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Die Vierlinge vom Grenzturm

Die Wanderfalken der Sächsischen Schweiz kriegen weniger Junge. Warum? Expedition zur Kinderstube im Bielatal.

Freude bei Artenschützer Ulrich Augst: Im Großen Grenzturm im Bielatal hat er vier fidele Falkenküken zum Beringen vorgefunden. Vierlinge gab es in den letzten Jahren kaum noch.
Freude bei Artenschützer Ulrich Augst: Im Großen Grenzturm im Bielatal hat er vier fidele Falkenküken zum Beringen vorgefunden. Vierlinge gab es in den letzten Jahren kaum noch. © Mike Jäger

Ääk! Ääk! Ääk! Das Spektakel der Falkenmutter ist enorm. Hektisch kreisend schimpft sie auf uns runter. "Ein gutes Zeichen", sagt Ulrich Augst. Der Vogel würde nicht schimpfen, wenn es nichts zu verteidigen gäbe. Was er verteidigt, steckt etliche Meter über uns in einer tiefen Höhlung des Großen Grenzturms: Wanderfalkenküken. Artenschützer Augst will ihnen ihre "Ausweise" anpassen. Vier Ringpaare liegen neben der Kombizange. Wie viele davon er braucht, weiß er nicht. "Es wird eine Überraschung."   

Seit dreißig Jahren hat die Sächsische Schweiz ihre Wanderfalken wieder. Nachdem der letzte Vogel Anfang der 1970er verschwunden war, begann 1989 die Wiedereinbürgerung. Der Falkenbestand schien gesichert. Doch neuerdings schwindet der Bruterfolg. Flogen zu den besten Zeiten bis zu dreißig Jungvögel aus, waren es zuletzt deutlich weniger als zwanzig, 2019 gar nur sechs, und damit kaum mehr als am Anfang des Projekts.

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Ab Anfang März sucht Beringer Augst nach den Kinderstuben der Wanderfalken. Am Großen Grenzturm (Bildmitte) wurde er dieses Jahr fündig.
Ab Anfang März sucht Beringer Augst nach den Kinderstuben der Wanderfalken. Am Großen Grenzturm (Bildmitte) wurde er dieses Jahr fündig. © Mike Jäger

Der Sebnitzer Ulrich Augst fing mit fünf Jahren an, im Sandstein zu klettern, und sah den "Großen Falken" durch die Luft sausen. Heute ist er 62 und beim Nationalpark Sachbearbeiter für praktischen Arten- und Biotopschutz. Die Vögel sind sein Steckenpferd, vor allem die Uhus und die Wanderfalken. Für beide Arten besitzt er die Lizenz zum Beringen.

Tipp von Falkenfreunden aus Tschechien

Um den Falkennachwuchs aufzuspüren, legt sich Augst ab Anfang März auf die Lauer. Er sucht nach Federn, Kotspuren, guckt mit dem Fernglas in alle Löcher. Der Horst im 35 Meter hohen Grenzturm ist nur vom tschechischen Rand des Biela-Canyons aus einzusehen. Wegen Corona konnte Ulrich Augst da nicht hin. Tschechische Kollegen gaben ihm einen Tipp. Mindestens zwei Junge sollen hier geschlüpft sein.

Hier finden es junge Wanderfalken gemütlich: Die Nisthöhle mit den 16 Tage alten Küken liegt hoch über dem Bielatal.
Hier finden es junge Wanderfalken gemütlich: Die Nisthöhle mit den 16 Tage alten Küken liegt hoch über dem Bielatal. © Mike Jäger

Das Schimpfen des Altvogels wird immer heftiger. Der Klettersportler Mike Jäger, beim Beringen Ulrich Augsts Verbündeter, angelt, am Seil hängend, die Jungen aus der Nisthöhle. Augst ist gespannt. "Wie viele?" Das Echo lässt ihn strahlen: "Vier!" Viererbruten sind die Ausnahme. Der mühsame Anmarsch auf dem übertrümmerten Hang ist vergessen. "Die Kraxelei hat sich gelohnt."

Das Verschwinden des Wanderfalken ging einst auf das Konto von Insektiziden. Was stört den Greif diesmal? Nahrungsmangel wäre eine Möglichkeit. Der Wanderfalke ist ein reiner Vogeljäger und in den Wäldern, so empfindet es Augst, ist weniger Vogelsang zu hören. Nur: Auf tschechischer Seite des Parks ist der Falkennachwuchs weitgehend stabil. Woran liegt es dann?

