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„Bei uns sitzt der Arzt neben der Sekretärin“

Der Görlitzer Volkshochschulleiter Maik Gloge über das Jubiläum seiner Einrichtung und wie ihr Prinzip nach 100 Jahren noch funktioniert.

© Jens Trenkler

Von Sebastian Beutler

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Die Görlitzer Volkshochschule steht vor einem großen Jubiläum: Seit 100 Jahren besteht sie. Damit war die Stadt damals ein Vorreiter. Das Jubiläum feiert die Volkshochschule das ganze Jahr über. Was es für die Einrichtung bedeutet und wer alles nach Görlitz kommt, sagt vor dem neuen Semester Maik Gloge, Leiter der Görlitzer Volkshochschule, im SZ-Interview

Herr Gloge, laut Wikipedia ist die Würzburger Volkshochschule im November 1918 die erste in Deutschland gewesen. Jetzt kommen Sie und sagen, die Görlitzer Volkshochschule hat im Herbst 1918 ihren Betrieb aufgenommen. Wie kommen Sie darauf?

Tatsächlich hat der Görlitzer Magistrat bereits im Frühjahr 1918 die Einrichtung einer Volkshochschule beschlossen, im Herbst desselben Jahres eröffnete sie ihr erstes Semester. Insofern liegen wir vor der Würzburger Einrichtung. Ob die Angabe im Internet aber stimmt, muss eh bezweifelt werden. Die Grimmaer Volkshochschule hat schon 2010 ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Tatsächlich aber wurden Volkshochschulen nach dem Ersten Weltkrieg in vielen deutschen Städten gegründet. Sie sollten breite Bevölkerungsschichten besser bilden. Ist das immer noch das Ziel?

Wir fühlen uns dem Gründungsgedanken der Volkshochschulen unverändert verpflichtet. In Görlitz entstand die Einrichtung – ähnlich wie in Dresden – durch den Wunsch aus der Bürgerschaft heraus, in anderen Städten wie zum Beispiel in Leipzig gab die Arbeiterbewegung den Impuls zur Gründung. Damals spielte die soziale Herkunft eine viel größere Rolle als heute. Gerade bei der höheren Bildung: Universitäten waren den großbürgerlichen Kreisen vorbehalten, lange Zeit ja auch den Männern. Das änderte sich langsam. Es blieb aber die Frage der finanziellen Möglichkeiten. So sollte durch die Volkshochschulen Universitätswissen für die Arbeiter und Angestellten, durchaus auch für bürgerliche Kreise, übersetzt werden.

Und was bedeutet das heute für Ihre Arbeit?

Natürlich sollen unsere Kurse und Angebote eine hohe Qualität haben, das gehört zu unserem Anspruch und zur Professionalisierung der Arbeit der Volkshochschulen. Zugleich aber ist uns wichtig, dass Geldgründe keine Rolle spielen, wenn es um den Besuch der Volkshochschule geht. Trotz der steigenden Kosten und der sinkenden öffentlichen Zuschüsse versuchen wir, die Vielfalt des Angebotes aufrecht zu erhalten. Wenn wir mit einem Kurs Geld verdienen, dann subventionieren wir damit einen anderen. So bleibt das Bild eines finanziell niedrigschwelligen Angebotes erhalten.

Wen erreichen Sie vornehmlich mit Ihren Angeboten?

Es ist die Bevölkerungsmitte. Deshalb bin ich auch so froh, dass es sie in Görlitz gibt und nach meiner Einschätzung auch nicht kleiner wird. Bei uns sitzt nach wie vor der Arzt im Sprachkurs neben dem Mittelständler und der Sekretärin. Standesdenken gibt es bei uns nicht. Anders hätten wir auch seit 2010 die Teilnehmerzahl nicht auf über 9 000 verdreifachen können.

Die Arbeitswelt verändert sich. Viele Beschäftigte fühlen sich nach einem Arbeitstag ausgepowert und klagen über wenig Zeit. Funktioniert in solchen Zeiten das Prinzip Volkshochschule denn noch, setzen sich die Menschen noch abends in die Kurse, um eine Sprache zu erlernen?

