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Bedrückende Geschichte

Schüler der Sorbischen Oberschule Bautzen haben nach Spuren von Euthanasie-Opfern gesucht – und Interessantes herausgefunden.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Vater, Mutter und Kinder

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Bautzen. Lächelnd schaut das junge Mädchen mit dem Pagenschnitt in die Kamera. Auf ihrem Schoß ein Baby. Das Paar zeigt Deutschlands bekanntesten Künstler, Gerhard Richter, gerade vier Monate alt mit seiner 14-jährigen Tante Marianne im Jahr 1932. Nur 13 Jahre später trauert die Familie um jene Marianne Schönfelder.

Nach jahrelangen Qualen und der Diagnose Schizophrenie stirbt sie in der Psychiatrie in Großschweidnitz. Auf dem Totenschein erscheint als Ursache „Kreislaufversagen“. Heute weiß man: Tante Marianne ist eines der Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie.

Ausgehend vom Schicksal von Tante Marianne beschäftigen sich die Zehntklässler der Sorbischen Oberschule in Bautzen seit September mit den Krankenmorden in Großschweidnitz. Neben dem Besuch der Gedenkstätte in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt und im Sächsischen Hauptstaatsarchiv haben die Jugendlichen in dem Projekt der Konrad-Adenauer-Stiftung anhand der zeitgeschichtlichen Akten zusammengetragen, um sie ein stückweit aus der Anonymität zurückzuholen. Mit Hilfe systematischer Medikamenten-Euthanasie ermordeten die Nationalsozialisten 200 000 Menschen – psychisch Kranke genauso wie geistig Behinderte.

Geschichte eines kleinen Jungen

Ein Gesicht gegeben haben die Mädchen und Jungen unter anderem Gerhard Böhm. Tonya Fröhlich und Sanela Mladenovic zeigen auf ihrem Computer ein Bild vom kleinen Jungen. Ihm bescheinigen die Ärzte in Leipzig-Dösen Schwachsinn und Idiotie. 1943 wird er nach Großschweidnitz verlegt. Auf Leipzig fallen ab März jenes Jahres Bomben. Doch die Sicherheit in der Oberlausitz ist trügerisch. Im Februar 1945 stirbt der Zehnjährige an einer Form der Lungenentzündung. So steht es auf dem Totenschein, der wie die Briefe der Pflegemutter und Krankenakten in Kopien durch die Hände der Jugendlichen gingen. „Man denkt nicht, dass Menschen sowas anderen Menschen antun können“, sagt Tonya Fröhlich. Neben der Zusammenstellung der Biografie hat diese Gruppe mit fünf Schülern für Gerhard Böhm ein Tagebuch per Hand geschrieben.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit den Opfern gehört zum Projektinhalt. Unterstützt werden sie dabei durch Ethiklehrerin Diana Gargula und Geschichtslehrerin Katrin Ernst. Eine andere Gruppe hat sich dem Schicksal von Herbert Seiler gewidmet. Auch er schaut keck vom Foto auf dem Computer, während die Zehntklässler ihre letzten Handgriffe für die Präsentation an diesem Freitag erledigen. „Als die Eltern sich trennten, wird er verhaltensauffällig. Die Mutter kommt ins Frauenlager 22, der Vater ist gewalttätig“, sagt Nathalie Bothe über ihre Recherchen. Von der Hilfsschule, so steht es in den Unterlagen, führt sein Weg über mehrere Erziehungsheime nach Großschweidnitz. Der als schwer erziehbar geltende Junge stirbt dort 1944.

Nathalie Bothe ist nachdenklich. „Es ist bedrückend, dass Kinder, die nicht dem Ideal entsprachen, einfach umgebracht wurden. Sie waren schutzlos. Wir dagegen leben heute in einer friedlichen Zeit“, sagt die Zehntklässlerin. Ihre Gruppe hat für Herbert Seiler einen Zeitstrahl angefertigt. Insgesamt gingen die 10a und 10b für sieben Biografien auf Spurensuche.

War die Krankheit nur inszeniert?
Und was ist mit Tante Marianne? Luise Neumann, Maurice Effenberger und Analena Adawy haben ihre Lebensspuren verfolgt. „Beim Lesen der Unterlagen haben wir uns gefragt, ob sie wirklich krank war oder ihre Krankheit inszeniert wurde?“, sagt Analena. Marianne Schönfelder kommt wegen Schizophrenie erst nach Arnsdorf und 1943 nach Großschweidnitz. Dort stirbt sie am 16. Februar 1945. Die Schüler vermuten aufgrund des in der Krankenakte verzeichneten Gewichtsverlusts, dass sie verhungerte. Viele der „Aussortierten“ starben an überdosierten Medikamenten, oder man ließ sie systematisch verhungern.

Mit der Präsentation am Freitag geht das Projekt für Analena Adawy und ihre Mitschüler zu Ende. Nachklingen werden diese intensiven Tage aber noch lange. „Wir haben viel über die Personen und die Zeit gelernt – und für unser Verhalten. Wir wissen jetzt ein kleines bisschen mehr, was passiert ist, und können nun dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert“, sagt die Zehntklässlerin.