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Beamtenzoff um Badesee

In Delitzsch steigt das Wasser – leider auch in den Kellern vieler Häuser. Doch die Behörde handelt erst, prüft dann und streitet am Ende noch.

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Von Manfred Schulze

Eigentlich müssten die Bewohner von Delitzsch reichlich Grund zum Feiern haben. In den siebziger und achtziger Jahren waren mehr als die Hälfte des Kreisgebietes für den Bergbau bestimmt. Acht Dörfer fielen schließlich dem Braunkohlenbergbau zum Opfer. Doch seit der Wende wird kräftig saniert.

Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft LMBV gab dreistellige Millionenbeträge aus, um aus Mondlandschaften solche aus Strand und Wasser zu machen. 400 Millionen Kubikmeter Wasser füllen inzwischen den neuen Werbelinsee, dessen Wellen bis knapp zwei Kilometer entfernt von der Stadtgrenze den Kies umspülen. Doch viele Delitzscher sind nicht glücklich über das viele Nass. Denn es kriecht von unten an ihre Häuser heran, verwandelt einst trockene Keller in muffige Gewölbe und sorgt für Risse in den Wänden oder sich rapide neigende Mauern an den Grundstücken.

Untersuchung über die Folgen

„Die ganze Stadt vernässt durch eine gigantische Sauerei, für die sich die Behörden gegenseitig die Verantwortung zuschieben, anstatt schnell zu handeln“, beklagt Barbara Mohsen, eine der Sprecherinnen der Bürgerinitiative.

Begonnen hat die Geschichte vor knapp zehn Jahren. Mit dem Ende des Tagebaus musste auch die Flutung angegangen werden, das war allen Beteiligten klar. Auch Klaus Denef, der einst für die Wasserhaltung des Tagebaus verantwortlich war und bis 1995 als Dezernent für Bergbau arbeitete, sah das nicht anders. Allerdings verlangte Denef, der seit 1952 Erfahrungen mit dem Wasser gesammelt hatte, dass vor der Flutung untersucht werden müsse, welche Folgen das Wasser für die Bewohner der Stadt und der umliegenden Gemeinden haben würde. Das sah das Regierungspräsidium Leipzig nach einigem Zögern ebenso und eröffnete 1997 ein Planfeststellungsverfahren.

Doch im Bergbau gilt bekanntlich ein eigenes Recht – und außerdem auch das Wort einer weiteren Behörde, nämlich des Bergamtes. „Tagebau ist Tagebau, da gilt Bergrecht. Wir hätten es damals gern selbst geregelt“, sagt das Bergamt, das wegen fehlender Dokumente erst 2003 informiert wurde.

Nächste Überflutung droht

Doch bereits fünf Jahre früher begann die LMBV mit der Flutung. Jetzt steht das Wasser im See bei 98 Metern über dem Meeresspiegel. Viele Ortsteile von Delitzsch und andere Gemeinden jedoch liegen nur 90 bis 92 Meter hoch. „Wenn der höher gelegene See bei einer Flut wie 2002 überlaufen sollte, ist die Katastrophe komplett“, so Denef. Und das ist nicht abwegig: Im August 2002 war bei Bitterfeld der See Goitzsche übergelaufen. Die LMBV, das Bergamt und auch die Lokalpolitiker samt Landrat sehen kein generelles Problem.

Es werde jeder Wasserschaden an das Oberbergamt gemeldet, versichert Baudezernent Ulrich Fiedler, die LMBV schicke dann Gutachter. Mehr als 60 Fälle seien ihm bekannt: „Aber es gibt sicher auch andere Ursachen. Einige haben einfach zu tiefe Keller am falschen Ort gebaut.“ Klaus Denef schwillt bei solchen Worten der Hals: „Der Mann ist absolut ahnungslos, sogar bei der Zahl der Betroffenen, die mehrfach höher ist.“

Inzwischen beschäftigen sich Gerichte mit dem Fall. Die Behörden streiten derweil munter weiter.