Wir haben ja viele Angebote. Die Gesundheitsvorsorge, die Prävention, aber auch die Sprachkurse bilden aus meiner Sicht einen Gegenpol zum beruflichen Alltag und auch eine Möglichkeit, zum Abschalten. Bei Yoga oder Pilates ist das naheliegend und wird jedem sicher einleuchten. Aber auch das Erlernen einer Sprache ist eine ganz sinnvolle Freizeitbeschäftigung, die zu einer Balance im Leben führen kann. Wenn man sich auf den Urlaub freut, die Sprache des Landes vorab lernt und dabei auch etwas über das Leben in dem Land erfährt, dann bereichert das einen ungemein. Und dann tritt noch ein sozialer Aspekt hinzu: Wenn ich in einer Gruppe eine Sprache erlerne, dann fällt es umso schwerer, den Kurs abzubrechen, weil man ganz schnelle Verbindungen zu den anderen Kursteilnehmern aufbaut. Das habe ich selbst erlebt. Es fiel mir unglaublich schwer, einen Englisch-Kurs am Abend abzubrechen, weil ich zu wenig Zeit hatte. Diesen zeitlichen Druck spüren wir immer. Das Lernen in der Gruppe kann in dem Moment eine zusätzliche Motivation zum Durchhalten sein. Das macht auch die Volkshochschul-Familie aus. Diesen Gedanken versuchen wir, in Görlitz zu leben.

Nun feiern Sie das Jubiläum. Wie machen Sie das?

Wir haben verschiedene Veranstaltungen über das ganze Jahr aus diesem Anlass organisiert. Höhepunkt wird sicher der Auftritt von Joey Kelly sein, der Marathons, Ultramarathons und Wüstenläufe absolviert hat, und am 1. Juni in der Jahnsporthalle berichten wird, wie er seine Ziele erreicht. Am 17. März begrüßen wir den Journalisten Uwe Krüger, der ein Buch über die Glaubwürdigkeit von Medien geschrieben hat. Und im Herbst soll es dann eine Festveranstaltung geben, auch wird die Mitgliederversammlung der sächsischen Volkshochschulen in Görlitz stattfinden. Und wer das ganze Jahr verschiedene Dinge ausprobieren will, dem sei unsere vhs-Card empfohlen. Die gab es zwar auch schon in den vergangenen Semestern und wurde durchschnittlich von 40 bis 60 Interessenten angenommen. Doch im Jubiläumsjahr haben wir sie erneuert. Sie gilt jetzt ein Jahr lang und kostet 20 Euro. Konnte man bislang in jedem Semester an 25 Schnupper-Veranstaltungen teilnehmen, so sind es allein in diesem Semester bereits 35. Viele weitere in der zweiten Hälfte dieses Jahres werden folgen, die mit derselben Karte besucht werden können. Und dann gilt diese vhs-Card bei unseren Kooperationspartnern auch noch einmal für einen freien Eintritt, also im Neiße-Bad, bei Senckenberg oder im Kulturhistorischen Museum und in der Stadtbibliothek. Ich denke, das ist ein sehr attraktives Angebot.

Es gab immer wieder Überlegungen, die Volkshochschule von der Langenstraße zu verlegen, weil das Gebäude schrittweise saniert, vor allem der Brandschutz erhöht werden muss. Was ist aus diesen Ideen geworden?

Wir verfolgen sie nicht weiter. Ich finde, das Schulhaus hier in der Langenstraße liegt so günstig für alle, dass es für uns sehr geeignet ist. Eine Feuerschutztreppe als zweiten Fluchtweg haben wir gerade angebaut, eine Brandschutztür im Parterre wird folgen. Ob der zweite Fluchtweg die endgültige Lösung sein wird, müssen wir abwarten. Es gibt auch Ideen, dieses Problem über den Ausbau des Innenhofes zu lösen. Aber das wird die Zukunft zeigen.