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Bautzens neuer Schatz

Für einzigartige Jugendstil-Exponate richtet das Museum einen neuen Schauraum ein. Eröffnung ist am 14. Juni.

© Uwe Soeder

Miriam Schönbach

Dreizehn Schalen und Teller aus Zinn stehen vor David Adam. Die Locken einer Schönheit, Blumen und Blätter glitzern aus dem Silber hervor. Der Objekteinrichter würdigt die Kostbarkeiten nur mit einem kurzen Blick. Derzeit baut er für jedes dieser Unikate eine Spezialanfertigung für die Befestigung an der Wand. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr. Am 14. Juni öffnet das Museum Bautzen seinen neuen Schauraum. Neben Zinngeschirr sind dort fortan Glas, Keramik, Bestecke und Kleinplastiken aus dem Jugendstil zu sehen. Den einzigartigen Schatz erwarb das Haus aus der Sammlung Giorgio Silzers.

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Diese Vase entwarf der Keramiker Théodore Deck.
Diese Vase entwarf der Keramiker Théodore Deck. © Uwe Soeder
Die Karaffe entstand um 1900 in Köln. Fotos: SZ/Uwe Soeder
Die Karaffe entstand um 1900 in Köln. Fotos: SZ/Uwe Soeder © Uwe Soeder
Fische und Libellen verzieren diese Johnolyth-Vase.
Fische und Libellen verzieren diese Johnolyth-Vase. © Uwe Soeder
Objekteinrichter David Adam fertigt für jeden Zinnteller eine Spezialbefestigung im neuen Jugendstil-Schauraum des Museums. Eröffnet wird er am 14. Juni.
Objekteinrichter David Adam fertigt für jeden Zinnteller eine Spezialbefestigung im neuen Jugendstil-Schauraum des Museums. Eröffnet wird er am 14. Juni. © Uwe Soeder

An der Wand hängen passgenaue Abbilder der Zinnteller aus Papier. David Adam hält eine Halterung an den vorgesehenen Platz und macht mit einem Bleistift ein Kreuz. Dort befestigt er später die Schraube für den Spezialaufhänger. Der Absolvent der Kunsthochschule in Dresden kommt gerade aus dem neuen Museum für Archäologie in Chemnitz. Auch dort platzierte er Exponate in Vitrinen oder befestigte sie an Wänden. „Es ist einfach ein Genuss, die unterschiedlichsten Objekte mal in der Hand zu halten“, sagt er. Die weißen Handschuhe liegen auf dem Arbeitstisch parat.

Jürgen Vollbrecht betrachtet die Arbeiten im neuen Jugendstil-Refugium. Der Museumsleiter hat sich in den vergangenen Monaten mit dem Jugendstil befasst. Diese neue Bewegung breitete sich um 1890 an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf dem europäischen Kontinent aus. „Vorangetrieben wird sie von der Idee, Alternativen zu den billigen, maschinell produzierten Massenwaren zu schaffen und eine ästhetische, das Handwerk schätzende Kunst hervorzubringen“, sagt er.

Genau diese Einheit von Kunst und Alltag beeindruckt Giorgio Silzers, wie er 2010 in einem Radio-Interview sagte. Der Sohn des Violinvirtuosen Ermanno Silzer und dessen Frau wird 1920 in Bielitz in Oberschlesien, dem heutigen Bielsko-Bia³a in Polen, geboren. Die Familie siedelt ins schweizerische Tessin um. Dort erhält der Junge Privatunterricht auf der Geige. Seine Begabung führt ihn zuerst zum Berner Stadtorchester. Mit 33 Jahren engagiert ihn schließlich die Deutsche Oper in Berlin als Konzertmeister. Neben der Musik entdeckt er seine Leidenschaft für das Sammeln exklusiver Jugendstil- und Art Déco-Objekte.

