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Mit den Beach Boys zurück in die Sechziger

Beim Konzert in der Dresdner "Jungen Garde" fehlt der Band vor allem der latente Wahnsinn eines Brian Wilson.

Beim Konzert in Dresden spielten die Beach Boys auch Hits diverser Kollegen.
Beim Konzert in Dresden spielten die Beach Boys auch Hits diverser Kollegen. © Jürgen Lösel

Von Johannes Gerstengarbe

Die "Junge Garde" heißt zwar so, ist aber auch nicht mehr wirklich jung. 1955 wurde sie fertiggestellt. Sechs Jahre später wurde die Band gegründet, die an diesem Mittwoch Abend hier spielt: The Beach Boys.

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Aus dieser Zeit ist allerdings nur Mike Love mit in Dresden. Bruce Johnston stieß 1965 zur Band, quasi als eine Art Ersatz für Brian Wilson. Der Sohn von Mike, Christian Love, ist stimmlich aber der eigentliche Nachfolger von Brian. Ansonsten sind spannenderweise auch Musiker dabei, die in einer Tribut-Band gespielt hatten und sich plötzlich bei den echten Beach Boys wiederfanden.

Das Genie der Beach Boys war schon immer Brian Wilson, bei dem allerdings der Wahnsinn nicht nur nahe liegt sondern einen großen Platz einnimmt. Er ist als Mensch schwierig und das Verhältnis zwischen der Band und ihm auch. Deswegen fehlt er leider bei Live-Auftritten.

In der zweiten Hälfte des Konzerts werden sehr viele alte Filmaufnahmen hinter die Band projiziert.
In der zweiten Hälfte des Konzerts werden sehr viele alte Filmaufnahmen hinter die Band projiziert. © Jürgen Lösel

Das Konzert beginnt pünktlich und ohne Vorband. Nach einer Stunde gibt es erst mal eine Pause von zwanzig Minuten. Es klingt, wie man es von der Amiga-Schallplatte gewohnt ist. Nicht nur die selbst geschriebenen alten Hits werden zum Besten gegeben, sondern auch Cover anderer 60-er-Jahre Hits wie "California Dreamin'" von den Mamas and the Papas. 

Solche Songs schafften es auf Beach-Boys-Alben, wenn Brian Wilson grad mal wieder komplett ausgefallen war. Einem anderen Genie wird gleich mit zwei Songs gehuldigt: George Harrison von den Beatles. Die Soft-Bossa-Version von „Here Comes The Sun“ hat allerdings das Charisma einer Schlaftablette. Beim sternzeicheninspirierten Lied "Pisces Brothers" gibt es dafür emotionale Bilder mit George aus der gemeinsamen Zeit in Indien.

Überhaupt werden in der zweiten Hälfte sehr viele alte Filmaufnahmen hinter die Band projiziert. Ein großer Teil des Publikums filmt das mit Smartphones. Es werden also Videos von Videos gemacht, damit man sich später erinnern kann, wie sich erinnert wurde. Die Welt wird immer seltsamer.

The Beach Boys waren in den Sechzigern hauptsächlich durch die Innovationsfreudigkeit von Brian Wilson am Puls der Zeit. 
The Beach Boys waren in den Sechzigern hauptsächlich durch die Innovationsfreudigkeit von Brian Wilson am Puls der Zeit.  © Jürgen Lösel

Die Stärke des Abends, und natürlich der Beach Boys überhaupt, ist der Satzgesang. Tadellos intoniert kommt das eingeschobene A-cappella-Stück in der gleichen Tonart wieder raus, in der es begonnen wurde. Scott Totten macht seine Arbeit als musikalischer Leiter offensichtlich sehr gut. Selbst der Schlagzeuger John Cowsill singt, er bekommt sein eigenes rockiges Feature.

Beim Hit „Barbara Ann“ kommen vorher gecastete junge Schönheiten aus dem Publikum zum Tanzen auf die Bühne. Eine der Damen darf sich sogar die Gitarre von Scott Totten umhängen. Dieser spielt dann allerdings hinter ihr stehend ein Solo auf seinem Instrument. Eine Show-Einlage, die wahrscheinlich vor der #metoo-Ära entwickelt wurde. So ganz einverstanden mit dem öffentlichen Eindringen in ihren natürlichen Sicherheitsabstand sieht die Gitarrenhalterin jedenfalls nicht aus.

The Beach Boys waren in den Sechzigern hauptsächlich durch die Innovationsfreudigkeit von Brian Wilson am Puls der Zeit. Mike Love war musikalisch sein etwas einfacher gestrickter Gegenpart. Menschen in echt zu erleben, die Musikgeschichte geschrieben haben, ist immer ein prägendes Erlebnis und eine Ehre. Die Erinnerung daran wird, neben der schönen Musik, wahrscheinlich das Bleibende beim Publikum sein.

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