Der Schmilkaer Bergsportler Mike Jäger unterstützt die Beringungsaktion. Hier seilt er sich mit vier Falkenküken im Gepäck vom Nistplatz am Grenzturm ab.
Der Schmilkaer Bergsportler Mike Jäger unterstützt die Beringungsaktion. Hier seilt er sich mit vier Falkenküken im Gepäck vom Nistplatz am Grenzturm ab. © Foto: SZ/Jörg Stock

Der Fachmann glaubt, dass der Mensch zu oft stört. Immer mehr Leute besuchen die Sächsische Schweiz. Touristiker gehen von jährlich sieben Millionen Gästen im Elbsandsteingebirge aus. Es gibt Probleme mit wilden Campern, Boofern, Feuermachern, Leuten, die mit aufgedrehter Musikbox durch die Botanik ziehen. "Es wird immer schlimmer", findet Augst.

Eigentlich sind Falkenbrutplätze Sperrgebiet. Aber nur, sobald ein Brutpaar nachgewiesen ist. Gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung hat Ulrich Augst voriges Jahr versucht, die bekannten Nistorte pauschal ab 1. März zu sperren. Die Vögel sollten in Ruhe den besten Platz auswählen. Aber das habe man nicht durchhalten können, sagt er. Populäre Klettergebiete hätten großräumig stillgelegt werden müssen.

Die "Ausweise" der Falken: links Habitatringe - rot steht für Felsenbrüter - und rechts groß beschriftete Kennringe zur Ablesung mittels Fernglas.
Die "Ausweise" der Falken: links Habitatringe - rot steht für Felsenbrüter - und rechts groß beschriftete Kennringe zur Ablesung mittels Fernglas. © Mike Jäger

Augst ist die tschechische Lösung sympathisch. Das Klettern in der Kernzone des Nationalparks Böhmische Schweiz ist im 1. Halbjahr generell tabu. Und Freiübernachtungen, also boofen, gibt es auch nicht. Auf deutscher Seite darf außerhalb der Kernzone an beinahe 60 Orten gebooft werden. Und das tun längst nicht nur, wie es Tradition ist, die Bergsportler.

Boofen soll strenger geregelt werden

Das jetzige Ausmaß des Übernachtens im Wald beeinträchtigt die Schutzziele des Nationalparks erheblich. Das räumt Parksprecher Hanspeter Mayr ein. "Es wird daher zwangsläufig eine strengere Regelung geben müssen", sagt er. Wie die schon jetzt geltenden Vorschriften besser durchgesetzt und kontrolliert werden könnten, werde geprüft. 

Die Nationalparkwacht verfügt aktuell über fünfzehneinhalb Stellen. Doch der Park hat 94 Quadratkilometer Fläche. Man bräuchte dringend mehr "grüne Polizisten", findet Ulrich Augst. Die Landesregierung hat per Koalitionsvertrag die personelle Aufstockung in den Großschutzgebieten versprochen. Anzeichen dafür sind bislang nicht sichtbar.

Ulrich Augst passt dem Falkenküken seinen Habitatring mit Nummerierung an. Die Ringe werden von der Vogelwarte Hiddensee ausgegeben.
Ulrich Augst passt dem Falkenküken seinen Habitatring mit Nummerierung an. Die Ringe werden von der Vogelwarte Hiddensee ausgegeben. © Mike Jäger

Der erste Flug der Falkenvierlinge vom Grenzturm ist geglückt. Sanft landet Kletterer Jäger auf dem Sand und hakt einen Rucksack mit Eimerchen darin vom Gurtzeug. Ulrich Augst holt die grauen Flaumkugeln ans Licht. Saubere, muntere Kerlchen sind es. Keine wunden Stellen, keine Parasiten. Er greift Ringe und Zange und geht ans Werk.

Jährlich werden in Ostdeutschland zwei- bis dreihundert Wanderfalken beringt, um ihr Verhalten und die Struktur des Bestands zu erforschen. Ulrich Augst beringt im Elbsandstein und in ganz Ostsachsen. Allerdings nicht im Nationalpark Sächsische Schweiz, wo die meisten Falken der Region brüten, aktuell elf der vierzehn Paare. Dort wurde die Beringung 2011 eingestellt. 

Vogelwarte möchte Datenlücken schließen

Entschieden hat das die Landesdirektion. Das Landesumweltamt geht davon aus, dass die Datensammlung auch ohne die Vögel aus dem Park "auf hohem Niveau" fortgesetzt werden kann. Die zuständige Vogelwarte auf Hiddensee verzeichnet aktuell 4.835 Datensätze zum Wanderfalken. Die Daten aus dem Nationalpark seien zwar nicht essenziell, heißt es, wären aber durchaus willkommen, um keine Lücken entstehen zu lassen.   

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Die Falken-Brut in der Sächsischen Schweiz war nicht überall erfolgreich. Ob die geschlüpften Jungvögel durchkommen, entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Ulrich Augst hat seinerseits nicht vor, eine Lücke zu hinterlassen. Jedenfalls nicht so bald. Er will seine Beringungslizenz verlängern. Irgendwie muss er ja einen Nachfolger aufbauen. Und von den Falken lassen kann er auch nicht so einfach. Dem schnellsten Geschöpf der Erde beim Jagdflug zuzuschauen - "das ist schon was Besonderes".

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