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Endlich systemrelevant

Sachsens Bauern hatten noch vor wenigen Wochen Angst um ihre Zukunft, Pflegehelfer wurden knapp. Ändert sich jetzt die Hierarchie der Berufe?

Erinnern Sie sich noch: Es ist noch nicht lange her, da demonstrierten Bauern mit ihren Traktoren in Dresden.
Erinnern Sie sich noch: Es ist noch nicht lange her, da demonstrierten Bauern mit ihren Traktoren in Dresden. © kairospress

Hunderte sächsische Bauern parkten Anfang März ihre Trecker entlang der Brühlschen Terrasse. Sie kamen zur Demo vor dem Landtag, weil sie Zukunftsangst hatten. Besonders in Großstädten wird ihnen pauschal vorgeworfen, für Bienensterben und Nitrat im Grundwasser verantwortlich zu sein, eine Agrarwende wird verlangt. Ein Landwirt aus Wittichenau klagte in Dresden, seine Arbeit sei nicht mehr viel wert. Das gesellschaftliche Ansehen der Bauern sei gering, daher mache die Politik es sich leicht mit kaum zu erfüllenden Vorschriften. Erst wurde das Pflügen eingeschränkt, dann das Düngen. Wenn es mit der Bürokratie so weitergehe, müssten hiesige Bauern aufgeben. Dann kämen noch mehr Importe aus Übersee.

Doch in der Corona-Krise stehen Bauern plötzlich nicht mehr als Brunnenvergifter da, denen der Staat Nitrat und Glyphosat wegnehmen sollte. 

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Landwirte sind jetzt systemrelevant, Lebensmittel sind wieder lebenswichtig. Wer auf Hamsterkauf ging, deckte sich mit Äpfeln, Konserven und Milch ein. Dann kam die Nachricht, die Ernte sei in Gefahr. Schnell kümmerten sich Politiker: Landwirte dürfen Saisonarbeiter aus Rumänien einfliegen lassen. Für die Nahrungsmittelversorgung setzt der Staat sogar Arbeitsschutzregeln außer Kraft.

Allerdings erfuhren die Landwirte, dass nicht nur sie und die Gesundheitsdienstleister systemrelevant sind. Auf der Liste für das Recht auf Kinderbetreuung finden sie sich neben Steuerberatern und Gerichtsvollziehern. Auch Papierfabrikanten sind für unser System unentbehrlich – zwar richteten immer mehr sächsische Dienstleister ihre fast papierlosen Homeoffices ein, aber auf Toilettenpapier will keiner verzichten.

Rasch gab es auch kleinere Zuschüsse für Solo-Selbstständige und eine befristete Mehrwertsteuersenkung auf Wunsch der Gastronomen. Schließlich wollen wir nach der Krise wieder eine funktionierende Freizeitwirtschaft erleben. Unterhaltung und serviertes Essen gehören zum System. Systemkritiker werden gerne als Teil der Unterhaltungsbranche eingeordnet und sind damit selbst systemrelevant.

Wurde jemand vergessen? Bestatter sahen sich übergangen, als ihnen das Desinfektionsmittel auszugehen drohte. Ein fleißiger Mann von der Müllabfuhr im Raum Riesa rief in der Redaktion der Sächsischen Zeitung an, als er von Zuschüssen für Grenzpendler aus dem Gesundheitswesen las, und fand sich im Vergleich zu Schwester Agnieszka ungerecht behandelt. Entsorgung ist ebenso systemrelevant wie Versorgung.

Gibt es überhaupt noch Berufe, die systemirrelevant sind? Also völlig überflüssig oder gar schädlich fürs System? Mir persönlich fehlen derzeit keine Henker und Lamettafabrikanten. Auch Einbrecher brauchen keine Subventionen. Ohne sie könnte allerdings den Krimi-Autoren der Stoff ausgehen und der sächsischen Polizei die Relevanz. Pazifisten dürften in der Corona-Krise, die anders als in Frankreich nicht als Krieg gilt, verstärkt die Relevanz von Soldaten anzweifeln. Allerdings haben manche sich jüngst im Einsatz gegen Borkenkäfer und als Helfer in Altenheimen verdient gemacht.

Die Corona-Krise wird das System etwas verändern. Gesundheitswesen und Landwirtschaft müssen einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen. Doch ob der auch bezahlt wird? Systemrelevanz misst sich erfahrungsgemäß nur zum kleinen Teil am Gehalt. Inhaber großer Laborarztpraxen werden sich bald den zweiten Privathubschrauber leisten können. Am unteren Ende der Gehaltsklassen stehen Reinigungskräfte und Produktionshelfer, obwohl sie unverzichtbar sind. Selbst innerhalb des Gesundheitswesens hat sich eine finanzielle Hierarchie entwickelt, in der zum Beispiel Radiologen über Kinderärzten stehen und Krankenpfleger meist über Altenpflegern.

Schon vor der Krise gab es viele Ideen, wie das Einkommen in wichtigen Berufen verbessert werden könnte. Damit Pfleger mehr bekommen, muss die Pflegeversicherung ausgebaut werden. Landwirte erzielen höhere Preise mit regionalen Produkten und Direktvermarktung an Großküchen, die Politik fördert das. Manche Änderungen werden unter Druck schneller möglich, das hat die Krise gezeigt.

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Einen Systemwechsel aber, eine revolutionäre Veränderung, werden wir nicht erleben. Die Hierarchie der Berufe ist über Jahrzehnte entstanden. Nur zum Teil lassen sich die Unterschiede durch Bildung erklären, manche sind ungerecht, vieles hat mit Tradition zu tun. Es liegt mal wieder: am System.

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