber wir haben hier hervorragende Unfallchirurgen.“ Die Oberlausitz-Kliniken behandeln die beiden Ukrainer auf eigene Kosten. „Wir sehen das als einen Akt der humanitären Hilfe und der Solidarität an“, sagt Rogowski. Keiner seiner Mitarbeiter hätte anders entschieden.

Wie lange sie hierbleiben, wann und wie sie wieder nach Hause kommen, wissen Mychajlo und Andrij noch nicht. Mychajlo will dann gleich seine Eltern anrufen und seine Schwester. Die werden sich freuen, wenn er ihnen sagt, dass es ihm schon besser geht. Wenn er wieder gesund ist, sagt er, wird er weiterkämpfen für die Revolution in der Ukraine. Und wenn sie gesiegt haben, wird er weiter studieren. Aber jetzt will er erst mal schlafen.

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