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„Bei sechs Euro ist Schluss“

Sachsens Wohnungsgenossenschaften schlagen Alarm: Weil die Quadratmeterpreise steigen, können sich nur noch Reiche das Wohnen im Neubau leisten. Warum das so ist und wohin das führt.

© dpa

Thilo Alexe

Die Frage birgt Brisanz. Wird das Wohnen in Sachsen unbezahlbar? Die so betitelte Analyse des Verbandes sächsischer Wohnungsgenossenschaften zieht ein alarmierendes Fazit. „Das Wohnen wird teurer in allen Bereichen“, heißt es in dem gestern vorgestellten Papier. Es benennt auf 35 Seiten Preistreiber und fordert von der Politik ein Umsteuern.

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Was macht das Wohnen so teuer?

Die Erkenntnis mag wenig überraschen, die zugrunde liegenden Zahlen dagegen schon: Die Kosten für Energie und Heizen sind seit dem Jahr 2000 um teils mehr als 100 Prozent gestiegen. Die Verbraucherpreise für Gas und Heizöl kletterten in Deutschland bis 2012 um 117 Prozent, so stark wie auch die für Fernwärme. Der Strompreis erhöhte sich um 79 Prozent. Im Vergleich dazu erscheinen die Steigerungen bei den regional sehr unterschiedlichen Kosten für Wasser, Müllabfuhr und andere Dienstleistungen gering. Sie betrugen im Vergleichszeitraum 19 Prozent.

Wie wirken sich die Baukosten auf Mieten aus?

Wer heute in Sachsen baut, muss mehr als noch im Jahr 2010 dafür bezahlen. Um mehr als drei Prozent haben sich Kosten für die Errichtung eines neuen Wohngebäudes verteuert. Ein bundesweiter Langzeitvergleich liefert noch höhere Steigerungsraten. Preisverschärfend wirken sich Kosten für den Klimaschutz – etwa für verbesserte Wärmedämmung – aus. Die aktualisierte Energieeinsparverordnung führt nach Berechnungen der Genossenschaften zu einer Steigerung bei Neubaumieten auf mehr als zehn Euro je Quadratmeter. „Das ist eine Schallmauer“, sagt der Vorstand des sächsischen Genossenschaftsverbandes, Axel Viehweger. „Das ist Neubau nur noch für Reiche.“

Was kann sich der durchschnittliche Sachse überhaupt leisten?

Die Genossenschaften liefern eine interessante Musterrechnung. Das Haushaltsnettoeinkommen in Sachsen, Daten dazu wurden vom statistischen Landesamt zuletzt 2008 veröffentlicht, liegt bei 2 255 Euro. Diese Summe steht einem durchschnittlichen Haushalt im Freistaat nach Abzug von Steuern und anderen Abgaben pro Monat zur Verfügung. Das setzt die Rechnung in Beziehung zu privaten Konsumausgaben von rund 1.800 Euro pro Monat, in denen der Anteil für Wohnen und Energie bereits enthalten ist. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Wohnungsgröße von 61,5 Quadratmetern kommt der Genossenschaftsverband zu dem Schluss: „Die Nettokaltmiete, welche ein durchschnittlicher Haushalt in Sachsen maximal leisten kann, beträgt 5,95 Euro pro Quadratmeter.“ Oder wie es Vorstand Viehweger zusammenfasst: „Bei sechs Euro ist Schluss.“

Was sind die Konsequenzen aus dieser Musterrechnung?

Wer zur Miete wohnt, kann sich glücklich schätzen. Wer gerade eine Mietwohnung sucht, eher nicht. „Die, die in einer Wohnung wohnen, können drei Kreuzchen machen“, sagt Viehweger. In seinem Verband, der mit einem Bestand von mehr als 283.000 Wohnungen der größte genossenschaftliche in Deutschland ist, liegt die durchschnittliche Nettokaltmiete bei 4,55 Euro. Im Sachsenschnitt ist sie vermutlich höher. Allerdings liegt sie, hier fehlen exakte Angaben, wohl auch unter der von Viehweger genannten Schmerzgrenze von sechs Euro. Das ist die gute Nachricht und bedeutet: Es gibt Spielraum für Investitionen. Die Kalkulation, und das ist die schlechte Nachricht, gilt aber nicht für Neubauten. „Miete im Neubau kann sich der Durchschnitt der Bevölkerung in Sachsen nicht leisten.“ Wer die dafür errechneten Quadratmetermieten von mehr als zehn Euro bezahlen will, benötigt ein Haushaltsnettoeinkommen von 3.200 Euro. Das sind pro Monat fast 1.000 Euro mehr, als der Durchschnittshaushalt im Freistaat zur Verfügung hat.

Wie kann diese Entwicklung gebremst werden?

Die Genossenschaften fordern von der Politik flexiblere Vorgaben. Warum, fragt Viehweger, muss sinnvolle Wärmedämmung überall in Deutschland mindestens 25 Zentimeter dick sein? „Auch dort, wo die Sonne häufig scheint.“ Statt aus jedem Haus ein Passivhaus machen zu wollen, sollten beim Klimaschutz Quartiere und Regionen betrachtet werden.