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Bekacktes Klavier erklingt wieder in Leisnig

Im ehemaligen Bahnhof passiert Unglaubliches. Davon können sich Vereine am Freitag und alle weiteren Neugierigen am 12. und 13. September überzeugen.

Ofer Löwinger hat den Flügel gereinigt und gestimmt. Das Instrument hat für die neuen Bahnhofsbesitzer Symbolcharakter.
Ofer Löwinger hat den Flügel gereinigt und gestimmt. Das Instrument hat für die neuen Bahnhofsbesitzer Symbolcharakter. © Dietmar Thomas

Leisnig. Sowohl die Aktion damals als auch die jetzige hat eines hervorgerufen: Kopfschütteln. Zunächst aus Ekel und nun vor Staunen. 

Es geht um den Flügel im ehemaligen Bahnhof in Leisnig. Auf den hatten Unbekannte bei einem Einbruch im April 2017 im wahrsten Sinn des Wortes geschissen. Dem damaligen Eigentümer Erwin Feurer fehlten die Worte – aber nicht lange. Er versuchte, daraus eine Kunstaktion zu machen. 

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Doch Kunst ist wohl eher das, was Ofer Löwinger in den vergangenen Tagen mit dem Flügel angestellt hat.Der aus Israel stammende Maschinenbauingenieur, der zu der neuen Eigentümergemeinschaft des Bahnhofsgebäudes in Leisnig gehört, hat sich hingesetzt und das völlig verstimmte Instrument wieder zum Klingen gebracht. 

„Für Konzerte würde ich den Flügel nicht einsetzen“, gibt er danach zwar zu. Aber für den Hausgebrauch genüge er allemal – und auch für die kleinen Kulturprogramme, die Besucher vor allem am 12. September im Bahnhof erleben sollen.

Als Löwinger und seine Musikerfreunde den völlig heruntergekommen Flügel gesehen haben, hätte ihnen sozusagen das Herz geblutet. Beim Anschlagen einzelner Tasten seien dann zwar noch Töne zu hören gewesen. Aber daran, wirklich Stücke darauf zu spielen, hätte niemand gedacht, sagt auch Kathryn Döhner, Geigenlehrerin und ebenfalls Besitzerin des Bahnhofes.

Flügel als Symbol: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Dass sich Löwinger nach einer entsprechenden Reinigung des Instrumentes mit Stimmwerkzeug an den Flügel gesetzt hat, ist zwei Jungs zu verdanken. Die zehn und 14 Jahre alten Brüder sind mittlerweile regelmäßig Gast im Bahnhof. Der ältere setzte sich gleich beim ersten Besuch ans Klavier und spielte intuitiv. „Da merkte ich: Da ist noch was möglich“, sagt Löwinger.

Nun wollen er und seine Mitstreiter den Flügel in jedem Fall auch als Symbol im Kulturbahnhof Leisnig stehen lassen. „Es zeigt: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“, findet Kathryn Döhner.

Beim Aufräumen im Bahnhofsgebäude fallen jede Menge Dreck und alte Baumaterialen an, die entsorgt werden müssen. Dazu gehören die Bretterverschläge an den Fenstern. Wenigstens die im Erdgeschoss sollen bis zum Tag der offenen Tür neu verglast sein. 
Beim Aufräumen im Bahnhofsgebäude fallen jede Menge Dreck und alte Baumaterialen an, die entsorgt werden müssen. Dazu gehören die Bretterverschläge an den Fenstern. Wenigstens die im Erdgeschoss sollen bis zum Tag der offenen Tür neu verglast sein.  © Dietmar Thomas
Immer wieder schauen Passanten zufällig oder Neugierige gezielt im Bahnhofsgebäude vorbei. Bisweilen haben die Besucher auch vier Pfoten.
Immer wieder schauen Passanten zufällig oder Neugierige gezielt im Bahnhofsgebäude vorbei. Bisweilen haben die Besucher auch vier Pfoten. © Dietmar Thomas
Das Fürstenzimmer nennen die neuen Eigentümer und Helfer diesen Raum. Vor allem deshalb, weil die Tafel lang ist, an der diejenigen beköstigt werden, die mit anpacken.
Das Fürstenzimmer nennen die neuen Eigentümer und Helfer diesen Raum. Vor allem deshalb, weil die Tafel lang ist, an der diejenigen beköstigt werden, die mit anpacken. © Dietmar Thomas
Nun steht auch draußen dran, was sich drinnen entwickeln soll: viel Kultur. Aber auch Gewerbe ist gern gesehen. Vereine können sich einbringen. Gastronomie ist willkommen.
Nun steht auch draußen dran, was sich drinnen entwickeln soll: viel Kultur. Aber auch Gewerbe ist gern gesehen. Vereine können sich einbringen. Gastronomie ist willkommen. © Dietmar Thomas
Außer Naturalien wie Salate, Kartoffeln und Zwiebeln bekommen die neuen Bahnhofsbesitzer auch Mobiliar wie Stühle, Tische, Lampen und Teppiche geschenkt.
Außer Naturalien wie Salate, Kartoffeln und Zwiebeln bekommen die neuen Bahnhofsbesitzer auch Mobiliar wie Stühle, Tische, Lampen und Teppiche geschenkt. © Dietmar Thomas

