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Corona: "Ihr dürft doch gar nicht einkaufen!"

Ein Herrnhuter Supermarkt wollte zwei Menschen mit Behinderung aus Angst nicht im Haus haben. Eine Kurzschlussreaktion nach den Infektionen im Kemnitzer Heim?

In einem Supermarkt in Herrnhut hatten Kunden und Personal offenbar Sorge, dass Menschen mit Behinderung Corona-positiv sind.
In einem Supermarkt in Herrnhut hatten Kunden und Personal offenbar Sorge, dass Menschen mit Behinderung Corona-positiv sind. © Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

Der Einkauf in einem Herrnhuter Supermarkt endet mit einem Schock: Als die beiden jungen Leute - sie um die 20, er Mitte 30 - an der Kasse stehen, fliegen ihnen harsche Worte um die Ohren: Warum sie überhaupt hier sind, sie dürften doch gar nicht einkaufen kommen - wegen Corona. Das nächste Mal lasse man sie überhaupt nur ein, wenn sie eine schriftliche Bestätigung mitbrächten. Der offensichtliche Grund für diese raue Reaktion: Die jungen Leute leben in einer Wohnstätte der Herrnhuter Diakonie - gelten also platt formuliert als "Behinderte". Und die stehen seit den Corona-Ausbrüchen im Heimen und Werkstätten eines anderen Betreibers im Landkreis offenbar unter Corona- Generalverdacht.

Tatsächlich steht seit den Berichten über Corona-Fälle in Wohnheimen des Diakoniewerkes Oberlausitz in Kemnitz und Oppach sowie in deren Werkstatt in Löbau auch bei Katharina Rinke in Herrnhut das Telefon nicht mehr still: "Ich habe zu diesem Thema in den vergangenen Tagen sehr viele Anrufe bekommen", sagt die Frau, die bei der Herrnhuter Diakonie den Bereich Wohnen verantwortet. Obwohl keine Behinderten-Einrichtung in Herrnhut von Corona betroffen sei, gebe es eine enorme Verunsicherung. Die Spitze aber sei der Vorfall im Supermarkt gewesen. "Die Leute sehen Statistiken von den Fällen im Kreis, hören Schlagworte wie Corona, Wohnheim in Quarantäne und geschlossene Behindertenwerkstatt und ziehen ihre Schlüsse", sagt Frau Rinke. Mitunter  eben auch die falschen.

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Dass inzwischen auch in der Stadt Herrnhut sieben Corona-Infektionen bestätigt sind, die aber nichts mit der Herrnhuter Diakonie und den dort lebenden Behinderten zu tun haben, verschärft die Angst offenbar. Zumal Menschen mit Handicap in Herrnhuts Alltag präsenter sind als anderswo: Viele der rund 100 Bewohner führen ihr Leben sowohl im klassischen Heimzimmer als auch in separaten Wohngruppen sehr selbstständig und gehen allein einkaufen. Und da man sich in Herrnhut eben kenne, wissen die Leute natürlich, wer wo hingehöre, sagt Frau Rinke. "Aber unsere Bewohner halten sich sehr strikt an die Corona-Schutzmaßnahmen, tragen Maske und desinfizieren sich die Hände", betont sie.

Aussprache mit Supermarktpersonal

Das hat ihr auch das Personal des Supermarktes bestätigt, von dem das indirekte Hausverbot ausgesprochen wurde. "Ich bin mit dem Betroffenen in den Markt gegangen und habe mit den Mitarbeitern geredet", erklärt Frau Rinke, die selbst nicht sagen will, in welchem Einkaufsmarkt der Vorfall war. Dabei stellte sich heraus, dass sich das Ladenpersonal offenbar einem diffusen Druck der Kunden ausgesetzt sah, die nach den jüngsten Corona-Schlagzeilen im Kreis nun Menschen mit Behinderung meiden wollten und offenbar glaubten, dass sich auch die Bewohner der Herrnhuter Heime in Quarantäne befinden müssten.

Von den beiden in Herrnhut ansässigen Supermarktketten - Penny und Netto - bestätigte Netto den Vorfall. Auch hier erklärte die Pressestelle, dass ein einvernehmliches Gespräch zwischen der Marktleitung, der betroffenen Mitarbeiterin sowie der Leitung der Pflegeeinrichtung stattgefunden habe. "Zu keinem Zeitpunkt wurden die beiden Kunden der Filiale verwiesen und können selbstverständlich weiter bei uns einkaufen", betont Sprecherin Christina Stylianou. Netto lege großen Wert auf Wertschätzung, Fairness, Respekt und ein faires Miteinander und lehne Diskriminierung jeder Art ausdrücklich ab.

Vielzahl der Behinderteneinrichtungen verwirrt

Dass der Vorfall Ausdruck einer generell schwelenden Ablehnung gegenüber Menschen mit Behinderung ist, glaubt Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) nicht. "Ich denke, es war eine Kurzschlussreaktion", sagt er. Es habe sich herumgesprochen, dass eine Behindertenwerkstatt geschlossen worden war und dann tauchten in der Auflistung des Landkreises Fälle in Herrnhut auf. Dass es sich dabei vermutlich um Mitarbeiter der betroffenen Einrichtung in Kemnitz handelt, die in Herrnhuter Ortsteilen wohnen und die betroffene Werkstatt die eines anderen Trägers in Löbau und nicht die Herrnhuter war, sei vielen sicher nicht so präsent gewesen.

Das alles genau zuzuordnen, ist für Außenstehende kaum möglich, schätzt auch Riecke ein. In der Tat arbeiten in der Löbauer Werkstatt nach Angaben von Frau Rinke lediglich drei Herrnhuter Diakonie-Bewohner. Und die seien entweder im Urlaub gewesen oder hätten ein negatives Testergebnis. Dass die Herrnhuter Diakonie mit einer solchen Situation fahrlässig umgeht, kann sich Bürgermeister Riecke auch nicht vorstellen: "In einer solchen Einrichtung wäre das ein Megagau!" 

Katharina Rinke hat nach der auch aus ihrer Sicht sehr einvernehmlichen Aussprache im Supermarkt zwar Verständnis für die Zwickmühle der Supermarkt-Mitarbeiter. Doch, auch wenn nun alles geklärt ist und es keine Zettel-Pflicht für die Diakonie-Bewohner gibt, ist sie schockiert, wie schnell Pauschalisierungen, mangelhafte Informationen und Vorurteile zu Diskriminierung Behinderter führen. Gerade in Herrnhut, wo es viel alltäglicher ist, Menschen mit Handicap zu treffen, sei das bitter. Eine Corona-Infektion könne jeden treffen, sagt sie, aber natürlich breite sie sich, gerade auch wenn sie unentdeckt bleibt, in Wohnheimen schneller aus. "Sollte in unseren Einrichtungen eine Quarantäne nötig sein, werden wir aber selbstverständlich sicherstellen, dass niemand der Betroffenen einfach so einkaufen geht", betont die Wohnstätten-Leiterin.

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