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Beliebter Gitarrenlehrer hat nun mehr Zeit

Lothar Gärtig unterrichtet seit fast 40 Jahren an der Görlitzer Musikschule am Fischmarkt. Das wird er auch weiter tun, obwohl er offiziell in den Ruhestand geht.

Der Gitarrist Lothar Gärtig hat zahlreichen Kindern und Jugendlichen die Liebe zum Gitarrespielen vermittelt.
Der Gitarrist Lothar Gärtig hat zahlreichen Kindern und Jugendlichen die Liebe zum Gitarrespielen vermittelt. © Nikolai Schmidt

An seinem Instrument zu wachsen, sich Herausforderungen zu stellen, die man sich vielleicht nicht zugetraut hat, und irgendwann mit der Musik zu verschmelzen – das ist der Weg, wie man ihn mit Lothar Gärtig lernen kann. Ganz bewusst: "mit" ihm. 

Generationen von Musikschülern Gitarre gelehrt

Denn der Görlitzer Gitarrist, der Generationen von Musikschülern das Gitarrespielen beigebracht hat und jetzt offiziell in den Ruhestand geht, ist überzeugt, dass man sich selbst in die Rolle des Lernenden begeben muss, wenn man Wissen weitergeben will. "Das habe ich immer bewusst getan", sagt er, "dann merkt man ganz schnell, wo ein Schüler steht und was er braucht." 

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Gärtig ist auch überzeugt, dass Musik nur dann zu einer beglückenden Erfahrung werden kann, wenn man sich von Niederlagen nicht einschüchtern lässt, sondern auch ein wenig kämpfen muss. "Am glücklichsten sind die Schüler, die versuchen, Schwierigkeiten zu überwinden", sagt Gärtig, "und die nicht nur erwarten, dass Musik 'Spaß' macht."

Gitarre lernen kann man in jedem Alter

Dabei spiele das Alter eine untergeordnete Rolle – seine Schüler sind zwischen drei und 80 Jahren alt. Es gebe rundum geförderte Kinder, die auf Wunsch ihrer Eltern als Vierjährige beginnen, aber nie gute Musiker werden. "Und es gibt besessene 16-Jährige, die ihre Gitarre nicht mehr aus der Hand legen und später Profis werden." Einige solcher Schüler hat Lothar Gärtig begleitet. 

Und auch ihm selbst ging es so. "Ich bin zwar in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen", sagt der gebürtige Ostritzer, Jahrgang 1954. "Musik gehörte zu meiner natürlichen Umgebung." Sein Onkel sei ein fantastischer Amateurgeiger gewesen, zu Hause wurde Klavier gespielt, gepfiffen und gesungen. "Meine Eltern liebten Musik", sagt Gärtig, "sie kannten sämtliche Opernarien." 

Die Musik zu seinem Beruf zu machen, entschied er dennoch erst relativ spät. Als 14-Jähriger hatte er etwas Gitarrenunterricht genommen und behielt das als Hobby bei, doch ihn interessierten auch Physik, Literatur und bildende Kunst. Er wollte Grafiker oder Rundfunk- und Fernseh-Mechaniker werden, Abitur durfte er als Christ und Nicht-FDJler nicht machen.

Vom Kraftwerker zum Lehrer und Künstler

Dann wurde Lothar Gärtig Maschinist im Kraftwerk Hagenwerder. Schon dort entdeckte er sein pädagogisches Talent und gab als Ausbilder sein Wissen gerne weiter. Mit Mitte 20 ging er als Wehrdienstverweigerer zu den Bausoldaten ins Lazarett Ückermünde. Mit 26 entschied er sich dann ganz für die Musik. 

In seinen Zwanzigern eignete er sich autodidaktisch alles zum Gitarrenspielen an, was er finden konnte, verschlang Bücher dazu und nahm bei mehreren Lehrern zugleich Unterricht – darunter einer Weimarer Hochschulabsolventin, die ihm ganz neue Erkenntnisse vermitteln konnte. So vorbereitet, bestand er die Aufnahmeprüfung an der Dresdner Musikhochschule auf Anhieb.

Von Beginn an war für ihn klar, dass der Beruf des Musikers und die pädagogische Arbeit zusammengehören. "Ich wollte immer beides machen", sagt Lothar Gärtig, "wollte immer weiter lernen und dieses Wissen weitergeben." So begann er bereits während seines Studiums der Konzert- und Jazzgitarre sowie Komposition Anfang der 1980er am Görlitzer Fischmarkt zu unterrichten. Nach dem Studium kam er vollständig an die Musikschule, in den 1990ern lehrte er parallel einige Jahre an der Musikhochschule Dresden. 

Immer auch Musik komponiert

Mit Begeisterung brachte er seinen Schülern das Gitarrenspiel bei, hörte aber auch selbst nie auf, sich weiterzubilden. Besonders in den frühen 1990ern fuhr er in ganz Deutschland zu Kursen, lernte internationale Gitarrengrößen kennen und erweiterte sein Blickfeld. In Görlitz gründete er den Gospelchor und Instrumentalensembles, für die er die Arrangements schrieb. Er trat selbst als Solist, in Kammerensembles oder mit Jazzmusik auf, auch im Theaterorchester spielte er als Gast. 

Daneben widmete er sich dem Komponieren. Sowohl Werke, die er selbst aufführte, als auch Auftragswerke oder Kompositionen etwa für das Sorbische Nationalensemble in Bautzen entstanden. Im Melos Art Verein für neue Musik in der Oberlausitz hatten Komponisten wie er oder auch der heutige Musikschulleiter Thomas Stapel ab 1999 Gelegenheit, ihre Werke öffentlich aufzuführen. Zum Beispiel in Kinder- und Jugendkonzerten in den Städten der Oberlausitz, die an neue Musik heranführen sollten.

Musik ist Lebensessenz

Im Laufe der Zeit stand für Lothar Gärtig mal das Unterrichten, mal das Komponieren und Auftreten mehr im Vordergrund. "Mein Beruf ist ja keine Fronarbeit, sondern alles greift ineinander und gehört zu meinem Leben." Zu diesem Leben gehören auch zwei Söhne, die inzwischen um die 40 sind und als Flötist und Schauspieler ebenfalls musische Berufe ergriffen haben. Dazu gehört sein Fahrrad, das Gärtig seit seiner Jugend als Hauptverkehrsmittel benutzt. Dazu gehört das Duo VocaLibre, in dem er mit seiner Partnerin, der Sängerin Elisabeth Herold, auftritt. Und dazu gehören die Natur, das Lesen und die Ruhe, aus der für ihn Musik erst entstehen kann. 

Sein "Ruhestand" bedeutet für Lothar Gärtig einfach, mehr Zeit zu haben, zum Komponieren, Auftreten, Lesen und Radfahren. In Zukunft will er in geringerem Umfang an der Musikschule unterrichten und seine Schüler weiter wachsen sehen. "Ich freue mich immer, wenn mir ein Schüler rückmeldet, dass ihm das Spielen seines Instruments auch in anderen Lebensbereichen geholfen hat, Krisen zu bewältigen." Dann wisse er, dass seine Botschaft angekommen ist: Musik dient nicht nur zum Spaß oder Stressabbau. Sie ist bis heute, was sie immer war – Lebensessenz.

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