Diese Erlesenheit zeigen auch die Glas- und Keramikarbeiten, die sich noch eine Etage über dem neuen Schauraum befinden. Über eine Treppe geht es hinauf in den ehemaligen Vortragsraum des Museums. Hier warten auf schlichten Tischen Vasen, Kelche, Wandteller oder Schalen in schillernden Farben. Die kleinen Papierschilder verraten angesehene Künstler aus bedeutenden und hochkarätigen Werkstätten Europas. Darunter sind unter anderem Auguste und Antonin Daum, auch „Daum-Frères“ genannt. Sie spezialisieren sich ab 1889 im französischen Nancy auf die Fabrikation von geätzten Kunstgläsern, oft mit Blumen, Tieren und Landschaften. Solche Motive zusammen mit Ornamenten und Symmetrien kennzeichnen äußerlich Jugendstil-Arbeiten.

Jürgen Vollbrecht nimmt eine schlanke Vase, Glas und Eisen treffen bei ihr aufeinander „Da hat die Manufaktur der Daum- Frères zwei grundverschiedene Werkstoffe zueinander gebracht. Diese Experimentierfreude ist gerade typisch für die Epoche“, sagt er und greift nach einem weiteren bauchigen Gefäß. Eine schillernde Libelle umschwirrt einen Fisch, was wirkt das Glas wie Wasser. Eine weitere Vase lässt mit ihrer Schwarz-Weiß-Karo-Optik aus jeder Perspektive ein anderes Muster entstehen. Wegen der bemerkenswerten Glasarbeiten wird der Jugendstil auch „Gläserne Epoche“ bezeichnet.

Bruchteil der Privatsammlung

Etwa 160 Positionen mit über 300 Einzelstücken des Silzer-Vermächtnisses zeigt das Museum Bautzen künftig. Der Kontakt zum Sammler entstand 2009. Damals zeigte er im neu eröffneten Bautzener Museum eine Sonderausstellung mit Bauhaus-Exponaten. Den Ankauf der Jugendstilobjekte unterstützten nun die Sächsischen Landestelle für Museumswesen und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung zusammen mit der Kreissparkasse Bautzen. Das neue Bautzener Juwel ist jedoch nur ein Bruchteil der Privat-Sammlung.

Denn es ist nur schwer zu schätzen, wie viele Objekte Giorgio Silzer zusammengetragen hat. Wegen schwach gewordener Augen geht er 1980 mit 60 Jahren verfrüht in die Rente und betreibt ab dann „einen neuen Sport“. Er will sich nicht mehr nur selbst an den schönen Dingen erfreuen. Stattdessen wird nun seine Passion das „Füllen von Museen“. So kauft 2002 das Grassi-Museum in Leipzig für seine Ausstellung der Angewandten Kunst einen großen Teil der Sammlungen auf. Heute lebt der Musiker zurückgezogen in Ostfriesland.

Die Attrappen aus Papier sind von der Wand im neuen Schauraum verschwunden. Stattdessen hängen dort jetzt die Halterungen. David Adam streift sich die weißen Stoffhandschuhe über und nimmt ein glitzerndes Exponat. Vorsichtig klemmt er den Teller an den Bügeln fest. Jetzt scheint das gewichtige Exponat zu schweben. Konzentriert greift er nach dem nächsten Gegenstand und bringt ihn an seinen Platz. Das Gekicher von Mädchen und Jungen scheint ihn nicht zu stören. Nur ein mit Folie verschlossener Eingang trennt die Welt der Ruhe und des heiteren Kinderlachens.

Aber so ruhig soll es hier nicht bleiben. „Wir sind jetzt schon dabei, uns in die Jugendstil-Netzwerke einzutragen. Wir würden uns wünschen, dass unser neues Angebot Kenner aus ganz Europa anlockt“, sagt Jürgen Vollbrecht. Die Schüler erobern währenddessen die zeitgenössische Kunstsammlung. David Adam betrachtet sich sein Arrangement. Zur Langen Nacht der Kultur dürfen dann die Museumsbesucher zum ersten Mal einen Blick auf die hochkarätige Jugendstil-Sammlung werfen.

Der Schauraum Jugendstil ist zur Langen Nacht der Kultur am 14. Juni von 18 bis 24 Uhr geöffnet. www.museum-bautzen.de