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Beachtung für den Einzelnen

Seit acht Wochen läuft bereits der reguläre Schulbetrieb in der neuen Förderschule (G) in Kamenz-Jesau. 71 Schülerinnen und Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren lernen seitdem eifrig in dem supermodernen Gebäude, bekommen hier ihr Rüstzeug für das weitere Leben mit auf den Weg. Und das jeder nach seiner Fasson. Gestern wurde das Haus der Möglichkeiten feierlich eingeweiht…

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Von Ina Förster

Ronny singt aus lauter Kehle vor hunderten Zuschauern. Das Lied von den Zahlen zum Beispiel oder vom Munterwerden. Der Mund kann nicht weit genug offen stehen, die Ohren kriegen beim Lachen Besuch. Der neunjährige schmächtige Junge freut sich, dass die Leute hier mitklatschen; das Üben hat sich gelohnt. Seine Lehrerin lächelt ihm zu und den anderen aus der Klasse auch. Da wird gehüpft und mit den Armen gerudert – ein kleines Glück auf steinigem Weg.

Wer hinsieht, erkennt den freudigen Eifer der Kinder. Zur feierlichen Eröffnung ihrer schönen neuen Schule geben sie sich besonders Mühe. Und alle sind gekommen – die Lehrer, Eltern, Freunde, Menschen aus wichtigen Institutionen, Kollegen aus anderen Förderschulen, Ergo- und Physiotherapeuten und so weiter und so weiter. Aber nicht jeder hier begreift den Zauber des Augenblicks, kann den langen Reden folgen. Die Schüler, die Hauptpersonen nämlich, sind geistig behindert, frühkindliche Hirnschädigungen oder Gendefekte bestimmen ihren weiteren Werdegang. Dass dieser trotzdem voller Möglichkeiten steckt, verdankt man nicht zuletzt dem neuen Haus.

Bernbrucher Bedingungen waren nicht mehr optimal

Das frühere Gebäude in Bernbruch ließ letztendlich zu wünschen übrig, schränkte die Möglichkeiten ein. Bereits 1997 kamen Kreisräte vor Ort zusammen, registrierten die Bedingungen. Zwei Jahre später stellte man im Haushalt schon die Projektplanung ein. Ein passendes Objekt musste gefunden werden; in der ehemaligen zweiten Grundschule von Kamenz entdeckte man es. Damals gehörte das Gelände noch der Stadt, Verhandlungen folgten, später ging es in Kreisbesitz über. Für ganze vier Millionen Euro sanierten und bauten fleißige Arbeiter, clevere Architekten und Planer den ehemaligen zweistöckigen Plattenbau zu einem attraktivem Mehrtraktgebäude mit Turnhalle, Therapiebad, individuellen Klassen- und Aufenthaltsräumen sowie einem modernen Verwaltungsabschnitt um. 2,9 Millionen Euro davon flossen aus verschiedensten Fördermitteltöpfen dazu.

Satte Grün- und Blautöne, von gelben und roten Farbtupfern unterbrochen, begleiten die Kinder nun durch den Schulalltag, der in der Regel bis 14.30 Uhr dauert. An ihnen können sich die geistig Behinderten orientieren. Hellgrüne Fenster zum Beispiel gehen zu öffnen, dunkelgrüne nicht. Rote Türen führen nach draußen, gelbe hinein. Die Tische im Parterre sind alle rund, in der ersten Etage eckig. „Mit allen Sinnen begreifen, lautet das Motto“, erzählt Beratungs- und Klassenlehrerin Silke Sauer.

Das Wort „begreifen“ hat einen tieferen Sinn

„Und das Wort begreifen hat eben einen tieferen Sinn. Man muss Dinge wirklich begreifen, also anfassen, um sie zu verstehen!“ Auch deshalb wird im Lehrplan der Förderschule praktisches Tun groß geschrieben. Im Rhythmik-, Werken-, Ton-, Maschinen- oder Kochraum, dem Snoezelenraum mit Wasserbett (kurz umrissen Entspannungsraum) oder im Außenbereich auf der Matschstrecke, in der ausbetonierten Berghöhle oder auf der speziellen Schaukelanlage finden die Schüler zu sich selbst, können sich ausprobieren. Der Kursunterricht Lesen, Schreiben und Mathe wird in Niveaugruppen abgehalten. „Bei uns wird jedes Kind abgeholt, wo es steht“, erzählt Silke Sauer bildhaft. Das bedeutet abermals – der Mensch als Individuum findet hier Beachtung. Im neuen Haus ist also einiges möglich, auch solche lapidaren Dinge, wie das gemeinsame Mittagessen aller Schüler.