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Berühmte Leute in Freital zu Gast

Als Hedwig Courths-Mahler im Sächsischen Wolf zu Tränen rührte und Spitzenhumorist Otto Reutter für Deuben eine Ausnahme machte.

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Blick auf den Sächsischen Wolf (vormals Gasthof zu Deuben) von der Poisentalstraße aus gesehen. Im Erdgeschoss die Gaststube mit 120 Plätzen und einem Bühnenpodest, darüber der große Saal. Unsere Abbildung stammt von 1920.
Blick auf den Sächsischen Wolf (vormals Gasthof zu Deuben) von der Poisentalstraße aus gesehen. Im Erdgeschoss die Gaststube mit 120 Plätzen und einem Bühnenpodest, darüber der große Saal. Unsere Abbildung stammt von 1920. © Repro: Siegfried Huth

Freital ist gewiss nicht der Nabel der Welt. Doch seltsam! Auf eine Reihe prominenter Leute übt die bald 100 Jahre junge Stadt im Weißeritztal eine gewisse Anziehungskraft aus. Auch zu Zeiten, als die Stadt noch keine Stadt ist. Da wäre zum Beispiel der in jedem Literaturlexikon gewürdigte Romanschriftsteller und niederdeutsche Versdichter Fritz Reuter (1810–1874) zu zitieren, der zwei Jahre vor seinem Lebensende einer Einladung der Lehrerschaft des Weißeritztales folgt und sich von Dresden nach Potschappel kutschieren lässt.

Angekündigt ist ein Reuter-Abend im Goldenen Löwen, den der humorvolle Dichter und streitbare Demokrat eröffnen soll. Der berühmte Mann will selbst einige Vorträge beisteuern. Doch seine Zeit in Potschappel ist äußerst knapp bemessen. Er muss postwendend zurück nach Dresden, wo er zu einer literarischen Veranstaltung erwartet wird. So begnügt sich Reuter im „Löwen“ mit einigen begrüßenden Worten, die er, laut örtlichem Tageblatt, so heiter-pointiert auswählt, dass das Publikum aus dem Lachen nicht herauskommt. Der Dichter bekundete, dass er sich geehrt fühle. Wenn in einem so schönen, aber abgeschiedenen Winkel, wie der Potschappler Gegend, seine Arbeiten zur Kenntnis genommen würden, dann könne sein Schreiben doch nicht ganz für die Katz’ gewesen sein. Lob und Beifall ernten die von Lehrern gespielten Szenen aus Reuters Schauspiel „Kein Hüsung“, jenes Werk, das von der Defa 100 Jahre später verfilmt wird.

Gleich zweimal stellt sich der renommierte Schriftsteller Kurt Arnold Findeisen (1883–1963), erster Lessing-Preisträger des Freistaates Sachsen, in Freital vor. Zum Schulfest in Niederhäslich gibt er innerhalb eines literarischen Programms eigene Kalendergeschichten zum Besten. Im Januar 1926 beschäftigt sich der Verfasser so viel gelesener Romane wie „Der goldene Reiter“ und „Sohn der Wälder“ im Döhlener Hof in einem Heimatschutzbeitrag mit dem sächsischen Lachen. Findeisen definiert: „Im Vergleich zum bayerischen Lachen, das an etwas lederhösiges und hemdsärmeliges erinnert, ist das Lachen von uns Sachsen feiner und leiser, mehr ein Schmunzeln und Grinsen.“ Die Lokalpresse rezensiert: „Tatsächlich quittierte das zahlreiche Publikum Findeisens Erkenntnis mit einem verständnisinnigen Lächeln.“

Hedwig Courths-Mahler (1867–1950), Autorin gefühlvoller Romane mit riesen Auflagen, wird 1922 im Sächsischen Wolf Deuben gefeiert.
Hedwig Courths-Mahler (1867–1950), Autorin gefühlvoller Romane mit riesen Auflagen, wird 1922 im Sächsischen Wolf Deuben gefeiert. © Repro: Siegfried Huth

Frau mit viel Gefühl

Im Herbst 1924 erwartet Freital die populäre Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler, die im Sächsischen Wolf Deuben aus eigenen Romanen vorlesen wird. Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß. Schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn hat sich der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt.

