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Niesky bekommt Zuschlag für Eisenbahn-Teststrecke

Investitionen von 270 Millionen Euro sind mit dem Vorhaben verbunden. Und viele neue Jobs. Der Freistaat wartet aber noch auf grünes Licht.

Ein Testzentrum für Schnellzüge soll bei Niesky entstehen.
Ein Testzentrum für Schnellzüge soll bei Niesky entstehen. © Deutsche Bahn

In Niesky entsteht das neue Testzentrum für Eisenbahntechnik (Tetis). Das haben der Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg entschieden. Wirtschaftsminister Martin Dulig: "Wir sind uns einig, dass Niesky für ein solches Vorhaben in der Lausitz der optimale Standort ist." Aktuell sei man dabei, die Voraussetzungen für die Umsetzung des Vorhabens zu schaffen. "Die Zukunftswerkstatt Lausitz hat mit ihrer Potenzial-Analyse die Grundlage gelegt", so der Minister weiter. Diese will Dulig am 17. Juni in Niesky vorstellen. Er erwarte nun vom Bund, dass dieser das Projekt weiter nach Kräften unterstützt und seine Zusage einhält, das Strukturstärkungsgesetz noch vor der Sommerpause zu beschließen. Das sei – auch finanziell – die Grundlage, dass dieses Pflänzchen "wachsen und gedeihen kann." Gemeinsam mit den Partnern aus Brandenburg und der Region müssten dann Varianten entwickelt werden, um das Projekt voranzubringen.

Testzentrum für Züge mit neuen Technologien

Das „Testzentrum für Eisenbahntechnik in Sachsen – Tetis“ - so der offizielle Titel - wird ein Gleisoval mit voraussichtlich 20 Kilometern Schienenlänge. Es soll als unabhängige nicht öffentliche Eisenbahninfrastruktur betrieben werden und für das Testen von Schienenfahrzeugen zur Verfügung stehen. Auf Initiative des Sächsischen Wirtschaftsministeriums kam es auf die Maßnahmenliste der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung und hat so Eingang in das Strukturstärkungsgesetz gefunden. Ministeriumssprecherin Kathleen Brühl: "Der Klimaschutz erfordert emissionsfreie Antriebe, was unter anderem zum Austausch der Dieselflotte führen soll. Dadurch und aufgrund neuer Technologien steigt der Test-Bedarf."  So könnten perspektivisch vor allem batterie- oder wasserstoffgetriebene Züge auf dem Gelände in Niesky ihre Runden drehen. 

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Den Investitionsbedarf für die Anlage veranschlagt das Wirtschaftsministerium derzeit auf rund 270 Millionen Euro. Zur Anzahl der künftigen Arbeitsplätze werden aktuell noch keine Angaben gemacht. Der RBB (Rundfunk Berlin Brandenburg) hatte jedoch gemeldet, dass etwa 700 Jobs in Forschung und Industrie im Zusammenhang mit der Teststrecke entstehen könnten.

Laut Frank Großmann, dem Leiter der Außenstelle Görlitz der Industrie- und Handelskammer Dresden, gibt es "seit längerer Zeit Bemühungen, ein solches Testzentrum für Schienenfahrzeuge zu etablieren." Seinen Informationen zufolge soll auf dem Testgelände eine Hochgeschwindigkeitsstrecke entstehen, auf der man Antriebe mit Geschwindigkeiten bis zu 250 km/h untersuchen kann.

Projekt taucht als "Tetis" in Strukturwandel-Papier auf

Tatsächlich findet sich unter der Überschrift "Tetis – Testzentrum für Eisenbahntechnik in Sachsen" das Vorhaben bereits im Anhang des Abschlussberichtes der Kohle-Kommission vom Januar 2019.  Demnach sollen auf einer Strecke, über die kein normaler Zugverkehr verläuft, Züge geprüft und abgenommen werden. Auf der Strecke sollen auch neuartige Bahnprodukte getestet werden, etwa autonom fahrende Züge. Möglicherweise auch Züge, die mit Wasserstoff angetrieben werden. Die Projektbeschreibung sieht neben der Strecke auch Werkstätten und Forschungslabore vor.

