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Beamte röntgen Sofas

An der deutsch-polnischen Grenze werden Lkw nicht mehr ausgeräumt, sondern geröntgt. Gestern stellte der Zoll eine Anlage vor, mit der Beamte täglich bis zu 500 Lastwagen überprüfen können.

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Von Annegret Schneider

Die polnischen Kühe brüllen über den Zollhof. Sie warten auf den Amtsarzt, der bescheinigen muss, dass sie nach Deutschland einreisen dürfen. Doch die Attraktion steht diesem Tag zweihundert Meter weiter. Es ist ein großer, weißer Container mit gelben Warnschildern. Drin sitzen Beamte und durchleuchten mit Röntgen-Strahlen den Lkw, der langsam und sehr nah vorbei fährt. „Drei Warmwasser-Behälter ohne Heizspirale“, sagt Jens Böttger und deutet mit seinem Kugelschreiber auf einen der Monitore. „Im mittleren sind Zigaretten, dort, wo die Farbe dunkler ist.“

Was gestern auf dem Zollhof in Ludwigsdorf vorgeführt wurde, soll Schmugglern an der deutsch-polnischen Grenze von nun an täglich zum Verhängnis werden können. Bisher seien nur etwa fünf Intensivkontrollen pro Tag möglich gewesen, sagt Siegfried Schmelich, Leiter des Hauptzollamtes Löbau. Nun sehen sich seine Beamten hundert Mal so viele Frachten an. Mit der neuen Anlage bereitet sich der Zoll auch auf die Zunahme des Güterverkehrs zwischen Polen und Deutschland vor. Prognosen gehen von einer Verdreifachung aus.

Die neue Anlage funktioniert ähnlich wie die Gepäck-Kontrolle am Flughafen. Umrisse der Fracht sind auf den Monitoren zu sehen. Abhängig von der Dichte des Stoffes leuchten die Gegenstände in unterschiedlichen Farben. Vor allem der Schmuggel von Zigaretten, Waffen und Alkohol soll mit der neuen Technik unterbunden werden. Die Görlitzer Zollbeamten wurden eigens für die neue Anlage ausgebildet.

„Am Anfang hab ich überhaupt nichts erkannt“, sagt René Konietzny, 27. „Wir sind nach dem Durchleuchten oft zu den Lkw und haben die Klappen aufgemacht.“ Doch mit der Zeit komme die Erfahrung. Schwierig seien nur Stoffe mit einer hohen Dichte. Er zeigt ein Röntgen-Bild von einem Lastwagen, der riesige Glasplatten unter der Plane hatte. „Alles schwarz, da hilft nur noch reingucken.“

Nach EU-Beitritt bleibt neue Anlage im Einsatz

Die 1,5 Millionen Euro teure Anlage ist bislang die einzige in Sachsen, demnächst soll eine im Vogtland hinzu kommen. Sonst stehen solche Container nur in großen Seehäfen. Trotz der Warnschilder gebe es keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen für die Beamten, sagt Schmelich. Für Menschen, die sich im Frachtraum befänden, sei eine kurze Bestrahlung ebenfalls ungefährlich. Und das Führerhaus des Lkw werde generell nicht durchleutet. Während die Beamten ihr neues Schmuckstück vorführen, rollt plötzlich ein echter Fall auf den Hof, vorbei an den brüllenden Kühen. Es ist Johannes Zimmermann aus Forst, der mit einer Ladung polnischer Sofas einreisen will. Aber gerade in Polstermöbeln sei oft Schmuggelware versteckt, sagen die Beamten, und deshalb ist der Laster fällig. Früher hätten René Konietzny und seine Kollegen die 50 Sofas zur Kontrolle abladen müssen. Nun geht das schneller. Auf den Monitoren sind Umrisse der Polster-Monster zu sehen, alles in Ordnung, der Freifahrtschein ist eine Sache von wenigen Minuten. Und das freut auch Fernfahrer Zimmermann, der mit seinen Sofas weiter will nach England.

Die Investition hat die Oberfinanzdirektion Chemnitz nicht umsonst gemacht. Auch nach dem EU-Beitritt Polens kann das Röntgengerät eingesetzt werden. Nach dem Mai 2004 zieht der Zoll zwar von der Grenze ab, führt aber im Inland weiterhin Kontrollen durch. Und dazu könne der Container ohne Probleme irgendwo anders aufgestellt werden, sagt Schmelich. Es sei auch möglich, dass er an der Grenze bleibe und vom Bundesgrenzschutz genutzt werde.