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Bedürftige, Arbeitslose – und ganz viel Jugend

An Gegensätzen ist das Leben im Görlitzer Westen so reich wie kein anderes Stadtviertel. Nach Jahren der Vernachlässigung konzentriert die Stadt Geld und Ideen in diesem Gebiet.

© nikolaischmidt.de/Ratsarchiv Görlitz

Von Susanne Sodan

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Keiner will sie. Seit Wochen schon ist die Wohnungsanzeige auf einer bekannten Immobilien-Plattform im Internet zu finden: 57 Quadratmeter, Zentralheizung, Badewanne, Parkett, alles für 230 Euro kalt. In einem Gründerzeithaus. Dafür würden in anderen Städten die Mitinteressenten bestimmt zu Massenbesichtigungen strömen. In Görlitz nicht. Mittwoch Abend war die Wohnung noch immer zu haben. Die Innenstadt West ist ein seltsames Viertel, mit Gegensätzen: Unbestreitbar schöne Straßenzüge aus der Gründerzeit stehen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber sind viele Häuser leer. Und immer wieder sind soziale Probleme ein Thema. Zum Richtfest des soziokulturellen Zentrums auf dem Gelände vom ehemaligen Waggonbauwerk vor einigen Wochen nannte Sebastian Kubasch, bei der Stadt zuständig für Familie und Soziales, ein Wort, das beschreibt, was in den den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mit der Innenstadt West passiert ist: Segregation. Das bedeutet Entmischung, Trennung verschiedener sozialer Gruppen in einem Stadtteil. Die Stadt will mit zwei Förderprogrammen für die Innenstadt West und speziell für das Brautwiesenareal gegensteuern. Doch wie sieht es derzeit in dem Stadtteil aus? Die SZ sagt es.

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Vorteile, Nachteile, Lösungen

Vorteil: Ein wachsendes Viertel

Zwischen 1990 und 2013 sah es bei der Bevölkerungsentwicklung nirgendwo gut aus in Görlitz. Insgesamt verlor die Stadt rund 29 Prozent ihrer Einwohner, fiel auf 54300 Bewohner. Peu a peu geht es seither wieder aufwärts bei der Einwohnerzahl. Die Zahlen stammen aus einer dicken Analyse der Stadt zur Innenstadt West. Im Dezember vorigen Jahres lebten in Görlitz insgesamt knapp 56700 Menschen. Auch in der Innenstadt hat es in den vergangenen Jahren ein leichtes Wachstum gegeben, hier leben derzeit rund 16800 Menschen. Einen nicht geringen Anteil beim Zuzug nach Görlitz machen EU-Bürger aus Polen aus. Von 2015 bis 2016 zum Beispiel zogen über 1100 Menschen aus Polen nach Görlitz, 667 von ihnen in die Innenstadt. Ebenfalls 2016 lebten 689 Asylbewerber und Flüchtlinge dezentral in Görlitz. 157 Wohnungen für die dezentrale Unterbringung hatte die Stadt, ein großer Teil davon, 115, sind in der Innenstadt, auch im westlichen Bereich.

Auch in der Innenstadt West sei ein leichter Zuwachs bei der Bevölkerung zu beobachten, steht in der Analyse. Im westlichen Bereich leben ungefähr 7160 Menschen, 43 Prozent der Innenstadtbewohner. Allerdings sei der Zuwachs geringer als in der weiteren Innenstadt. Insgesamt ist der innerstädtische Bereich bei der Bevölkerungsentwicklung aber stabiler als andere Stadtteile.

Vorteil: ein junges Viertel

Die recht stabile Entwicklung habe auch mit dem Zuzug junger Familien zu tun. Insgesamt sieht die Bevölkerungspyramide für die Innenstadt West etwas gesünder aus als die der gesamten Stadt. Der Altersdurchschnitt hat sich in zehn Jahren, zwischen 2006 und 2016, nur leicht erhöht. Von 39,4 auf 39,9 Jahre. Damit ist das Durchschnittsalter auch deutlich geringer als im Vergleich zur Gesamtstadt: In Görlitz sind 17,45 Prozent der Menschen jünger als 20 Jahre und knapp 72 Prozent unter 65. In der Innenstadt sind 23 Prozent jünger als 20 und 83,5 Prozent jünger als 65. Für die Innenstadt West liegen die Zahlen von 2016 vor: 85,8 Prozent sind jünger als 65.

