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Beim Winzerfest in Diesbar hat’s gefunkt

Der damals 23-jährige Rudolf Seidel war wirklich kein Kavalier der alten Schule. Aber hartnäckig. „Wir haben uns beim Winzerfest in Diesbar-Seußlitz getroffen. Ich habe sie natürlich nicht nach Hause nach Meißen begleitet“, erinnert sich der heute 90-jährige Riesaer.

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Von Constanze Matthes

Der damals 23-jährige Rudolf Seidel war wirklich kein Kavalier der alten Schule. Aber hartnäckig. „Wir haben uns beim Winzerfest in Diesbar-Seußlitz getroffen. Ich habe sie natürlich nicht nach Hause nach Meißen begleitet“, erinnert sich der heute 90-jährige Riesaer. Aber die langen blonden Haare von Gertrud haben es ihm so angetan, dass er am nächsten Tag nach Meißen fährt. Und wie es Amor und die zahlreichen Schicksalsgöttinnen wollen: Er trifft sie wieder. Im Kino, wozu ihn ein Freund erst überreden musste. Das war 1936. Zwei Jahre später trauen sie sich am 15. Oktober, einander das Jawort zu geben. Heute sind Gertrud und Rudolf immer noch ein Paar und feiern ihre eiserne Hochzeit. „Sie gefiel mir von Anfang an“, sagt er und war sich sicher, dass diese Beziehung für ein Leben bestimmt ist. „Die Liebe ist mit der Zeit gewachsen“, versichert sie wiederum und hätte niemals geglaubt, dass ihre Partnerschaft so lange hält.

Wie bei jeder Ehe haben der Schweißer und die Steingutmalerin viel durchgemacht. „Der Krieg“, braucht die heutige 83-jährige Gertrud Seidel nur zu sagen, und ihr Mann fängt an, mit dem Kopf zu nicken. Ein Zeichen der Erinnerung. An die Jahre in Frankreich, Italien und die russische Kriegsgefangenschaft in der damaligen Tschechoslowakei. 1947 kehrte Rudolf Seidel endlich heim. „Das waren schlimme Jahre. Unsere Jugend war weg. Und die kann uns keiner mehr zurückgeben“, sagt die Rentnerin.

Dabei haben sich beide die Lebensfrische bis heute erhalten können. Vor allem die drei Kinder, sechs Enkel und neun Urenkel halten sie auf Trab. „Wir genießen unser Leben gerade durch unsere Kinder und Enkel. Wir freuen uns immer, sie wiederzusehen“, erzählt Gertrud Seidel und zeigt auf zahlreiche Fotos, die an der Wand in ihrer Stube hängen. Und da die Kinder über mehrere Bundesländer verstreut sind, werden die einzelnen Familienmitglieder abwechselnd besucht.

Am kommenden Sonnabend allerdings hat das eiserne Paar bei sich ein volles Haus in der Riesaer Delle. Denn dann wird richtig gefeiert. „Mit dem Stahl-Max machen wir noch eine Fahrt“, erzählt die 83-Jährige. Allerdings nur durch die Innenstadt von Riesa und nicht durch Diesbar-Seußlitz. „Wo unser Unglück anfing“, scherzt Gertrud Seidel und schmunzelt über das ganze Gesicht.