Das Leben der häufig geschmähten, aber viel gelesenen Autorin gleicht ihren Romanen. 1867 als uneheliches Kind einer Marketenderin und eines Saalefischers in Nebra-Unstrut geboren, tritt sie ohne Schulbildung ins Berufsleben ein. Ihre Stationen: Dienstmädchen, Gesellschafterin, Vorleserin bei einer begüterten älteren Dame, Verkäuferin. Sie beginnt ihre Kindheitsträume niederzuschreiben, die als Novelle mit dem Titel „Wo die Heide blüht“ 1884 von einer Lokalzeitung abgedruckt werden. Zehn Jahre später erscheint als Fortsetzung im „Chemnitzer Tageblatt“ ihr erster Roman „Licht und Schatten“. Ab 1909 werden ihre Romane als Bücher gedruckt, die Einbände gestaltet ihr Gatte Kunstmaler Fritz Courths.

Die Autorin erlangt in kurzer Zeit Berühmtheit. Das Erfolgsstrickmuster ihrer Romane: viel Schmerz, viel Herz, viel Glückseligkeit. Sie schenkt sich nichts, arbeitet täglich 14 Stunden. Es gibt Jahre, da verfasst sie bis zu 13 Romane. Im November 1950 stirbt sie als Millionärin in ihrem Haus am Tegernsee.

Ihr Auftritt in Deuben bewegt die Zuhörer. Als Frau Courths-Mahler Passagen aus ihrem Roman „Ich lasse dich nicht“ vorliest, fließen Tränen. Beifall umrauscht, beschließt sie ihr Deuben-Gastspiel mit einer Autogrammstunde. Der damit gekoppelte Bücherverkauf nimmt unwahrscheinliche Dimensionen an.

Valentin Wolf, ab 1919 Wirt im „Sächsischen Wolf“. Der Gastronom, Erbauer des Stadtcafés, gewinnt 1924 Deutschlands Spitzenhumoristen für ein Gastspiel in Deuben.
Valentin Wolf, ab 1919 Wirt im „Sächsischen Wolf“. Der Gastronom, Erbauer des Stadtcafés, gewinnt 1924 Deutschlands Spitzenhumoristen für ein Gastspiel in Deuben. © Repro: Siegfried Huth

Kunststück eines Wirts

Valentin Wolf, seit 1919 Wirt des „Sächsischen Wolf“ (vormals Gasthof zu Deuben) und Erbauer des Stadtcafés, ist der Mann, der das Kunststück fertigbringt, im Dresdner Centraltheater Waisenhausstraße bis zur Solistengarderobe von Otto Reutter, Starhumorist und Meister des zeitkritischen Couplés, vorzudringen, um den populären und gefragten Künstler für ein Gastspiel in Deuben zu gewinnen. Für gewöhnlich lehnt der Berliner Humorist mehrere Auftritte an einem Tag ab. Im Falle „Sächsischer Wolf“ macht er allerdings eine Ausnahme. Innerhalb von drei Stunden sind in Freital alle Eintrittskarten vergriffen. Unbeschreiblicher Jubel, als Reutter eintrifft. Das Tageblatt rezensiert Reutters Kurzprogramm: „Er ist älter geworden und doch ganz der Alte geblieben. Wie früher dämpft er, wenn sein Humor nachdenklich wird, die Stimme, und das Beste sagt er mit pfiffigem, beziehungsreichem Lachen, dass den Zuhörern die Lichter aufgehen …“

Einem Triumphzug gleich begleiten ihn viele Besucher nach der letzten Zugabe zur wartenden Kraftdroschke. Eine Stunde drauf beginnt mit Otto Reutter als Attraktion im Centraltheater die Abendvorstellung.

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