Nachteil: ein armes Viertel

Insgesamt ist die Zahl der Menschen, die Sozialleistungen beziehen, in Görlitz gesunken, von rund 4300 Menschen Ende 2013 auf 3525 Ende vorigen Jahres. Auch in der Innenstadt ist die Arbeitslosenzahl gesunken. Allerdings weniger als im Vergleich zur Gesamtstadt. In Görlitz ist die Zahl in den vier Jahren um 18 Prozent gesunken, in der Innenstadt um 12 Prozent. Und noch immer leben rund 42 Prozent aller Görlitzer, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, in der Innenstadt. Die Stadt nimmt in ihrer Analyse außerdem an, dass bei der Situation in der Innenstadt „ein negatives Gefälle in Richtung Richtung Westen vorzufinden ist.“ Große Sorgen macht sich die Stadt wegen des hohen Anteils junger arbeitsloser Menschen. Bei den 20- bis 25-Jährigen liege die Quote um sieben Prozent höher als im gesamten Görlitzer Schnitt. Auch der Anteil junger Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sei verhältnismäßig hoch in der Innenstadt West. Was dagegen sehr niedrig war, war die Wahlbeteiligung zur jüngsten Bundestagswahl, in der westlichen Innenstadt lag sie nur bei rund 40 Prozent. Die Stadt befürchtet, dass das mit einem gefühlten „Abgehängtsein“ der Bewohner zu tun hat. Die, die wählen gingen, gaben auch häufiger der AfD ihre Stimme als andernorts in der Stadt.

Nachteil: ein Viertel mit Verfall

Als voriges und dieses Jahr zwei Häuser in der westlichen Innenstadt mehr oder weniger zusammenbrachen, hat das auf jeden Fall für Schlagzeilen gesorgt. Und immer wieder muss die Stadt notsichern. Auf der anderen Seite aber gibt es auch Gebäude und Straßenzüge, die in den vergangenen Jahren saniert worden sind. Langfristig betrachtet hat sich die Lage verbessert. In Görlitz sind 73 Prozent der historischen Gebäude saniert, in der Innenstadt 70 Prozent, in der westlichen Innenstadt 67 Prozent. Auch bei der Belegung der Wohnungen zeichnet sich ein leicht positiver Trend ab, aber: Noch immer stehen in der westlichen Innenstadt 38 Prozent der Wohnungen leer.

Lösung: Schule, Park und Arbeit

Mit zwei groß angelegten Projekten ist die Stadt bei zwei europäischen Förderprogrammen vertreten. Bei beiden geht es darum, die Innenstadt-West voranzubringen. Bei dem einen Projekt liegt der Fokus unter anderem auf Bildung, Integration der Menschen in Beschäftigung sowie Förderung und Vernetzung der Sozial- und Kreativwirtschaft im Quartier. Hier beteiligen sich ganz viele unterschiedliche Vereine. Bei dem zweiten Großprojekt geht es ebenfalls um die Innenstadt West, vor allem den Brautwiesenbogen. Viele Teilprojekte sind bereits bekannt: Die Walddorfschule soll beim Güterbahnhof einziehen, ein Stadtteilpark ist in Planung, Ein weiterer wichtiger Punkt ist ein Förderprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen in der Innenstadt West.

Dass es nicht leicht wird, haben erste Erfahrungen gezeigt. „Schwierigkeiten wie Schulden, Arbeitslosigkeit, aber auch Perspektivlosigkeit und Depression führen zu einem teilweisen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben“, heißt es in einem ersten Fazit der Stadt nach einigen Monaten der verstärkten Arbeit in der Innenstadt West. Ein paar wenige Vereine haben sich aus unterschiedlichen Gründen auch bereits wieder zurückgezogen. Aber neue Ideen sind auch schon da.

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