Das Testzentrum würde sich in die Bemühungen einreihen, beim Strukturwandel in der Lausitz den Wasserstoff zu nutzen. Eine Studie kam jüngst zu dem Schluss, dass mithilfe einer Wasserstoff-Technologie bis 2050 über 80 Prozent aller vom Kohleausstieg betroffenen Arbeitsplätze kompensiert werden könnten. Für den wasserstoffbetriebenen Schienenfahrzeugverkehr empfiehlt die Studie, die unter der Regie der Wirtschaftsregion Lausitz in Cottbus erstellt wurde, die Strecke Dresden-Zittau. An den Hochschulen und Universitäten in Zittau/Görlitz und Cottbus/Senftenberg wird zu Wasserstoff geforscht. Zusammen mit Partnern aus der Industrie - wie Siemens oder Leag - sollen auch neue Produkte entwickelt werden, etwa ein autonom fahrendes Shuttle zum Einsatz im öffentlichen Personennahverkehr. Die Technische Universität Dresden plant mit ihrer Verkehrs-Fakultät, einen Zweigcampus bei Siemens einzurichten.

Profitiert der Rothenburger Flugplatz vom Projekt?

IHK-Mann Großmann beurteilt die Investitionsankündigung als durchweg positiv - und seriös. Mit dem einstigen Ansinnen chinesischer Investoren, auf dem Rothenburger Flugplatzgelände für eine Milliarde Euro eine Fabrik für Elektroautos zu errichten, sei dies nicht vergleichbar, sagt der Görlitzer IHK-Chef. Die Chinesen hatten das Projekt nach langer Vorbereitungszeit platzen lassen. Großmann bringt auch den Landeplatz von Rothenburg mit ins Gespräch. Dieser könnte, einschließlich der aktuell noch brachliegenden Bahnstrecke zwischen Rothenburg und Horka, als Transportweg für Testwagen oder -züge  durchaus interessant werden.

Gerade in der aktuell unsicheren Situation um den Schienenfahrzeughersteller Bombardier und seine Werke in Görlitz und Bautzen sei es wichtig, einen neuen Anker zu setzen. Der könnte mit dem Testzentrum bei Niesky entstehen. "Das würde die Position des Schienenfahrzeugbaus in unserer Region stärken. Und wäre natürlich auch ein wichtiges Signal für Arbeitnehmer", erklärt Großmann. Sicherlich könnten 700 Jobs in Forschung und Industrie "nicht aus der Kalten heraus" besetzt werden. "Qualifizierte Fachkräfte, die in den vergangenen Jahren die Region verlassen haben, könnten aber eine Möglichkeit sehen, zurückzukehren."

Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann ist etwas überrascht, dass diese Informationen jetzt an die Öffentlichkeit gegeben wurden. Durch die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH ist sie frühzeitig in diese Projektidee eingeweiht worden. "Allerdings war klar, dass erst in die Öffentlichkeit gegangen wird, wenn die Verwirklichung sicher ist", sagt die Oberbürgermeisterin. Sie habe Sorge, dass "uns nicht dasselbe wie mit Rothenburg passiert". Gemeint ist die geplatzte chinesische Fabrik für Elektroautos.  

Schienenfahrzeuge haben in Niesky Tradition

Für die Stadt Niesky ist die Etablierung eines Schienenfahrzeugtestzentrums  ein wichtiges wirtschaftliches Zeichen für die Lausitz und kann einen bedeutenden Beitrag zur Bewältigung des Strukturwandels beitragen. "Niesky hat in Bezug auf den Schienenfahrzeugbau eine lange Tradition und ist deshalb als potenzieller Standort bestens geeignet", betont die Oberbürgermeisterin. Es könnten wichtige Arbeitsplätze geschaffen werden, diese bedingen wiederum Bevölkerungszuwachs und Konsumnachfrage. "Allerdings sind noch viele Hürden zu nehmen. Wir als Stadt Niesky werden das Vorhaben gemeinsam mit dem Landkreis Görlitz und dem Freistaat Sachsen mit allen Kräften unterstützen", so Frau Hoffmann. 

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Als eine gute und richtige Wahl für die Lausitz wertet Jan Otto den Zuschlag an Niesky für die Eisenbahn-Teststrecke. Der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ostsachsen sagt, dass diese Investition ein wichtiger und großer Baustein im Zuge des Kohleausstieges sein wird und gut in die Region passt. "Ostsachsen hat eine große Tradition im Schienenfahrzeugbau. Diese kann auf einer neuen Ebene fortgeschrieben werden." Wichtig sind dem Gewerkschafter dabei die neuen Arbeitsplätze, die mit der Teststrecke entstehen sollen. Wie viele es sein werden, darüber hat Otto keine Kenntnis.

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