Sie ist nach wie vor begeistert von der Hilfsbereitschaft der Leisniger. Die hält ungebrochen an. Inzwischen haben Handwerker angeboten, das kaputte Geländer im Treppenhaus zu reparieren. Das löchrige Dach ist teilweise geflickt. 

Und es gibt eine Stromversorgung, die die vielen Verlängerungskabel im gesamten Haus aushält. Denn überall gibt es etwas zu saugen oder zu bohren oder abzuschleifen. Um das Handwerkszeug im Blick zu haben, hat einer der Helfer eine größere und damit übersichtlichere Werkstatt eingerichtet.

Sorgen bereitet noch die Entwässerung, wahrscheinlich des Vorplatzes. Bei Regen drückt es Wasser in die Keller des Bahnhofsgebäudes. Dafür muss eine Lösung gefunden werden. 

Helfer kommen mittlerweile aus aller Welt

Kleinere Problem werden meist gemeinschaftlich aus den Weg geräumt. „Das ist das Schöne an so einer großen Runde“, schwärmt Kathryn Döhner. 

Irgendeiner hatte immer eine Idee oder kann etwas, was uns weiterhilft“, sagt sie und erzählt von Handwerkern, die nach Feierabend vorbeikommen, um noch eine Stunde anzupacken oder von Geigenschülern, die extra aus Tübingen angereist sind.

Jacinta Pereira gehört zu den vielen, mittlerweile sogar internationalen Helfern im Kulturbahnhof. Die 30 Jahre alte Kirchenmusikerin lebt und arbeitet jetzt in Crailsheim, stammt eigentlich aus Portugal.
Jacinta Pereira gehört zu den vielen, mittlerweile sogar internationalen Helfern im Kulturbahnhof. Die 30 Jahre alte Kirchenmusikerin lebt und arbeitet jetzt in Crailsheim, stammt eigentlich aus Portugal. © Dietmar Thomas

Mittlerweile ist der Helferkreis international. Jacinta Pereira zum Beispiel kommt aus Portugal. Die 30-Jährige hat in Deutschland Kirchenmusik studiert und arbeitet seit Anfang 2019 in der Kirchgemeinde von Crailsheim.

Kennengelernt hat sie Kathryn Döhner über ein von ihr geleitetes Musikprojekt. „Da sind Musiker aus aller Welt zusammengekommen. Jeder hat ein Musikstück vorgestellt, das alle anderen auf ihren Instrumenten gelernt haben. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke oder wir jetzt wieder ein solches Lied spielen“, erzählt Jacinta Pereira.

Zugbegleiter oder Spaziergänger: Zuhören darf jeder

Als ihr die neuen Bahnhofseigentümer von ihrem Kauf berichtet haben, sei sie völlig überrascht, aber auch neugierig gewesen. Keine Frage, dass sie zum Helfen nach Leisnig aufgebrochen sei. 

Das Objekt gefalle ihr prima, aber auch, dass nach dem gemeinsamen Arbeiten das gemeinsame Musizieren nicht zu kurz kommt. Sie glaubt, dass der Kulturbahnhof eine Bereicherung für die Region wird. „Kathryn und die anderen können Leute wundervoll begeistern und mitreißen“, so die Erfahrung der Portugiesin. 

Sie will weiter mithelfen, später dann aber auch beim Tag der offenen Tür und bei den ersten Musikprojekten im Bahnhof Leisnig dabei sein.Applaus von Zugführern und Bahnreisenden gibt es jetzt manchmal schon. Denn nicht selten wird abends im Garten musiziert. Mithören darf jeder.

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  • Termine: Freitag ab 17 Uhr Vorstellung der Zukunftsideen für das Leisniger Bahnhofsgebäude vor Vereinen der Stadt, 
  • Sonnabend, 12. September: Tag der offenen Tür von 11 bis 20 Uhr mit ganz viel Musik und Kultur,
  •  13. September: Bahnhofspräsentation zum Tag des offenen Denkmals

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