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Beruf Partykönig

Raik Ruscher gehört zu den erfolgreichsten Veranstaltern der Region. Ab Sommer feiert er verstärkt auch im Ausland.

© hübschmann hübschmann hübschm

Von Ulrike Keller

Die Tanzfläche bebt im Nebel. Scheinwerfer tauchen sie in rotes, blaues, weißes Licht. Mit hämmernden Bässen gibt „Bailando“ den Rhythmus vor, zu dem sich die Massen in dichtem Gedränge verausgaben. Beste Partystimmung an einem Sonnabendabend in Meißen. Auf erhöhtem Posten am Mischpult: Raik Ruscher. „Wenn der Abend läuft, ist es schön, selbst aufzulegen“, sagt er. „Wenn im Vorfeld Stress ist, ist es blöd.“ Der junge Mann mit den klobigen Kopfhörern am Schädel spricht von der Doppelrolle DJ – Veranstalter, mit der er sich oft genug herausfordert. Denn um die passende Musik zu mixen, braucht es einen freien Kopf und ein Sich-Einlassen-Können auf das, was die Menge beflügelt. „Ein guter DJ muss das Publikum führen können“, erklärt Ruscher. „Er darf nicht alle Hits in einer Stunde verbraten.“

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Der Partymacher gibt sich gar keine Mühe zu verbergen, was an Aufwand in einer solchen Veranstaltung steckt. Bevor er etwa zum ersten Mal ins Logenhaus einlädt, investiert er drei Wochen in Renovierarbeiten. Auch am Abend selbst überlässt er nichts dem Zufall: Er baut mit auf, weist Mitarbeiter ein, spricht sich mit Technikern und dem Personal an der Cocktailbar ab. Zum Teil muss er umdisponieren, kurzerhand neue Lösungen finden. „Es gehen immer ein paar Sachen daneben“, erzählt er, als alles läuft. Der 34-Jährige wirkt eher ernst, eher leise, eher zurückhaltend. Genau genommen verkörpert er das Gegenteil des Partykönig-Stereotyps, das Lautheit, Ausgelassenheit und Großspurigkeit vorsieht. Auch wenn es um Discos geht – als Perfektionist vertritt er eine andere Veranstalter-Auffassung: kein Alkohol, keine Drogen. „Man hat Verantwortung für den ganzen Abend“, sagt er. In jeder Situation müsse er ansprechbar sein und klar entscheiden können. Sich selbst in eine launige Stimmung zu versetzen, lehnt er selbst in stressigen Momenten kategorisch ab.

Per Fahrrad ans DJ-Pult

Raik Ruscher wächst früh ins Disco-Geschäft hinein. Sein Vater Henner ist seinerzeit der erste DJ in Großenhain. 1973 fängt der mit Postkartenschallplatten aus Polen an. Als professioneller Schallplattenunterhalter hat er damals noch richtige Programme zu moderieren und die Gäste mit Spielen zu unterhalten. Aller zwei Jahre, so die Vorschrift, muss er sich einer Lizenzprüfung unterziehen. Als Sohnemann Raik 15 ist, nimmt ihn Henner Ruscher das erste Mal zu einer Veranstaltung mit: Es ist ein Sonntag. Im Schützenhaus. Das Erlebnis wirkt nachhaltig. Schon kurz darauf übernimmt der Teenager eigene Jugendveranstaltungen im Umkreis. In der Regel mit „nur“ 150 Gästen, aber bereits kommerziell. Die ersten Jahre muss er alle Strecken mit dem Fahrrad bewältigen.

Obwohl er brennt für diesen Beruf, lernt er etwas Solides: Einzelhandelskaufmann im Elektrofachhandel. Während der Lehre verkauft er Waschmaschinen und Fernseher. Auch gern – allerdings nie mit dem Ziel, es dauerhaft zu tun. Schon während der Ausbildung weiß er: Wenn er fertig ist, macht er sich selbstständig. Und nicht nur als DJ. Das allein füllt ihn nicht mehr aus. Er will Veranstaltungen organisieren. Im Sommer 2002 ergeben sich die ersten großen Nummern: sechs Termine in Großenhain mit 3 000 bis 5 000 Gästen. „Ich bin mit den Events gewachsen“, reflektiert er. „Das bringt große Möglichkeiten, aber auch ein finanzielles Risiko.“

Trotzdem hat Raik Ruscher bis heute keine Scheu, neue Konzepte und Räumlichkeiten zu testen – siehe das Logenhaus in Meißen. Er geht davon aus, dass man die Leute erst einmal heranführen muss an ein Angebot. Was es grundsätzlich schwieriger macht als einst: „Früher musste man in die Disco gehen, um Musik zu hören. Heute haben wir einen Überkonsum.“ Deshalb startet er gar nicht erst den Versuch, mit seinen Discos in größeren Städten wie Dresden oder Leipzig Fuß zu fassen. „Das sind Haifischbecken“, sagt er. Die Gebiete seien mehr oder weniger aufgeteilt. Mit diesen Veranstaltungen bleibt er im Elbland. Auch, um etwas für die Region zu tun.

Anders ist das bei der Mega-Farbparty Neonsplash, einer Idee aus den USA. Man beschießt sich mit hautverträglicher, auswaschbarer, schnell trocknender Lebensmittelfarbe. Dazu gibt es elektronische Musik, internationale DJ-Größen, Unterhaltung mit Spezialeffekten. Beinahe jede Woche sind Ruscher und Marcel Krause von der Schützenhaus Eventgroup in Großenhain damit woanders in Deutschland. „Die zwei Tour-Trucks stehen immer fertig da“, erzählt Ruscher. Speziell bei diesen Veranstaltungen arbeiten er und Krause mit Partnern in Köln zusammen. Jedes der zwei Organisatoren-Teams deckt andere Teile der Bundesrepublik ab, der Kölner Trupp außerdem bereits Ibiza, Belgien und Holland.

Ab diesem Sommer wird das Neonsplash-Gebiet weiter ausgedehnt. Dann verlassen auch die Großenhainer öfter die deutschen Ländergrenzen und steuern mit ihren Sattelschleppern und Tausenden Litern Spezialfarbe an Bord verstärkt große Städte in Österreich, Tschechien, Polen und der Schweiz an. Als Ziel dienen durchweg riesige Hallen, weil der Aufbau der Technik und vor allem das Anbringen der Schutzverkleidung so enorm aufwendig sind. Auch der Abbau verschlingt noch einmal zwei Tage. „Das schlaucht“, gesteht Ruscher. Nur an ein bis zwei Wochenenden im Jahr arbeitet er nicht.

An freien Tagen sind ihm deshalb vor allem zwei Dinge wichtig: ausreichend Schlaf und gesundes Essen. Beides kommt unterwegs oft zu kurz. Ausspannen heißt für ihn allerdings nicht, in den ausschließlichen Ruhe-Modus zu schalten. Raik Ruscher geht gern auch privat weg. Was wiederum schnell seinen Ehrgeiz wieder weckt: „Ich kann nirgends mehr feiern, ohne dabei zu schauen, wie es die anderen machen“, erzählt er. Dafür ist ihm sein Beruf einfach zu wichtig.