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Bei unsern Nachbarn ist es noch heißer

Hitzewelle in Deutschland? Da können Großstadtbewohner in Südeuropa  nur müde lächeln. Unsere Korrespondenten berichten, wie sie es bei 40 Grad aushalten.

Paris erwartet wieder Temperaturen von bis zu 42 Grad. Da wird der Liegestuhl an der Seine schon mal dem Stadtspaziergang vorgezogen.
Paris erwartet wieder Temperaturen von bis zu 42 Grad. Da wird der Liegestuhl an der Seine schon mal dem Stadtspaziergang vorgezogen. © Xinhua/dpa

Besorgte Anrufe aus dem Rathaus

Wenn die Temperaturen in Paris steigen, und das tun sie in dieser Woche auf über 40 Grad, laufen auch die Telefone heiß: Im Rathaus sind rund ein Dutzend Ehrenamtliche damit beschäftigt, Hunderte Nummern anzurufen. Sie gehören überwiegend alleinstehenden Senioren, die meist von ihren Angehörigen in einer Liste eingetragen wurden, weil die aktuelle Hitzewelle ihnen besonders zusetzen könnte.

Ob alles in Ordnung sei und ob sie ausreichend trinken und essen, werden sie gefragt. Wenn keiner den Hörer abnimmt, kommen Sozialarbeiter vorbei. Zu Maßnahmen wie diesen greifen mehrere französische Städte, um einer Katastrophe wie 2003 vorzubeugen. Angesichts von Rekordtemperaturen, der Überforderung von Behörden und Krankenhäusern starben innerhalb von drei Wochen fast 20 000 Menschen in Paris. Nun stellt die französische Metropole kühle Räume zur Verfügung, lässt Wasserflaschen verteilen und Trinkfontänen aufstellen. Für Autos, die strengen Umweltkriterien nicht entsprechen, gelten Fahrverbote – eine unbeliebte Maßnahme, die aber die Luft so erträglich wie möglich halten soll.

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Willenlos im Hitzesee

Hitzewellen sind was für Deutsche. Wellen türmen sich auf und ebben wieder ab. Hier ebbt die Hitze nicht ab. Die Madrider Hitze ist ein See, der langsam vollläuft. Entrinnen gibt es nur in den Bergen. „Ich bin am Wochenende in Cercedilla“, sagte mir meine Kollegin Sandra. Cercedilla liegt auf 1 200 Metern Höhe und hat ein Waldschwimmbad. Ich aber blieb in Madrid.

Die erste Regel ist: Nicht das Haus verlassen. Fenster zu, Rollläden runter. Zum Mittagessen Salat oder Gazpacho. Bloß nicht kochen, das heizt nur die Wohnung auf. Wer hat bei diesen Temperaturen schon Hunger? Nicht bewegen und viel trinken. Ein paar Stunden geht das gut. Irgendwann am Nachmittag schläft man ein. So kam die Siesta nach Spanien.

Gegen zehn Uhr abends machen wir die Fenster auf. „So geht jedenfalls eine Brise durchs Haus“, sagt Rosa, meine Frau. Es ist eine Heizlüfterbrise. Wir schlafen bei offenem Fenster, da hört man, was die Nachbarn tun. Meistens gucken sie lange fern, weil man sowieso nicht schlafen kann. Morgens um sieben sind es endlich frische 23 Grad. Bald darauf schließen wir die Fenster, damit sich etwas von der Kühle in den Räumen hält.

Man kann natürlich trotzdem rausgehen. Das tun hauptsächlich die Touristen. Jetzt im Sommer findet man nicht nur freie Parkplätze, sondern auch freie Tische in den Straßencafés. Nur Touristen halten die Hitze und die rumänischen Straßenmusikanten aus. Die Madrider sind drinnen im Lokal, wo die Klimaanlage etwas zu kühl eingestellt ist. Oder im Museum oder im Kino. Frühestens um Mitternacht setzen wir uns auf die Straße, bei angenehmen 30 Grad.

Die Steine der Stadt haben sich mit Hitze vollgesogen, und wir ergeben uns. Vielleicht sollte ich im Schlafzimmer einen dieser trägen Deckenventilatoren installieren lassen. Von denen hört man hier Wunderdinge. Bis wir einen haben, lassen wir uns willenlos durch den Hitzesee treiben.

Grüne Helfer vom nahen Land

Morgens etwas früher auf – und abends später raus: Wie überall im Süden Europas ist ein angepasster Tagesablauf auch in den aufgeheizten Asphaltschluchten von Serbiens Hauptstadt Belgrad die beste Überlebenstechnik in der Sommerhitze.

Nur weißbeinige Kurzhosenträger aus dem Norden und die eher betagten Passagiere anlandender Donaukreuzfahrtschiffe machen sich in der sengenden Sonne schwitzend zu Touristenzielen wie der Kalemegdan-Festung oder dem Nikola-Tesla-Museum auf. Heimische Erfahrungsexperten setzen hingegen zur heißesten Zeit des Tages am liebsten auf möglichst wenig Bewegung, schattige Terrassen, abgedunkelte Wohnfluchten und die unablässig brummenden und tropfenden Klimaanlagen: In sehr heißen Sommern übertreffen die Stromrechnungen für Juli und August selbst die der Wintermonate. Zu nah rücken die Passanten, die mittags matt durch die kurzen Schatten der Belgrader Betonburgen schleichen, den Häuserwänden wohlweislich allerdings auch nicht: Als brühwarmer Hitzeregen träufelt schlecht abgeführtes Kondenswasser der Klima-Anlagen auf Köpfe und in Kragen. Erst beim Einsetzen der Dämmerung gehen zum Auskühlen die Fenster auf.

Nur die Kindergärten arbeiten durch. Die Schulen bleiben hingegen sehr lange geschlossen: Die Hitze kombiniert mit den zehnwöchigen Ferien ist auch für improvisationserprobte Familien eine logistische Herausforderung.

Die Strände des aufgeheizten Flussteichs an der Ada sind wie die Freibäder überfüllt, aber für weniger hitzeresistente Belgrader ohnehin keine Lösung: Im Hochsommer ist es vielen für einen Badeausflug schlicht und einfach zu heiß.

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