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Berthelsdorfer suchen gestohlene Kälber

Unbekannte haben 22 Kälber vom Hof der Agrargenossenschaft gestohlen. Spuren gibt es kaum – aber sicher ist, dass sich die Täter in der Materie auskannten.

© SZ Thomas Eichler

Von Anja Beutler

Schlurps, schlurps, schlurps. Das kleine Kalb saugt hemmungslos an Christian Jähnes Fingern. „Das ist der Stress“, sagt der Geschäftsführer der Berthelsdorfer Agrargenossenschaft (BAG). Jähne posiert gerade mit zwei Kälbern für den SZ-Fotografen. Die beiden Jungtiere sind ein wenig irritiert. „Das ist wie bei kleinen Kindern, zur Beruhigung“, sagt er. Denn, Stress hatten Mensch und Tier in der großen Stallanlage in der Berthelsdorfer Nordstraße in den vergangenen zwei Tagen zur Genüge: In der Nacht zum Sonnabend stahlen Unbekannte 22 Jungtiere vom abgeschlossen Hof. Die zwei bis acht Wochen alten Holstein-Rinder waren als Nachwuchs für den eigenen Milchvieh-Bestand gedacht. Nur 15 Tiere sind nun noch als Milchkuh-Nachwuchs geblieben. „Das ist hart“, sagt Jähne. Insgesamt besitzt die BAG rund 850 Kühe und das sollte auch so bleiben.

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Für die Mitarbeiter der Agrargenossenschaft ist die Angelegenheit noch immer unfassbar. Zwar waren in den 1990er Jahren schon mal Kälber und vor Jahren zwei Schweine gestohlen worden. Aber so was habe es noch nie gegeben. Nicht nur, dass jemand auf die Idee kommt, die Tiere zu stehlen, sondern, dass er dazu auch noch just dieses Vier-Stunden-Zeitfenster ausnutzt, an dem tatsächlich niemand auf der etwas abseits vom Dorf gelegenen Anlage zugange ist. Dass sich die Täter mit den Arbeitsabläufen und auch mit den Tieren auskannten, ist nicht zu übersehen.

Diejenigen, die früh um 4 Uhr am Sonnabend zur Schicht kamen, sahen erst auf den zweiten Blick, was passiert war: „Der Zaun war abgetrennt, damit sie offenbar mit einem Transporter direkt an den Reproduktionsstall heranfahren konnten.“ Nach der Tat haben die Kälberdiebe die Spuren zu übertünchen versucht und den Zaun behelfsmäßig wieder festgemacht. „Deutlich gesehen haben die Kollegen es, als sie in die Waschküche kamen“, erklärt Jähne. In den kleinen Raum gleich neben dem Ausgang aus dem Gebäude hatten sie die Kälber „vorgestapelt“, wie das in der Fachsprache heißt. „Wir haben das an den Exkrementen gesehen, die die Tiere hinterlassen haben“, sagt Jähne.

Dass mehrere Diebe zugange gewesen sein müssen, liegt auf der Hand: „Wenn wir die Tiere regulär in einen anderen Stall umsetzen, brauchen wir dazu mindestens drei Leute“, sagt Sebastian Wieland, Leiter der Tierproduktion bei der BAG. Und einfach so losmarschieren kann man auch nicht: „Die laufen nicht freiwillig weit“, sagt er. Dass die Diebe sehr wohl wussten, was sie da aus dem Stall führen, ist ebenfalls wahrscheinlich: „Sie haben auch die beiden Fütterungsautomaten mitgenommen“, sagt Christian Jähne. Die beiden Geräte – das Stück um die 6 000 Euro – sind in den ersten 70 Tagen für die Aufzucht der Tiere unerlässlich. Über das Halsband, das sie tragen, lesen die Fütterautomaten aus, welche Menge die Tiere bekommen – mehrmals am Tag. Irgendwie technisch orten könne man aber weder die Halsbänder noch die Ohrmarken, bedauert Geschäftsführer Jähne. Und selber nach den Tieren suchen? „Wo soll man da anfangen“, sagt er. Wenn die Ohrmarken entfernt werden, sind die Kälber ohnehin nicht mehr zu identifizieren. „Wer weiß zudem, was die Diebe mit ihnen vorhaben?“

Wie hoch der Schaden tatsächlich ist, lässt sich in nackten Zahlen kaum bemessen. Der von der Polizei kurz nach der Tat bekanntgegebene Schätzwert von rund 15 000 Euro dürfte nach aktuellem Stand jedenfalls nicht reichen: Abgesehen von den Füttermaschinen und den Kälbern, die pro Tier auch mit 150 bis 180 Euro zu Buche schlagen, haben die Unbekannten auch die Kaffeereserven der Mitarbeiter, eine Kaffeemaschine und Kleidung der Arbeitskräfte gestohlen. „Das haben wir gar nicht gleich gemerkt“, erinnert sich Andrea Wagner. Die Stall-Leiterin hatte den Diebstahl mitentdeckt, früh um 4 Uhr zu Schichtbeginn erst noch nach den Tieren gesucht. „Als ich mich nach all dem Trubel gegen 7 Uhr umziehen wollte, hatte ich keine Arbeitskleidung mehr im Schrank“, sagt sie.

Und nun? „Wir werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärken“, sagt Jähne. „Wenn neben Traktoren und Technik jetzt auch schon Tiere gestohlen werden, muss das wohl sein“, sagt er ernüchtert. Denn Nachbarn, die aufpassen könnten, gibt es in der Nordstraße leider nicht.