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Berufsschul-Rochade im Landkreis geplant

Riesa soll Metallbauer verlieren, Meißen die Dachdecker. Dennoch spricht der Freistaat davon, dass der ländliche Raum gewinnt.

Präzises Schweißen gehört zur Metallbauer-Lehre dazu. Die dazugehörigen Berufsschulklassen sollen in Riesa künftig wegfallen. Dabei gibt es im Kreis Meißen laut Handwerkskammer Dresden 162 Metallbau-Betriebe.
Präzises Schweißen gehört zur Metallbauer-Lehre dazu. Die dazugehörigen Berufsschulklassen sollen in Riesa künftig wegfallen. Dabei gibt es im Kreis Meißen laut Handwerkskammer Dresden 162 Metallbau-Betriebe. © Andreas Weihs

Riesa/Landkreis Meißen. Schweißen, flexen, schrauben: Riesa ist seit Jahrzehnten als Stahlstadt bekannt. Nicht nur durch das Stahlwerk, auch durch ein modernes Rohrforschungszentrum und die Studienakademie mit diversen technischen Studiengängen. Jetzt allerdings gibt es Aufregung: Der Freistaat plant, Riesa zugunsten von Bautzen die handwerklichen Metall-Klassen an der Berufsschule zu nehmen. Gleichzeitig soll einer Reform der sächsischen Berufsschulen auch die Dachdecker-Ausbildung in Meißen zum Opfer fallen.

"Damit gäbe es überhaupt keine Bau-Ausbildung mehr im Landkreis", stellt Jens-Torsten Jacob missbilligend fest. Die Maler und die Maurer habe man schon verloren, so der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Meißen. Dabei gibt es laut Handwerkskammer Dresden im Kreis Meißen 710 Handwerks-Betriebe in der Sparte Bau/Ausbau, davon allein 97 Dachdecker. "Im Gegenzug sollen wir die Friseur-Ausbildung nach Meißen kriegen", sagt Jacob ohne spürbare Begeisterung.

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Denn gleichzeitig soll das Berufliche Schulzentrum (BSZ) Meißen/Radebeul die verbliebene Bäckerklasse in Meißen verlieren. "Dabei haben wir dort eine größere und besser ausgestattete Backstube als in Dresden", sagt Kreishandwerksmeister Peter Liebe, der es als Bäckermeister wissen muss.

Zwischenzeitlich war die Rede davon gewesen, dass alle Bäcker nach Bautzen wechseln sollen. Auch damit hätte man sich im Kreis Meißen abgefunden, weil in Bautzen ebenfalls gute technische Bedingungen herrschen. Nun aber sollten die Bäcker nach Dresden und Görlitz wechseln, obwohl doch dafür in Dresden erst noch viel investiert werden müsse. "Die Qualität der Ausbildung ist für uns wichtiger, als die Frage nach dem Standort", sagt Jens-Torsten Jacob.

Aber Riesa und Meißen würden gute Bedingungen für die Berufsausbildung bieten. Und man dürfe nicht vergessen, dass das Handwerk der größte Ausbilder sei. "Handwerker bilden im Kreis Meißen 738 Lehrlinge aus. Kein einziger großer Industriebetrieb hat so viel, die Elblandkliniken auch nicht", sagt Jacob.

Sind nicht begeistert von den Plänen des Kultusministeriums: Meißens Kreishandwerksmeister Peter Liebe (l.) und Jens-Torsten Jacob, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.
Sind nicht begeistert von den Plänen des Kultusministeriums: Meißens Kreishandwerksmeister Peter Liebe (l.) und Jens-Torsten Jacob, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. © Sebastian Schultz

Gewinnen sollen die Berufsschulen im Elbland allerdings nicht nur bei den Friseuren. Auch bei den Mechatronikern soll es in Meißen ein Plus geben, in Riesa ebenfalls. Außerdem sollen in Riesa Elektroniker in der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik dazu kommen.

Insgesamt soll es laut den Planungen am BSZ Riesa sogar ein deutliches Schülerplus geben (+91), im BSZ Meißen/Radebeul immerhin ein Leichtes (+4). Für das BSZ Großenhain ist dabei keine Änderung geplant.

Der Freistaat gibt an, bei der Neustrukturierung bewusst auf den ländlichen Raum zu setzen. Aktuell gibt es im Freistaat 61 Berufliche Schulzentren, die von rund 70.000 Schülern und Lehrlingen besucht werden. 49.000 davon absolvieren eine duale Berufsausbildung. Der demografische Wandel und neue Anforderungen an die berufliche Bildung würden eine landesweit abgestimmte Planung erfordern.

Dabei geht es auch darum, Kompetenzzentren zu bilden. Das begrüßt man bei der Kreishandwerkerschaft Meißen. Aber warum das Thema Metall dann nicht in Riesa landet - mit der Vielzahl der Betriebe in der Region, dem Forschungszentrum, der Studienakademie - kann Jacob nicht verstehen. "Bei uns gibt es doch mehr Synergien  für Metallberufe als in Bautzen."

Sorge hat man bei der Kreishandwerkerschaft allerdings, weil mit dem Wegfall der Metall- und Dachdeckerausbildung auch die Angebote Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) und Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) wegfielen. Diese Angebote richten sich an Jugendliche, die keine reguläre Lehrstelle abbekommen haben. "Und daraus konnten unsere Betriebe auch hin und wieder Nachwuchskräfte gewinnen", sagt der Geschäftsführer. Ein für Meißen geplantes BVJ "Körperpflege" könne da kein Ersatz sein.

Die Entscheidung darüber trifft das Sächsische Kultusministerium. Dabei begrüßt man es auch in Riesa, dass die Berufsschul-Planungen nicht mehr dezentral auf Landkreis-Ebene gemacht werden, sondern zentral beim Freistaat: "Das haben wir immer gefordert", sagt Kreishandwerksmeister Peter Liebe.

Zumal bislang Investitionen in die Einrichtungen ausgeblieben seien, weil es keine verlässlichen Angaben zur Zukunft der Berufsschulen gab. Entscheidend waren bislang immer die Klassengrößen - kamen nicht genug Schüler zusammen, fiel eine Klasse weg.

Dabei würde es im Elbland schon helfen, wenn man das Wohnortprinzip der Lehrlinge konsequent anwenden würde: Wo ein Lehrling wohnt, soll er auch in die Berufsschule gehen. "Weil sie es von früher so kennen, schicken viele Betriebe aus dem Landkreis aber ihre Lehrlinge mit einer Ausnahmeregelung nach Dresden - obwohl sie eigentlich im Kreis Meißen eine Berufsschule hätten", sagt Jens-Torsten Jacob. In Riesa wären die Klassen voll, wenn nicht manch Radebeuler oder Weinböhlaer nach Dresden gehen würde.

Auch deshalb lasse man sich im Kreis Meißen etwas einfallen, heißt es von der Kreishandwerkerschaft. Nicht nur mit dem unlängst vom Bundesforschungsministerium prämierten Projekt "WIR", das in Riesa unter anderem eine offene Werkstatt und die bessere Vernetzung von Akteuren vorsieht. Außerdem plane man eine Jugendbauhütte im Kreis Meißen, an der sich ein Freiwilliges Soziales Jahr "Denkmalpflege" absolvieren ließe. Potenzial dafür gebe es in der Region genug.

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