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Auch Pferde haben Druck

Warum Galopprennen trotz Corona stattfinden müssen? Die Besitzerinnen der Stute Cape Sepoy geben die Antwort - und dürfen Samstag in Dresden live dabei sein.

Die Stute Cape Sepoy dreht ihre Runde mit Pflegerin Emelie Brosis.
Die Stute Cape Sepoy dreht ihre Runde mit Pflegerin Emelie Brosis. © Matthias Rietschel

Dresden. Wenn Cape Sepoy am Samstag auf der Rennbahn in Dresden zum Start galoppiert, steigt der Puls bei zwei Frauen. Chantal Mecklenburg und Jil-Katharina Fischer leiten die Besitzergemeinschaft, der die Stute gehört. Und diesmal werden sie vor Ort sehen, wie sich ihr Pferd schlägt. Denn anders noch als beim ersten Renntag nach der Corona-Zwangspause vor einer Woche dürfen nun auch die Besitzer der Tiere auf die Anlage, also maximal zwei.

Die beiden Frauen haben demnach sogar doppeltes Glück, denn eigentlich gehören der Besitzergemeinschaft des Stalls Equus Maximus acht Personen an. „Wir haben mit allen gesprochen. Einige hätten sowieso nicht gekonnt. Die anderen waren einverstanden“, sagt Chantal Mecklenburg.

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Also fährt sie mit ihrer Schwester Jil-Katharina Fischer die rund 500 Kilometer aus Riedstadt in Hessen nach Dresden, um erstmals in diesem Jahr dabei zu sein, wenn ihre Stute läuft. Cape Sepoys Saisonauftakt am 10. Mai in Hoppegarten fand noch ohne Besitzer statt. „Das war nicht schön für uns. Wir waren traurig, nicht dabei sein zu dürfen“, meint Fischer, denn bislang sind sie immer und überall dabei gewesen.

"Das ist so ähnlich wie beim Fußball mit Geisterspielen"

Stattdessen hielt sie Heike Frohburg, die den Stall des Trainers Stefan Richter in Dresden managt, mit Fotos und Videos auf dem Laufenden. „Das Herz pochte schon nach dem ersten Bild von der Ankunft. Solche Emotionen gehören dazu“, sagt Mecklenburg. Auch ihre Schwester vermisst das Liveerlebnis. „Wir haben uns alle Veranstaltungen im Livestream angeschaut und nicht immer gesehen, was passiert. Das war seltsam und ungewohnt“, sagt Fischer. Gerade die letzten Meter verbringen beide immer nur kreischend.

Das dürfte diesmal an der Ziellinie vor der Haupttribüne deutlicher denn je zu hören sein. Anstelle der bis zu 12.000 Besucher sind nur knapp 500 Personen zugelassen. Neben den für die Organisation und Durchführung des Renntags nötigen Fachkräften dürfen aber erstmals auch die Mitglieder des Dresdener Rennvereins auf die Bahn und eben einige Besitzer.

Fischer und Mecklenburg verstehen die strengen Regeln. „Die Corona-Krise ist eine außergewöhnliche Situation. Die Gesundheit steht an oberster Stelle“, sagt Fischer. Und doch sei es auch sehr wichtig, dass es wieder Galopprennen gibt, wenn auch ohne Publikum. „Das ist so ähnlich wie beim Fußball mit Geisterspielen“, sagt Mecklenburg. Ihr geht es vor allem um die Rennställe und -vereine, die mit den Renntagen ihr Geld verdienen. Und die immensen Wettumsätze, Dresden vermeldete vergangenen Freitag mit fast 300.000 Euro gar einen neuen Rekord, würden zudem zeigen, wie groß das Interesse am Galoppsport sei.

„Da dachten wir schon mal: Ach Pitti“

Die beiden Frauen, die ein Fisch-Spa betreiben, also eine besondere Form der Fußpflege, fanden vor ein paar Jahren durch Zufall zum Galopprennen. Frohburg postete bei Facebook etwas von einem Pachtpferd. Fischer schrieb einen Kommentar und schickte einen Link an ihre Schwester. „Dresden ist so weit weg“, antwortete sie. Beide fuhren trotzdem hin. „Da waren wir das erste Mal beim Rennstall Richter, und es war um uns geschehen. Wir können es nicht erklären. Wir fühlen uns da zu Hause“, sagt Mecklenburg.

Sie begannen mit einem kleinen Anteil bei der Stute Sol Y Vida und stiegen später bei dem Wallach Palace King größer ein. Beide übernahmen die Leitung der Besitzergemeinschaft und begleiteten Pitti, wie sie das Palace King nennen, vom ersten Einsatz 2016 in Leipzig bis zum letzten Ritt im vergangenen Jahr auf der Bahn in Dresden-Seidnitz. „Es ist schon etwas Besonderes, eine so lange Zeit mit einem Pferd erleben zu dürfen. Pitti war nie krank und uns immer treu“, sagt Fischer.

Natürlich habe der Wallach auch Nerven gekostet, weil er eine Eigenschaft hat, die so gar nicht zum Rennsport passt. Palace King verausgabte sich nur selten. „Da standen wir schon mal an der Bahn und dachten: Ach Pitti. Doch das haben wir ihm gern verziehen. Er passte einfach immer gut auf sich auf und tat sich nichts. Das ist ja auch Gold wert“, sagt Mecklenburg.

Das Pferd kostet bis zu 2.000 Euro pro Monat

Das eine Mal überraschte Palace King jedoch alle. „Bei seinem vorletzten Start in Hoppegarten lief er das Rennen seines Lebens. Es fehlten zwar Millimeter zum Erfolg, aber Pitti zeigte uns erstmals, dass er so richtig kämpfen kann. Es fühlte sich wie ein Sieg an. Wir waren alle außer uns vor Freude“, sagt Fischer. Die Besitzergemeinschaft sei ohnehin eine tolle Truppe, in der es sehr harmonisch zugeht. Und die sich jetzt auch bei Cape Sepoy die Kosten von rund 1.500 bis 2.000 Euro monatlich teilen, ebenso natürlich die Prämien.

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