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Bei Blaulicht sieht er Rot

Ein Weinböhlaer will Spaß haben beim Weinfest. Auf Kosten der Polizei. Die reagiert ziemlich humorlos.

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Von Jürgen Müller

Dieser letzte Augusttag des Jahres 2013 ist gerade mal drei Stunden alt, als beim Weinfest in Weinböhla in der Disco die Regler abgedreht werden. Etliche vorwiegend junge Leute strömen auf die Straße. In diesem Moment fährt ein Polizeikonvoi durch die Kleinstadt. Die Polizisten – ein ganzer Zug - waren zum Weinfest eingeteilt und sind jetzt auf dem Nachhauseweg. Doch für einen Teil der Jugendlichen, die sehr tief ins Glas geschaut haben, ist allein die Anwesenheit der Polizisten eine Provokation. Es fallen beleidigende Worte wie „Drecksjuden“. Doch die Polizisten lassen sich nicht provozieren. Sie sind Beleidigungen gewöhnt. Und der Feierabend nach einer langen Schicht ist ihnen lieber als eine Anzeige wegen Beleidigung. Das ist schließlich ein Antragsdelikt, muss nicht von Amtswegen verfolgt werden, sondern nur auf Antrag. Doch die Situation wird eine andere, als ein damals 20-jähriger Weinböhlaer gegen ein Polizeiauto tritt. Wegen des vielen Blaulichts sieht er Rot. Als die Beamten seine Personalien feststellen wollen, haut der ab. Dabei soll er mit angezogenem linken Knie auf einen Polizisten gesprungen sein und versucht haben, mit der Faust auszuholen. Der Polizist kann dem Schlag ausweichen, der Mann fliehen. Als er über einen Holzzaun springen will, kann er gefasst und festgenommen werden.

Aus Sicht des Angeklagten hat sich alles ganz anders zugetragen. Er regt sich schon auf, dass überhaupt Polizei in Weinböhla ist. „Was hatten die dort zu suchen, es war nichts passiert, wir waren alle sehr friedlich“, sagt er. Ja, er habe provoziert, sei vor dem Polizeiauto ganz langsam über die Straße gelaufen. Plötzlich habe er von einem Polizisten aus dem Auto heraus eine Ohrfeige gefangen. „Ich war geschockt und habe gefragt, was das soll“, sagt er. Dann habe irgendjemand, aber nicht er, gegen das Polizeiauto getreten. Als Polizisten auf ihn zukamen, habe er Angst und Panik bekommen, sei abgehauen. „Ich bin einfach losgerannt, wollte mich der Kontrolle entziehen. Die Polizisten waren nicht zimperlich, haben mich mit Kabelbinder gefesselt und über die Straße geschleift“, jammert er. Er sei nicht kooperativ gewesen, aber geschlagen habe er nicht. Der Polizeieinsatz, jedenfalls die Festnahme, wurde gefilmt. Und darauf sind keine Misshandlungen durch die Polizisten zu sehen, wie der Angeklagte behauptet.

Einer seiner Kumpel will ihn decken. Für ihn ist das als Zeuge eine ganz neue Rolle, sonst sitzt er der Richterin immer auf der Anklagebank gegenüber. Er will nur gesehen haben, dass der Angeklagte geflüchtet ist. Bei der Polizei hatte er noch ausgesagt, dass der Mann geschlagen habe. Davon will er heute nichts mehr wissen. „Das habe ich definitiv nicht gesagt“, behauptet er. Auch ein weiterer Zeuge leidet an akutem Gedächtnisverlust. Den hatte er auch schon bei der Polizei. „Ich war sehr betrunken“, sagt er. Stocknüchtern hingegen waren die Polizisten. Entsprechend präzise sind ihre Angaben. „Für uns war der Einsatz vorbei, wir waren auf dem Nachhauseweg, haben uns auch von Beleidigungen nicht provozieren lassen“, sagt ein Beamter, der von „erlebnisorientierten Jugendlichen“ spricht, die da auf der Straße pöbelten. Doch nach dem Schlag oder Tritt gegen das Auto ist es mit der Gelassenheit vorbei. „Wir mussten schon wegen möglicher Schadenersatzansprüche die Personalien feststellen“, sagt ein Polizist, der den Angeklagten eindeutig identifiziert.

Bevor das Video abgespielt wird, macht das Gericht eine Pause. Danach gibt der Angeklagte eine Erklärung ab. „Ja, ich habe Widerstand gegen die Polizisten geleistet, es tut mir leid“, sagt er knapp.

Die Staatsanwältin hat trotz des Geständnisses Zweifel, ob er die richtigen Lehren aus der Tat gezogen hat. Normalerweise müsste der Angeklagte, der Realschule- und Berufsabschluss sowie eine Arbeit hat, mit seinen 22 Jahren nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden, sagt sie. Allerdings sei es eine „jugendtypische Tat“, deshalb könne auch Jugendstrafrecht angewendet werden. Die Richterin verurteilt den Weinböhlaer nach dem milden Jugendstrafrecht. Er wird schuldig gesprochen und muss lediglich eine Geldauflage von 600 Euro zahlen.