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Beruf: Professionelle Kuschlerin

Dorothea Ristau aus Dresden kennt ein Mittel gegen die wachsende Vereinsamung in unserer Welt: mehr Körperkontakt. Ihre Grenzen sind aber klar.

Berührende Szene: Armin Schmidt und Dorothea Ristau bekuscheln sich auf dem Futon.
Berührende Szene: Armin Schmidt und Dorothea Ristau bekuscheln sich auf dem Futon. © Henry Berndt

Gleich kann es losgehen. Armin zieht sich nur nur noch schnell sein Kuschelshirt an und seine kurze Kuschelhose. Auch Dorothea schlüpft in bequemere Sachen. Dann treffen sich die beiden auf dem Futon. Mit einem lauten Seufzer lässt sich Armin auf die Matratze fallen. Dabei steht doch erst noch das Begrüßungsritual an. 

Dabei knien sich die beiden gegenüber auf die Matte und nehmen sich fest in die Arme. Von nun an wird nur noch geflüstert. "Schön, dass du da bist", säuselt Dorothea Armin ins Ohr und fängt an, seine Hand zu streicheln. Dann setzt sie sich hinter ihn und schmiegt ihren Kopf an seinen. 

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Aus dem Laptop in der Ecke dringt lauschige Musik. Kerzen flackern. Die Wände des kleinen Raumes sind in warmen Tönen gestrichen. Normalerweise wird hier, im "Anukan - Zentrum für Berührungskunst" im Hechtviertel sinnlich massiert. Dorothea Ristau aber hat sich mit einer ganz anderen Idee eingemietet: Sie will den Menschen das reine Kuscheln zurückgeben - und es von den Fesseln der Erotik befreien.

Gerade erst hat sich die 33-jährige Dresdnerin als professionelle Kuschlerin selbständig gemacht, nachdem sie eine zweitägige Kuschelausbildung in Leipzig durchlaufen hatte. Staatlich anerkannt ist die zwar nicht, den Bedarf an Kuscheleinheiten hält Dorothea Ristau aber für gewaltig. "Viele leiden in unserer Gesellschaft an Vereinsamung und sehen sich danach, wieder Berührungen zu empfinden, die ihnen Geborgenheit schenken und Sicherheit vermitteln", sagt sie.

Kuscheltag ist bei ihr bislang immer montags. Anderthalb Stunden kosten 135 Euro, drei Stunden das Doppelte. "Der Preis beinhaltet das Vorgespräch, unzählige Kuschel- und Streicheleinheiten, ein kleines Nachgespräch sowie drei Tage voller wohliger Glücksgefühle im Anschluss."

Armin Schmidt, der heutige Kuschelgast, gehört zu den ersten Interessenten und ist dafür ein wirklich dankbarer Kunde. Schon bei der Begrüßung drückt er die Gastgeberin fest und wischt damit eine sonst möglicherweise beklemmende Annäherung beiseite. "Ich bin ene kölsche Jung", sagt er. "Ich nehme jeden in den Arm." Außerdem sei der 58-Jährige, der früher als Türsteher gearbeitet hat und seit zehn Jahren trockener Alkoholiker ist, ein Anhänger des Buddhismus. 

Er spricht von Achtsamkeit und Selbstfindung.  Für neue Erfahrungen sei er immer offen. Was ihn hier erwartet, wisse er nicht. Auch spezielle Wünsche habe er keine. "Ich kenne erotische Massagen, habe aber keine Ahnung, worauf ich mich hier einlasse."

Eines steht fest: Hier bleiben die Hosen an. Dorothea Ristau betont, dass Berührungen und Sex nicht zwingend miteinander verbunden sein müssen. Im Vorgespräch spricht sie offen über ihre Grenzen: Keine Berührungen im Intimbereich, keine Küsse auf den Mund - und die Sachen bleiben an. Die Gedanken seien dagegen frei und wenn einen doch mal die Lust überkomme, dann gehöre es zur Kunst des Kuschelns, die Situation rechtzeitig wieder einzufangen. 

Die Gedanken sind frei. Doch für die realen Berührungen gibt es Grenzen.
Die Gedanken sind frei. Doch für die realen Berührungen gibt es Grenzen. © Henry Berndt

Dorothea und Armin machen es sich jetzt auf dem Futon gemütlich. Sie schmiegt sich an ihn, streichelt seinen Bauch, er ihren Rücken. Beide haben ihre Augen geschlossen. "Geht's dir gut?", fragt sie leise. "Mit geht's gut", antwortet er. 

Das Ganze mag sich nach einem Roman von Rosamunde Pilcher anhören, doch dahinter soll effektive Seelenmassage stecken.

Minutenlang verharren die beiden fast regungslos, wie ein Paar, dass sich seit Jahren vertraut ist. Von Unsicherheit und Scham ist nichts zu spüren. Dabei weiß Dorothea Ristau aber, dass sich nicht alle ihrer Kunden so schnell öffnen werden.

Ihre Kuschelstunden sieht Dorothea Ristau auch als Vorbereitung zu einem Forschungsprojekt zum Thema Essstörungen, das sie selbst umsetzen will. "Ich möchte heraus finden, wie Berührungen in der Behandlung von Menschen mit Essstörungen eingesetzt werden können, damit sie einen Zugang zu ihrem Körper bekommen und sich als ganzheitliches Wesen wahrnehmen", sagt sie.

Vor ihrer Elternzeit hat sie als Kindergärtnerin gearbeitet und davor Soziale Arbeit studiert. "Aber das Thema Berührungen hat mich nicht mehr losgelassen." 

Armin Schmidt ist überzeugt davon, dass Dorothea Ristau eine Marktlücke entdeckt hat. "Das müsste ein Selbstläufer werden", sagt er. "Natürlich steht und fällt das mit der Chemie. Wenn die passt, dann ist das ein unheimlich spannendes Erlebnis." 

Die Gastgeberin freut sich natürlich, das zu hören. Wenn sich ihre Gäste berührt fühlen, dann habe sie etwas richtig gemacht, und die Welt ein bisschen besser. 

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Alle Infos zum Kuschelangebot von Dorothea Ristau gibt es hier. Per Mail ist sie unter [email protected] erreichbar.


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