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Bautzen

Bautzener Waggonbauer besorgt

Die Bombardier-Verkaufspläne lassen die Mitarbeiter nicht kalt. Eine Sache ärgert sie besonders.

Sorgen bei Bombardier-Mitarbeitern in Bautzen: Wie geht es weiter mit dem Werk, wenn die Zugsparte an den französischen Konzern Alstom verkauft wird?
Sorgen bei Bombardier-Mitarbeitern in Bautzen: Wie geht es weiter mit dem Werk, wenn die Zugsparte an den französischen Konzern Alstom verkauft wird? © Sebastian Kahnert/dpa

Bautzen. Einige Mitarbeiter ziehen die Jacke hoch, als sie am Dienstagmittag nach ihrer Schicht das Bombardierwerk in Bautzen verlassen. Ein eisiger Wind rauscht an den Betonwänden und den strahlend neuen Waggons vorbei. Das Wetter scheint nicht so recht zu wissen, ob es nun Zeit für Frühling oder eher noch für den Winter ist. Denn immer wieder blinzelt die Sonne durch die Wolken, kurz darauf prasseln Hagelkörnchen vom Himmel.

Diese Unsicherheit – sie passt zur Stimmung der Waggonbauer an diesem Tag. Auf den Gängen hatten sich bereits die Mutmaßungen ausgebreitet, war in der letzten Zeit immer häufiger die Frage aufgekommen, wie es denn nun weitergeht mit Bombardier. „Wir haben schon lange vermutet, dass da etwas im Busch ist“, erzählt ein 53-Jähriger. Die finanzielle Schieflage der Schienensparte sei ja bekannt. „Jetzt ist es offiziell“, sagt der Verwaltungsmitarbeiter. Dann schiebt er hinterher: „Also so halb offiziell.“

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Denn zum einen ist der Verkauf der Eisenbahnsparte von Bombardier an Alstom noch nicht in trockenen Tüchern. Sowohl Alstom als auch Bombardier haben am Montag zwar bereits die Absicht verkündet, die europäische Kartellbehörde muss aber noch zustimmen. Zum anderen – und das verärgert viele Mitarbeiter des Bautzener Werks – seien die Waggonbauer noch nicht über die Verkaufspläne informiert worden. Erfahren haben sie davon, so berichten viele, aus der Zeitung.

Ein Mitarbeiter läuft vorbei, scheint fassungslos. Er schüttelt den Kopf: „Das haben die alle noch nicht begriffen. Die Mitarbeiter, meine ich.“ Ein 23-Jähriger sagt: „Eine klare Aussage wäre schön“, er fühle sich „im Blauen gelassen“. Nach der Stimmung gefragt, sagt er: „betrübt, missmutig“.

Wie weiter beim Kündigungsschutz?

„Wir sorgen uns durchaus auch um unsere Arbeitsplätze“, sagt der 53-jährige Verwaltungsmitarbeiter. „Wie es weitergeht mit dem Werk? Das scheint ja noch alles offen zu sein.“ Kein schönes Gefühl sei das. Die Stimmung im Werk sei wahrlich nicht die beste, erzählt auch ein 55-jähriger Rohbauer. Er werde es wohl noch bis zur Rente schaffen, vermutet er. Aber wie steht es um die jüngeren Mitarbeiter? Auch ein Monteur sorgt sich um die Zukunft der Arbeitsplätze in der Region. Vor allem die Sache mit dem Kündigungsschutz drängt sich ihm immer wieder in den Kopf, denn der laufe ja noch bis März dieses Jahres. „Und dann?“, fragt er.

Der Kündigungsschutz – das ist auch für Bombardier-Betriebsrat Gerd Kaczmarek ein wichtiges Thema. Etwa 1.150 Mitarbeiter inklusive Leiharbeiter werden am Bautzener Standort beschäftigt, erzählt er. Angesichts der neuen Lage sorgt er sich, dass der Transformationsprozess des Unternehmens nicht fortgesetzt wird, wie geplant. Denn schon seit 2016 baut das Unternehmen ohne betriebsbedingte Kündigungen um. „Wir wollen da weiterverhandeln“, sagt Kaczmarek. Der Betriebsrat hoffe, den Kündigungsschutz um zwei bis drei Jahre verlängern zu können – aber natürlich bestünden da Unsicherheiten.

Und noch eine andere Kernfrage beschäftigt Kaczmarek: Wird es mit der neuen Unternehmensstruktur mit dem französischen TGV-Hersteller Produktüberschneidungen geben? Die Aufteilung des Bautzener Waggonbauers und der französischen Werke müsse bald geklärt werden, das ist dem Betriebsrat wichtig. „Wir dürfen damit nicht erst beginnen, wenn es so weit ist.“ Der Betriebsrat fordert Arbeitsplatzsicherheit und die Garantie, den Standort zu erhalten. Darüber will er jetzt auch mit der deutschen Geschäftsführung des Unternehmens sprechen. Und auch Jan Otto von der IG Metall Ostsachsen fordert: „Der Erhalt und Ausbau deutscher Arbeitsplätze und Werke muss an vorderster Stelle stehen.“ Die Politik sei gefragt zu vermitteln.

Und die meldet sich prompt. So fordert auch der Bautzener Landtagsabgeordnete Marko Schiemann (CDU): „Sollte die europäische Kartellbehörde dem Kauf der Zug-sparte von Bombardier an Alstom zustimmen, erwarte ich von der Staatsregierung und der Bundesregierung einen maximalen Einsatz für den Erhalt der Arbeitsplätze in Sachsen.“ Der Verlust weiterer Industriearbeitsplätze sei für die Lausitz nicht hinnehmbar.

Gewerkschaft sieht neue Ära

Caren Lay, Bautzener Bundestagsabgeordnete der Linken, hatte sich schon nach den ersten Verkaufs-Gerüchten besorgt gezeigt: „Die Bestandszusagen für die Werke in der Lausitz dürfen nicht infrage gestellt werden.“ Schließlich sei der Schienenfahrzeugbau gerade angesichts der Herausforderungen durch den Kohleausstieg ein wichtiges Standbein in der Region. Bombardier selbst reagiert an diesem Tag nicht auf eine Presseanfrage der Redaktion.

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Doch nicht nur dunkle Töne gibt es an diesem Tag. Auch etwas Licht bringt Jan Otto von der IG Metall. Er sei froh, dass nun Klarheit über das Vorhaben der Konzerne bestehe, erklärt er. Und: „Wir gehen in eine neue Ära und wollen offen und transparent über einen neuen und schlagkräftigen Schienenfahrzeugbauer verhandeln.“ 

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