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Berufspendler am Abstellgleis

Auf dem Putzkauer Bahnhof könnten viel mehr Fahrgäste einsteigen. Wenn die Züge denn bedarfsgerecht fahren würden.

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Von Ingolf Reinsch

Mario Dolecek pendelt jeden Tag von Putzkau zur Arbeit nach Dresden. Dafür nutzt er den Zug. Eigentlich eine feine Sache. Immerhin ist sein Heimatort durch die Regionalbahn direkt mit der Landeshauptstadt verbunden.

Doch so einfach ist es für den Schichtarbeiter nicht, zur Arbeit zu kommen. Denn irgendein Anschluss klappt immer nicht.

Hat Mario Dolecek Frühschicht, käme er ohne Probleme mit dem Zug von Putzkau nach Dresden. Am Nachmittag allerdings müsste er in Bischofswerda umsteigen und eine Stunde auf den Anschlusszug warten. Also fährt Mario Dolecek an diesen Tagen früh mit dem Auto nach Bischofswerda und steigt dort in den Zug ein, der zuvor auch in Putzkau hält.

Bei der Spätschicht ist es genau andersherum. Da könnte der Putzkauer am Abend ohne umzusteigen von Dresden nach Hause fahren. Allerdings fährt am Mittag kein Zug zur passenden Zeit von Putzkau. Also fährt Mario Dolecek an diesen Tagen nach Weickersdorf und lässt sein Auto dort stehen. Denn am Bischofswerdaer Bahnhof bekommt er am Mittag keinen Parkplatz mehr. Von Weickersdorf geht’s dann mit der Bahn nach Dresden. Bei schönem Wetter lässt der Putzkauer, der begeisterter Freizeitsportler ist, den Mittagszug sausen und fährt mit dem Rad. Immerhin kann er dann am Abend den durchgehenden Zug nehmen. Allerdings tut sich da schon wieder ein anderes Problem auf: Da er sein Fahrrad dabeihat, braucht er drei Fahrkarten: seine normale Monatskarte und jeweils ein Fahrradticket für die beiden Verkehrsverbünde Oberelbe und Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon).

Zentrale Bahnhöfe werden gestärkt

„Wenn ich Nachtschicht habe, geht ab Putzkau gar nichts“, sagt Mario Dolecek. Dann bleibt ihm wieder nur, mit dem Auto nach Bischofswerda zu fahren und dort in den Zug zu steigen.

Andere Berufspendler aus Putzkau und Neukirch machen ähnliche Erfahrungen. „Für Leute, die in Schichten arbeiten, sind die Zugverbindungen nicht bedarfsgerecht“, sagt Dr. Markus Helbig. Der Arzt pendelt von Putzkau zur Arbeit in ein Dresdner Krankenhaus. Sein Vorschlag: Regionalexpresszüge der Linie Dresden – Zittau könnten im Berufsverkehr als Regionalbahnen fahren. Dann würden sie nicht nur in größeren Orten wie Bischofswerda, Neukirch-Ost und Wilthen, sondern auf allen Bahnhöfen halten. „Bessere Verbindungen würden der Bahn mehr Reisende bringen“, ist Dr. Markus Helbig überzeugt.

Zählungen des Verkehrsverbundes Zvon haben ergeben, dass an einem durchschnittlichen Wochentag in Putzkau nur fünf Reisende ein- und vier aussteigen. Auf dem benachbarten Bahnhof Neukirch-West sind es neun bzw. elf Fahrgäste. Beide Haltepunkte stehen zur Disposition. Eine Entscheidung, ob und wann sie aufgegeben werden, gibt es noch nicht. Ein denkbarer Termin wäre Dezember 2014. Dann tritt nicht nur der neue Bahnfahrplan in Kraft. Es gibt möglicherweise nach einer Ausschreibung auch einen neuen Betreiber auf der Bahnlinie Zittau – Dresden. Bestätigt ist dieses Datum allerdings noch nicht. „Wir wollen zunächst die Lage sondieren und die Meinungen der betroffenen Gemeinden einholen, wie sie zum Erhalt der Bahnhöfe stehen“, sagt Christoph Mehnert, stellvertretender Geschäftsführer des Verkehrsverbundes.

Erklärtes Ziel des Zvon ist es, Bahnhöfe in zentraler Lage wie etwa Bischofswerda und Neukirch-Ost zu stärken. „Deswegen entstanden bzw. entstehen dort auch Parkplätze für Leute aus dem Umland, die ihr Auto am Bahnhof abstellen und mit der Bahn weiterfahren“, sagt Christoph Mehnert. Für eine Abstufung des Zittauer Regionalexpresses zur Regionalbahn sieht er kaum Chancen: „Die Fahrzeit ist schon jetzt sehr lang.“

Zentrale Bahnhöfe zu stärken, heißt im Umkehrschluss freilich auch, kleinere Bahnhöfe zu schwächen, indem dort immer weniger Menschen ein- und aussteigen. Gemeinden und Bürger wollen das nicht hinnehmen. In Neukirch befragte die Gemeinde die Einwohner im Niederdorf – mit überraschender Resonanz: Über 150 Fragebögen wurden ausgefüllt und zurückgesandt. Momentan werden sie in der Gemeindeverwaltung ausgewertet. Und die Gemeinde Schmölln-Putzkau schreibt in ihrer Stellungnahme an den Zvon: Sollte der Haltepunkt Putzkau aufgegeben werden, könnte das der Einstieg sein, weitere kleine Bahnhöfe früher oder später zu schließen. Mit dem Bahnhaltepunkt in Schmölln könnte es da sogar im Gemeindegebiet einen weiteren Anwärter geben.

Dem vom Zvon und anderen Verkehrsplanern vorgetragenen Argument, der Haltepunkt in Putzkau sei abgelegen, widersprechen Pendler wie Mario Dolecek und Markus Helbig. „Kindergarten, Feuerwehr, Rittergut und Schule sind weniger als ein Kilometer entfernt. Also ist ein guter Teil des Dorfs in zehn Minuten zu Fuß zu erreichen“, sagt Dr. Markus Helbig. Und Mario Dolecek schafft den Weg zum Bahnhof in noch kürzerer Zeit. Zu Fuß, ohne sein Rennrad.